Vor 90 Jahren gewann der Thüringer Arno Kaufmann das mitteldeutsche Gabelbach-Bergrennen in Ilmenau

Arno Kaufmann (links) im T6, einem der ersten Stromlinienfahrzeuge Deutschlands. (Foto: privat)
 
Rennfahrer Arno Kaufmann (Foto: privat)
Stadtilm: ... |

Man schreibt den 24. August, aber der Sommer hat schon schönere Sonntage gesehen. Dieser Sonntag ist neblig und kühl. Der dichte Wald hält den Nebel gefangen. In der Frühe hat sich eine Gruppe junger Rennfahrer bei Ilmenau versammelt. Sie wollen das Gabelbach-Bergrennen austragen.

Einer von ihnen ist der 36-jährige Arno Kaufmann, erster Mann im Rennstall von Kommerzienrat Ley aus Arnstadt. Die Firma produziert außer Schuhmaschinen seit einiger Zeit auch Automobile. Kaufmann inspiziert die mit Schotter bezogene Rennstrecke entlang des Gabelbaches, schätzt die Risiken ab. Einen Tag zuvor hatten die Männer hier die Startposition ausgefahren. Ein junger Kollege, Mitte 20, sprach Kaufmann an und sagte ihm, dass er sich warm anziehen solle, denn er werde ihn diesmal ausstechen. Kaufmann hatte erwidert: "Dann musst du aber 30 Sekunden schneller sein als ich."


Stein besiegt Technik


Der Startschuss fällt. Arno Kaufmann brettert los. Er fährt eines der ersten Stromlinienfahrzeuge, die in Deutschland produziert wurden. Höchstgeschwindigkeit: 113 Stundenkilometer, 36 PS. Die Fahrt im Nebel ist schwierig, erfordert erhöhte Konzentration. Bäume fliegen vorbei, Schotter spritzt nach allen Seiten. Plötzlich - das Rennen ist fast zu Ende - vernimmt Kaufmann einen Schlag am Auto und hat wenig später keinen Kraftstoff mehr. Ein Stein muss den Tank beschädigt haben. Dennoch geht der erfahrene Rennfahrer als erster ins Ziel. Der junge Kollege, der ihn tags zuvor provoziert hatte, verunglückt schwer und stirbt.
Das war am 24. August 1924 - vor 90 Jahren.

Opa ist allgegenwärtig


Horst Bock schaut sich gern Formel 1-Rennen an und denkt dabei an seinen Großvater Arno Kaufmann, der - obwohl 1970 verstorben – im Haus allgegenwärtig ist. Mal sitzt er als Offiziersfahrer in einem schmucken Auto, mal posiert er mit Ehefrau und Tochter vor dem Fotografen. Ein kleines Foto zeigt ihn am Steuer des T6, mit dem er 1924 das 5. Gabelbach-Bergrennen gewann. Von der Werksleitung Ley war der gelernte Kfz-Schlosser 1910 entdeckt worden und hatte sich zu einem anerkannten Rennfahrer entwickelt, der unter anderem die Bergprüfungsfahrt auf dem Ettersberg bei Weimar und das Bergrennen in Saalfeld-Hoheneiche für sich entschied. 1922 erkämpfte er sich über 4154 Kilometer durch Sand und unwegsames Gelände mit einem Ley-Wagen den Kaiserpokal von St. Petersburg.

"Großvater hatte nie ein eigenes Auto"


"Als der Rennstall bei Ley aufgrund der Weltwirtschaftskrise geschlossen werden musste, machte sich mein Großvater mit einem Fahrrad- und Motorradgeschäft in Stadtilm selbstständig", erzählt Horst Bock. Später wurde daraus ein Omnibusbetrieb, der 1959 mit acht Fahrzeugen als größter Busbetrieb der DDR galt. Das Geschäft - heute ein Autohandel - ist noch in Familienbesitz und wird von Urenkel Thorsten geführt.
"Privat besaß mein Großvater nie ein Auto. Die drei Kilometer an die Arbeit ist er täglich gelaufen", erzählt Horst Bock lachend. Und dann wieder voller Hochachtung: "Mein Großvater sprach nicht viel vom Soldatenleben. Nur dass er Fahrer eines Generals war - wegen seiner Erfolge im Rennsport. Obwohl er mich nützliche Dinge lehrte, mich begleitete und behütete, hatte ich damals keine Fragen an ihn. Heute habe ich eine Menge davon, die für alle Zeit unbeantwortet bleiben."


Hintergrund:
In den Gründerjahren des Automobils testete der Konstrukteur, das war meist der Fabrikbesitzer, seine in die Tat umgesetzten Ideen selbst auf der Rennstrecke.
Kleine Autohersteller konnten sich teure Rennfahrerstars nicht leisten und griffen auf Mitglieder der Belegschaft zurück, wie im Fall Arno Kaufmann.
Stromlinienfahrzeuge kamen in den 1920er Jahren auf, man nutzte dafür aerodynamische Kenntnisse aus dem Flugzeugbau.
Die 4 Kilometer lange Strecke in Gabelbach mit einer Steigung von 16,5 Prozent war dem Thüringer ADAC schon 1904 aufgefallen.
Nächste Ziel- und Ausfahrt zum Gabelbach: 13. und 14. September 2014
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3 Kommentare
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Hannelore Grünler aus Artern | 24.08.2014 | 20:03  
3.050
Antje Hellmann aus Jena | 25.08.2014 | 12:07  
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Renate Jung aus Erfurt | 25.08.2014 | 23:26  
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