In jeder Gurke steckt ein Frosch - Wie Schnitzgenies aus Kürbis und Co. künstlerische Objekte zaubern

  Wenn Jan Hofmann mit Ausstecher, Schnitzmesser, Spatel und Meißel seinem Werkstück zu Leibe rückt, ist er vor Überraschungen nie sicher. Sein Werkstoff darf weder zu hart noch zu weich sein. Was einmal verschnitten ist, kann kaum korrigiert werden. Dazu muss man wissen: Hofmann ist ein sogenannter „Food Artist“ und im Oktober – natürlich – auf Kürbisse gepolt. Als eines von etwa vierzig über alle Bundesländer zerstreuten Mitgliedern gehört der Banker aus Holzhausen zum Xiang Wang Team, das seit vierzehn Jahren in Deutschland agiert und die Menschen mit professioneller Obst- und Gemüse-Schnitzkunst verzaubert. Wang, inzwischen mehrfacher Weltmeister im Obst- und Gemüseschnitzen, war in China einer der begabtesten Männer seines Jahrganges und erlernte die Kunst von Leibköchen des Mao Tse-tung. Olympia-Goldmedaillengewinnerin Konstanze Töpel (2004) brachte die Schnitzkunst gemeinsam mit Wang nach Deutschland. Unter der Leitung von Bernd Fabian entstand 2009 der kreative Verein Food-Artistic e.V.
Aus Lebensmitteln Kreatives herzustellen, liegt Hofmann nach eigener Aussage im Blut. Die Großeltern, Onkel und Schwester sind Bäcker beziehungsweise Konditoren. „Und dann die vielen Kochsendungen im Fernsehen“, schmunzelt Hofmann. „Die haben mich für das Thema sensibilisiert. Auf einer Kreuzfahrt habe ich die Gemüseschnitzer dann mal live gesehen und war sofort begeistert.“ Hofmann zieht Erkundigungen ein und stößt auf das Team um Xiang Wang. 2008 belegt er einen Grundkurs bei dem gebürtigen Chinesen, lernt Schnitttechniken und Werkzeugeinsatz – und fängt sich den Schnitzvirus ein.
„Mein erstes Werk war ein Kakadu aus Rettich“, erinnert sich der Hobbyschnitzer. „Obwohl das Einsteigermodell eigentlich der Apfelschwan ist.“ Um das Fruchtfleisch weiß zu halten, wird während dieser Arbeit Wasser mit Zitrone gespritzt.
Zwischenzeitlich hat Hofmann viel dazu gelernt. Aus Gartenfrüchten entstehen die schönsten Blumen, Tiere und sogar Gebäude. Über die von Anfängern gefürchtete Angstrose ist er also längst hinaus. „Diese Rose aus Roter Beete muss so ebenmäßig und hauchdünn geschnitzt sein, dass sie in einem Rosenstrauß nicht sofort ins Auge fällt“, erklärt Jan Hofmann. Indie Finger geschnitten hat sich der Künstler schon öfter. „Aber nicht beim Schnitzen, sondern beim Abtrocknen der Messer“, lacht er. Die Schnitzmesser müssen scharf und vor allem biegsam sein – „für saubere Bögen“, erklärt Jan Hofmann. Vier- bis fünfmal im Jahr treffen sich die Vereinsmitglieder, um gemeinsam zu schnitzen und sich auszutauschen. Wenn der Schlachtruf „Schnitz… Gut!“ erklingt, wird es ernst. Zuletzt konnte man das mit Talent gesegnete Team auf der Kochmesse in Erfurt erleben. „Beim Schauschnitzen unterhalten wir uns, weil wir uns so selten sehen“, erzählt Hofmann. „Bei Wettbewerben hingegen herrscht äußerste Konzentration, denn hier geht es nach Zeit. Es muss schnell und trotzdem korrekt gearbeitet werden.“ Vorvergangenes Wochenende schnitzt der Verein Kürbisse in Ludwigsburg – vor 5000 Zuschauern. Jährlich findet dort die Kürbisregatta statt. Beleuchtete Kürbisse treiben dann auf einem kleinen See und verbreiten romantische Stimmung.
„Sie stehen vor einem 500 bis 800 Kilo schweren Kürbis und überlegen, was Sie damit tun“, beschreibt Hofmann die Anspannung. Ein Kürbis dieser Größenordnung schlägt auch im Etat ordentlich zu Buche – mit 500 Euro und mehr. Es darf also möglichst nichts daneben gehen. Und wenn doch? – „Für Pannen gibt es lebensmittelechten Gemüseleim. Daran beißen Sie sich die Zähne aus.“
In der Obst- und Gemüseschnitztechnik unterscheidet man die chinesische und die thailändische Methode. Während die erste reelle Objekte hervorbringt, zeigt die zweite viel Phantasie und Schnörkel. Jan Hofmann kennt sich auch mit den Gepflogenheiten in den jeweiligen Ländern aus und macht das am Beispiel China fest: „Wenn dort Schnitzdeko mit dem Essen serviert wird, ist das eine Ehre für den Gast. Man darf sie keinesfalls essen – sonst wird man nicht wieder eingeladen.“
32 Obst- und Gemüsesorten eignen sich fürs Kunstschnitzen. Darunter die Erdbeere – „aus ihr kann man Vögel machen“ – und die Klassiker wie Gurke, Rettich, Melone, Möhre und eben der Kürbis. Gearbeitet wird frei nach dem Schnitzer-Motto: „In jeder Gurke steckt ein Frosch“.
Entsprechende Materialien beziehen die Schnitzer nicht mal eben aus dem Supermarkt, sondern von speziellen Händlern, die beim Großhandel nach Schnitzkriterien einkaufen. Und selbst dann gibt es keine Sicherheit. „Manchmal müssen wir mitten in der Arbeit die Schnitttechnik ändern“, weiß Jan Hofmann. Für Halloween hat er auf seinem Grundstück sicherheitshalber selbst Kürbisse angebaut. „Leider ist die Hälfte davon gestohlen worden“, bedauert er. Das kann ihm die Freude am Schnitzen aber nicht vergällen. Am 31. Oktober sind die Schnitzer zu Gast auf der ega und zeigen dort, wie man eine möglichst gruselige Fratze in den Kürbis schnitzt. Kühl gelagert, hält er sich dann mindestens zwei Wochen.

Termine:
31. Oktober, 14 bis 18 Uhr, Kürbisschlachtfest auf der ega, je nach Wetter auf Festplatz oder in Empfangshalle. Weitere Termine Ende November auf www.food-artistic.de

Infos:
www.food-artistic.de
www.lkz.de
www.blue-ba.de
www.kuerbisausstellung-ludwigsburg.de
Mehr zum Verein und Aktivitäten bei dem Vereinsvorsitzenden Bernd Fabian (Telefon: 03561/3675)
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Gunter Linke aus Saalfeld | 29.10.2012 | 18:50  
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Karin Jordanland aus Artern | 29.10.2012 | 19:55  
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Hannelore Grünler aus Artern | 29.10.2012 | 20:09  
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