65 Jahre Partnerschaft zwischen den Kirchgemeinden Wiehe und Enkheim

Pfarrer Gottfried Braasch in seiner Welt: Im Krichenarchiv durchforstet er duzende Namensregister. Foto: Heyder
 
Postanschrift: Russische Zone.
Wiehe: Kirche |

Manchmal ärgert sich Pfarrer Gottfried Braasch, wenn ihm gerade mal ein Name nicht einfällt. Oder er vergessen hat, in welchem Jahr etwas genau gewesen ist. Die Geschichten dazu hat er allerdings immer parat.

Am 17. Februar wurde er 80 Jahre alt. Von 1964 bis 1993 kannten ihn die Bürger von Wiehe als ihren Pfarrer.

Seine Thermoskanne hat er immer dabei, wenn er im Kirchenarchiv sitzt und wie er sagt, „einem Hobby nachgeht“. Er studiert Namensregister, forscht zu den Einwohnern und Geschichten des Ortes. Viel Wissen über deren berühmtesten Einwohner, den Historiker Leopold von Ranke, hat er zusammengetragen. Namen aus dem 17. und 18. Jahrhundert in langen Listen geht er Posten für Posten durch. Er blättert. Er vergleicht. In den Archiven lässt sich finden, wer mit wem verheiratet war und wer wann gestorben ist. Zum wem welche Kinder gehörten. All das wurde schon vor Hunderten von Jahren notiert. Die alten Handschriften kann er noch entziffern: „Die habe ich selbst noch in der Schule gelernt.“

Selbst ein Zeitzeuge


Bei einer spannenden Geschichte des Ortes ist er selbst Zeitzeuge. Seit 65 Jahren besteht zwischen den Pfarrgemeinden Bergen/Enkheim (in der Nähe von Frankfurt am Main) und Wiehe/Schönwerda eine Partnerschaft. Initiiert von den Landeskirchen, sollte mit Hilfe von Partnergemeinden der Deutschen Teilung entgegen gewirkt werden. „Anfangs beschränkte sich das auf Pakete, die wir aus dem Westen bekamen“, erinnert sich Gottfried Braasch an diese Jahre. Vor allem zu Weihnachten kam von den evangelischen Christen aus dem Westen, was man im Osten teuer oder gar nicht erstehen konnte. Am 12. Juli 1950 schrieb die Pfarrgemeinde Wiehe: „Liebe Paten in Enkheim, 19 Pakte haben wir bisher von Euch erhalten. 20 bis 25 Familien haben wir damit viel Freude gebracht.“ Die Pakete wurden zu Päckchen geschnürt und weiter gereicht. Auch an die Kranken und Bettlägrigen habe man gedacht und ihnen den Gruß aus dem Westen vorbeigebracht. Mit dem Abriegeln der 1400 Kilometer langen innerdeutschen Grenze Mitte der 50er Jahre wurden persönliche Kontakte dann fast unmöglich. „Die haben sich erst wieder belebt, als ich 1980 zu einem Kongress in die Schweiz reisen durfte“, sagt Braasch schmunzelnd, denn er erinnert sich auch an die Unannehmlichkeiten vor und nach der Reise. „In Berlin musste ich meine Papiere persönlich abholen. Aber es war kein Reisegeld in D-Mark da. Weil ich jedoch drei Brüder hatte, die Westen lebten, machte ich mir darum keine Sorgen.“ Auf dem Weg in die Schweiz legte er einige Zwischenstopps ein, Hannover und Kassel waren dabei. Und auch ein Tag in Enkheim, sorgsam notiert von der Staatssicherheit. Er traf seine Brüder und einen Pfarrer in Ausbildung. „Einen Tag und eine Nacht verbrachte ich in der späteren Gemeinde von Klaus Schulmeyer. Mit diesem Kontakt wurde das Verhältnis zwischen den Partnergemeinden viel persönlicher und belebter“, freut er sich noch heute.

Als er von der Reise zurück kam, wurde er allerdings wegen diverser „Vergehen“ gegen die Bestimmungen mit einem dreijährigen Reiseverbot belegt. Er habe zwar Bücher mitbringen dürfen, allerdings durfte keines doppelt dabei sein. Für seine Lehrtätigkeit bekam er jedoch von den West-Partnern einen ganzen Satz Lesepredigten mit auf dem Weg und so die Reisesperre.

Viele Patenschaften hätte sich mit der Wende erledigt. Nicht so zwischen Wiehe und Enkheim, die intensiver ist als je zuvor. Auch zum 65-jährigen Bestehen wird gefeiert. Das Programm für die drei Tage, vom 1. bis zum 3. Mai, steht bereits fest. Und auch der Posaunenchor, den die Enkheimer schon 1985 mitbrachten, wird wieder dabei sein.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige