Der schönste Stau, in den man geraten kann!

  Wenn sich die Freunde der US-Car-Drivers Thüringen und der Harley-Chapter-Szene treffen, dann ist das ein Hochgenuss für die Sinne.

„Ist das nicht der schönste Stau, in dem man stehen kann?“, fragt Bernd Breuer und meint das wohl eher rhetorisch. Es gibt Fragen, die keiner Antwort bedürfen. Soeben hat sich die Flotte der US-Cars, Harleys und anderer chromblitzender Maschinen in Richtung Bad Langensalza auf den Weg gemacht.
Ziel ist das „American Diner“. – Es muss alles passen.
Die Fahrzeuge anzuschauen ist schon ein erhebender Augenblick. Wenn sie dann noch ihre Motoren anwerfen, klingt das in den Ohren Technikbegeisterter schöner als Musik.
Es ist Samstag, der 1. Oktober, es herrscht absolutes Kaiserwetter und ich darf in Bernds weißer Dodge-Limousine, Baujahr 1957, mitfahren. „Bestimmt müssen wir dich nachher aus dem Auto prügeln“, dröhnt Frank Teupel, von seinen Leuten „Harley“ genannt, mit seinem Bass und lacht. „Wer das Gefühl einmal erlebt, will es immer wieder.“ Gemeinsam mit Klaus Poltsch hat er die Saisonabschlussfahrt der aus ganz Thüringen angereisten US-Car-Drivers und der Harley Chapter-Szene (www.domcity-erfurt-chapter.de) organisiert, bevor die Autos und Motorräder über den Winter stillgelegt werden. Zusammen wollen sie die Rock'n Roll-Zeit aufleben lassen. In Anbetracht der grauen weich gepolsterten Ledersitze im Dodge denke ich: 'Das mit dem Rausprügeln könnte gut möglich sein.'

Bernds Traumschlitten hat 305 PS. Mehr als 120 Kilometer pro Stunde ist der Autonarr damit allerdings noch nicht gefahren. Vor etwa vier Jahren hatte er den Wagen in Brüssel einem Händler abgekauft. Zwar lebt das original Radio noch, doch Bernd überlegt, ob er nicht einen CD-Wechsler einbauen soll. Stolz nennt er noch vier weitere US-Cars sein eigen, darunter einen Ford Pickup mit 7-Liter V8-Motor Diesel (180 PS) und einen schwarzen Ford Landau Ltd. mit V8-Benziner, der 15 Liter verbraucht. Über Sprit denkt Bernd, wenn er den Wagen tageweise zulässt, nicht weiter nach. Für ihn ist das eine recht einfache Rechnung: "Wenn der Tank leer ist, muss ich an die Säule. Wenn das Geld alle ist, kann ich eben nicht fahren". Mit der Wende erfasste ihn die Leidenschaft, seit etwa 15 Jahren fährt Bernd Breuer Oldtimer, die er im Winter aufwändig pflegt. Während er sich in die Kolonne aus gut 15 Autos und 30 Motorrädern einreiht, erzählt er mir, dass in den USA Autos bereits 1963 mit Fensterhebern und allerlei elektrischen Raffinessen ausgestattet waren. „In den 50ern waren die Autos in den USA die reinste Verschwendung an Material und auch Sprit. Der kostete ja kaum was. Man trimmte die Fahrzeuge weniger auf Geschwindigkeit als auf Haltbarkeit und vor allem auf Bequemlichkeit.“
Bernd kann fast zu jedem Fahrzeug vor und hinter uns etwas sagen. Zum Beispiel, dass vor uns ein Dodge Coronet Castum Royal, Baujahr 1959, fährt. "In diesem Auto ist das exklusivste Chrompaket verbaut worden, das es damals gab."

Im Landkreis Gotha, dessen Straßen für solch einen Konvoi wie geschaffen sind, dann die erste Pause. Zum Abkühlen der Motoren und für eine Zigarette. Da bleibt auch Zeit für ein wenig Fachsimpelei und Bestaunen der blankgeputzen Fahrzeuge und Motorräder. Die US-Car-Drivers sind kein Verein. Sie treffen sich etwa drei bis vier Mal im Jahr zu lockeren Ausfahrten. Ansonsten bleibt man telefonisch in Kontakt und wo Hilfe gebraucht wird, wird geholfen. So ist es auch unterwegs. Wenn ein Auto aufgibt - und das ist in Anbetracht des Alters nichts Außergewöhnliches - wird niemand allein gelassen. Doch heute geht alles gut. Es läuft wie am Schnürchen. Minutenlang sind mein Gesprächspartner und ich auch einfach still und genießen nur die Fahrt. Wenn unser Tross ein Dorf passiert, kommen die Leute aus ihren Gehöften, um zu winken und den Karossen staunend hinterher zu schauen. Es ist einfach schön, dabei zu sein.

Im American Diner ist man etwas erstaunt, als statt der 30 angekündigten plötzlich 50 Gäste auftauchen. Aufgrund dieser Tatsache ist man wohl auch ein wenig überfordert. Auf das Mittagessen warten wir zwei Stunden. Während der gutbürgerliche Deutsche jetzt seinen Pflaumenkuchen genießt, verspeisen wir unser Schnitzel. Wir haben trotzdem eine Menge Spaß. Bernd ist am Tisch der Leidtragende - er bekommt sein Essen zuerst. Die Frotzelei muss er also hinnehmen. "Gott sei Dank gibt es heute Abend in Marlishausen noch Bratwurst und Erbsensuppe", ist "Harley" froh. Aber erst, wenn die Harley sicher zu Hause steht. Unsere Motorradfahrer sehen das Ganze nicht so humorvoll. Sie wollen bei dem Wetter fahren und nicht in der Kneipe sitzen. Unsere Gruppe schrumpft.

Am Nachmittag führt der Weg über Mühlberg, wo noch einmal eine Kaffeepause stattfindet. Auf der Rückfahrt erklärt mir Bernd, was es mit den Würfeln, die fast alle mitfahrenden Autos am Spiegel befestigt haben, auf sich hat. In amerikanischen Städten hat es früher Ampelstarts, sogenannte Beschleunigungs-Rennen unter jungen Leuten gegeben. Sie bauten an Autoteilen alles ab, was entbehrlich war, um leichter und schneller als die Konkurrenz zu sein. Geheimes Zeichen waren die "magic dice". Wer in der Szene etwas auf sich hielt, hatte die weichen Flauschwürfel sichtbar im Wagen befestigt und signalisierte damit an der Ampel: Ich bin bereit für ein Duell.

Schneller als gedacht düsen wir über Holzhausen unserem Ziel im Arnstädter Gewerbegebiet entgegen. Ich schaue aus der Rückscheibe, stelle fest, dass ich doch unsere Flossen noch gar nicht fotografiert habe und zücke schnell die Kamera. "Ja", lacht Bernd. "Mit den Flossen, einem Element aus dem Flugzeugbau, hat man früher Eindruck gemacht. Wer die größten Flossen hatte, war der King." Heute machen die Jungs mit anderen Accessoires Eindruck. Entscheidend ist in unseren Zeiten nicht Größe, sondern Tiefe.
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40 Kommentare
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Hannelore Grünler aus Artern | 05.10.2011 | 01:38  
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Katrin Treydte aus Erfurt | 05.10.2011 | 08:42  
Jana Scheiding aus Arnstadt | 05.10.2011 | 10:21  
Helke Floeckner aus Erfurt | 05.10.2011 | 12:30  
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Thomas Twarog aus Erfurt | 05.10.2011 | 12:48  
Helke Floeckner aus Erfurt | 05.10.2011 | 13:14  
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Thomas Twarog aus Erfurt | 05.10.2011 | 13:40  
Helke Floeckner aus Erfurt | 05.10.2011 | 13:43  
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Thomas Twarog aus Erfurt | 05.10.2011 | 13:46  
Helke Floeckner aus Erfurt | 05.10.2011 | 13:47  
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Thomas Twarog aus Erfurt | 05.10.2011 | 13:49  
Helke Floeckner aus Erfurt | 05.10.2011 | 14:03  
Jana Scheiding aus Arnstadt | 05.10.2011 | 15:01  
Helke Floeckner aus Erfurt | 05.10.2011 | 15:05  
Jana Scheiding aus Arnstadt | 05.10.2011 | 15:06  
Helke Floeckner aus Erfurt | 05.10.2011 | 15:13  
Jana Scheiding aus Arnstadt | 05.10.2011 | 16:48  
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Frank Stietz aus Arnstadt | 06.10.2011 | 13:50  
Jana Scheiding aus Arnstadt | 06.10.2011 | 14:03  
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Holger Greilach aus Erfurt | 06.10.2011 | 15:13  
Jana Scheiding aus Arnstadt | 06.10.2011 | 15:14  
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Holger Greilach aus Erfurt | 06.10.2011 | 15:39  
Jana Scheiding aus Arnstadt | 06.10.2011 | 15:43  
Helke Floeckner aus Erfurt | 06.10.2011 | 15:58  
Jana Scheiding aus Arnstadt | 06.10.2011 | 16:35  
Helke Floeckner aus Erfurt | 06.10.2011 | 16:46  
Jana Scheiding aus Arnstadt | 06.10.2011 | 16:51  
Helke Floeckner aus Erfurt | 06.10.2011 | 16:53  
Jana Scheiding aus Arnstadt | 06.10.2011 | 16:54  
Helke Floeckner aus Erfurt | 06.10.2011 | 16:56  
Helke Floeckner aus Erfurt | 06.10.2011 | 17:00  
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Wolfgang Ehrhardt aus Ilmenau | 06.10.2011 | 17:44  
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Hannelore Grünler aus Artern | 06.10.2011 | 18:59  
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Holger Greilach aus Erfurt | 07.10.2011 | 09:34  
Jana Scheiding aus Arnstadt | 07.10.2011 | 10:11  
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Ulf Wirrbach aus Gotha | 21.10.2011 | 17:31  
Jana Scheiding aus Arnstadt | 23.10.2011 | 12:13  
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Petra Seidel aus Weimar | 27.10.2011 | 20:18  
Jana Scheiding aus Arnstadt | 31.10.2011 | 17:13  
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Petra Seidel aus Weimar | 31.10.2011 | 19:05  
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