Sie sind wieder da: Bechstein, Alexis & die Preußischen Husaren. Wie Arnstadt am Samstag 750 Jahre Stadtrecht feiert

Hoch zu Ross Geschichte nachstellen - Jens Schulz-Nguyen (links) und Udo Schrötter. (Foto: RossFoto Dana Krimmling)
Arnstadt: ... |

Sie sind Lehrer, Selbstständige, stehen mitten im Berufsleben. Doch nach Feierabend beginnt die Reise in eine andere Zeit. Wie Thüringer Kavalleristen Geschichte am Leben halten.

Dreißigjähriger Krieg, Befreiungskriege, Kaiserzeit - diese Zeitabschnitte prägten unsere Geschichte, beeinflussten nicht nur die europäische, sondern ebenso die Stadtgeschichte Arnstadts nachhaltig. Neben Geschichtsbüchern und Museen können Festumzüge Geschichte lebendig darstellen – mittels authentischer Nachstellungen. Aus dieser Intention gründete sich vor vier Jahren der Deutsche Kavallerieverband im thüringischen Waltershausen. AA-Autorin Jana Scheiding wollte mehr erfahren und traf sich mit Udo Schrötter und Jens Schulz-Nguyen, beide im Vorstand und aktive Kavalleristen.

Interessieren sich viele Thüringer für Kavallerie, also den Kampf zu Pferde?
Udo Schrötter: Nicht nur. Der Verband ist eine europaweit agierende Vereinigung historisch interessierter Reitsportenthusiasten, die sich mit Geschichtsdarstellung, dem so genannten Reenactment verschrieben haben. Deshalb kommen unsere Mitglieder aus ganz Deutschland und natürlich dem gesamten Freistaat, zum Beispiel aus Weimar, Pößneck, Gotha oder Arnstadt. In Zimmern bei Bad Langensalza haben wir unser Reitsportzentrum. Auf dem Reiterhof "Drei Tannen" treffen wir uns jeden Mittwoch zum Training.

Was genau trainieren Sie dort?
Jens Schulz-Nguyen: Jede Zeit hatte ihre eigenen Reitweisen. Wir wollen so authentisch wie möglich sein, deshalb müssen wir so reiten, wie das Militär es damals tat.

Damals gab es aber keine Frauen im Militär...
Udo Schrötter: Das hat sich geändert. Wir nehmen auch Frauen auf. Das ist aber nicht überall so. Andere Länder, die dieser jungen Sportart des Kavalleriereitens frönen, sind Frauen gegenüber nicht so aufgeschlossen.

Welche Pferde setzen Sie ein?
Udo Schrötter: Vom Oldenburger über den Hannoveraner bis zum Thüringer Sportpferd. Unser Ausbildungsleiter Karl Wollenhaupt vom Reiterhof hat ein gutes Gespür für die passenden Tiere.

Üben Pferde immer noch eine Faszination auf Menschen aus - abgesehen vom Reitsport?
Jens Schulz-Nguyen: Pferde sind im Kopf des Menschen als erhabene Tiere verankert, auch wenn er sie heute kaum noch als Nutztiere, sondern vielmehr als Freitzeittiere einsetzt.

Aber nicht jedes Pferd ist für Ihre Zwecke geeignet?
Jens Schulz-Nguyen: Die Tiere müssen natürlich auch trainieren, denn wir führen Geschicklichkeitsübungen mit Lanzen und Hiebwaffen vor. Seit drei Jahren tragen wir Internationale Deutsche Meisterschaften im Kavalleriereiten auf dem Boxberg bei Gotha aus.
Udo Schrötter: Ungeübte Pferde haben Stress bei Umzügen, wo für sie unvorhersehbare Dinge geschehen: Ein Ballon platzt, Musik spielt, Kinder rennen, Hunde bellen. Das Militär hatte zu jeder Zeit die am besten trainierten Pferde. Aber nicht nur der militärische, auch der alltägliche Umgang mit Pferden geriet in Vergessenheit. Wenn ein Landarzt früher zu seinen Patienten über Land musste sattelte er sein Pferd oder spannte es an – bei jedem Wetter. Wassergräben und Unwegsamkeiten durften kein Problem darstellten.

Was fasziniert Sie an den Geschichtsnachstellungen?
Udo Schrötter: Ich finde Geschichte an sich faszinierend und kam über das napoleonische Zeitalter dazu. Ich habe viel recherchiert, alles soll so authentisch wie möglich ablaufen. Natürlich ist es auch eine Art des Spielens - aber es folgt einer Choreografie, hat einen wahren Hintergrund.
Jens Schulz-Nguyen: Wir sind keine ewig Gestrigen - wir leben ja jeder unsere Realität. Aber wir wollen auch unsere Traditionen pflegen. Ich habe als Kind Zinnsoldaten gesammelt und irgendwann wollte ich wissen, wie Ausrüstung und Uniformen tatsächlich aussahen. Seit ich 16 bin, beschäftige ich mich mit historischen Uniformen. Auch Fachsimpeln gehört dazu und mit dem, was wir reiterlich tun, laufen wir manchem sportlichen Wettkampf den Rang ab.

Apropos Uniformen: Fühlen Sie sich darin als andere Menschen?
Udo Schrötter: Das hat schon etwas - ein uniformierter Reiter war zu jeder Zeit ein Blickfang. So auch heute. Männer in Uniformen waren damals ein Modesymbol. Für die Helme gab es sogar Helmkoffer. Darin transportierten sie die Helme, um damit unversehrt in die Schlacht zu ziehen – widersinnig, aber historisch. Heute braucht man Jahre, um eine komplette Ausstattung zusammenzutragen. Vieles wird nicht mehr hergestellt.
Jens Schulz-Nguyen: Ein anderer Mensch bin ich dadurch nicht, aber ich begreife Geschichte anders. Ich weiß, das ist kein Affentheater, sondern eine ernste Sache.

In Arnstadt reiten Sie als preußische Husaren im Festzug mit. Welche Verbindung hat Thüringen mit Preußen?
Udo Schrötter: Erfurt gehörte zu Preußen, Bad Langensalza war preußische Enklave. Es gab verschiedene historische Ereignisse, die preußische Husaren in diese Gegend führten. Ein Beispiel ist das Drei-Monarchen-Treffen im Oktober 1813. Nach der Völkerschlacht bei Leipzig hatten sich unter der Linde am östlichen Ortsausgang von Dornheim Zar Alexander I. aus Russland, König Friedrich Wilhelm aus Preußen und Kaiser Franz I. aus Österreich getroffen, um zu beraten, wie sie gegen Napoleons Truppen weiter vorgehen wollen.


Zur Sache:
Arnstadt feiert am 18. Juni 750 Jahre Stadtrecht.
Programm: 11 Uhr Festzug mit 39 Bildern - unter anderem die Bachfamilie, Possenreißer, Alexis, Bechstein, Melissantes, den Preußischen Husaren und fünf Kutschen - vom Ried, Riedplatz, Rankestraße, Holzmarkt, An der neuen Kirche, Marktplatz. 11.45 Uhr Übergabe der Stadtrechtsurkunde an den Bürgermeister auf dem Marktplatz. 12.15 Uhr zieht der Festzug weiter vom Marktplatz, An der Neuen Kirche, Erfurter Straße zur Bahnhofstraße. 12.45 Uhr Begrüßung im Schlossgarten. 13.30 Uhr Vorstellung wichtiger Arnstädter Persönlichkeiten in der Konzertmuschel am Theater und Programm zum Bürgerfest.

Als Kavallerie oder Reiterei bezeichnet man eine zu Pferd mit Blank- und Handfeuerwaffen kämpfende Waffengattung der Landstreitkräfte. Der Deutsche Kavallerieverband beschäftigt sich mit Geschichtsnachstellung im zeitlichen Rahmen bis Ende des 1. Weltkrieges.
Höhepunkt 2016 in Thüringen: Die Nachstellung der Doppelschlacht bei Jena-Auerstedt.
Wer mitmachen möchte, sollte möglichst ein eigenes Pferd mitbringen.
www.kavallerieverband.de
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