Als Wünschen nicht half

Kinder- Weihnachtswünsche
Meine Weihnachtsgeschichte (aufgeschrieben 2010)
Ich will eine eigene, meine Weihnachtsgeschichte erzählen. Sie unterscheidet sich von den anderen, den vielen schönen Weihnachtsgeschichten; denn sie ist nicht schön, sondern traurig. Aber muss eine Weihnachtsgeschichte schön sein? In ihr sollte Winter sein, weiße Weihnacht, in ihr sollte ein Engel, Weihnachtsmann, Nikolaus, ein Christkind, Jesuskind oder Gott vorkommen. In einer Weihnachtsgeschichte dürfen Nächstenliebe, Gottvertrauen und Wunschzettel nicht fehlen. All das spielt in meiner Weihnachtsgeschichte eine Rolle.
Die Vorweihnachtszeit war weiß und bitterkalt. Die Mutter sang den Kindern „Leise rieselt der Schnee“, „Zwei Engel sind hereingetreten“, „Nikolaus ist ein guter Mann“, „Hohe Nacht der klaren Sterne“, „Ihr Kinderlein kommet“. Die Vierjährige sang, summte mit. Das dreieinhalb Jahre jüngere Schwesterchen staunte, lallte und strahlte wie ein Engel. Die Mutter buk Plätzchen, nähte Puppenkleidchen, strickte Kindersachen und sehnte sich. Sie sehnte sich nach dem fernen Mann, dem Mann in der Ausbildung, im Felde.
Auch die Vierjährige sehnte sich. Sie vermisste den Vater. Ihr fehlten die Stunden voller Vertrautheit, stillen Einvernehmens, wenn er nach der Arbeit seinem Steckenpferd frönte und mit der Laubsäge zauberte. Unter seinen Händen entstanden Götter und Menschen, Märchengestalten und Handwerker. Beide freuten sie sich über die Frühlingsgöttin, den stolzen Jäger, das lustige Gänseliesel, Knecht Ruprecht zu Pferde. Während der Vater gesägt und gebeizt hatte, war sein Töchterchen mit den Holzstücken am Boden beschäftigt gewesen, hatte den vertrauten Holzgeruch eingeatmet, sich die Nase zugehalten wegen der Beize, sich ihre Figuren herbeiphantasiert: Hündchen, Schäfchen, Gänse und Enten. Vaters Laubsägearbeiten wurden Wandbilder, Kalenderrückwände und eine wunderschöne, kronenförmige Stubenlampe. Das alles bewunderte die Mutter. Dann machte sie sauber, fegte die Holzabfälle einfach weg, verbrannte des Kindes Phantasiewelt. Der Vater lächelte, vertröstete: „Morgen wieder.“ und nickte dem Kinde zu.
Eines Tages aber gab es kein „Morgen wieder“ mehr. Des Vaters Werke schmückten die Wohnung. Die Laubsäge wurde weggepackt, unvollendete Laubsägearbeiten in einem Karton verstaut. Die Mutter packte dem Vater den Koffer und verbarg tapfer ihre Tränen. Das vierjährige Kind verstand nicht, warum sie heimlich weinte, wenn doch Vati Weihnachten ganz bestimmt nach Hause käme.
Die Vorweihnachtszeit 1940, das war eine finstere Zeit ohne Lichterketten, ohne festlich erleuchtete Fenster. Allnächtlich gab es Fliegeralarm. Damit die englischen Bomber die deutschen Häuser nicht sehen konnten, mussten alle Fenster verdunkelt werden. Es gab keine Weihnachtsmärkte, aber Weihnachtsbriefe und Weihnachtspäckchen, die den Soldaten sagen sollten: „Ich hab dich lieb.“ Und es gab Weihnachtswünsche. Der größte, sehnlichste Wunsch von Groß und Klein hieß WEIHNACHTSURLAUB.
Eines Tages weinte die Mutter bitterlich, weil ihr Mann keinen Weihnachtsurlaub bekam. Da wurde das Kind, selbst traurig, zur Trösterin, sagte: „Weine doch nicht, Mutti! Nimm dir einen Bonbon aus dem Schrank! Ich sage es ja dem lieben Gott, dass er es donnern lässt, weil der Mann, der dort beim Vati aufpasst, so böse ist und Vati nicht nach Hause lässt.“
Wintergewitter sind selten, vorweihnachtliche Gewitter seltener, am seltensten sind die vorweihnachtlichen Wintergewitter, die böse Menschen auf Wunsch eines Kindes bestrafen. Immer mussten sie Weihnachten ohne Vater feiern. Nie wurde ihr größter Weihnachtswunsch WEIHNACHTSURLAUB FÜR VATI erfüllt. Die Geschenke waren ein schwacher Trost, auch wenn sie Mutti liebevoll genäht, gestrickt hatte. Aus dem fernen Karelien kamen Rentier-Kinderhandtaschen aus echtem Fell, mit Rentierhorn – Taschenbügeln, auf denen Rentier-Schlitten ihnen von fernen Ländern erzählten. – Alles schön und gut, liebevoll gemacht, sehnsüchtig verpackt, aber ein schwacher Trost.
Einmal, es muss in den letzten Kriegsjahren gewesen sein, da kam ein Päckchen, aus dem duftete es beim Öffnen nach Adventskerze und guter Seife. „Das riecht wie das Päckchen, das wir Vati als Nikolausgeschenk geschickt haben“, wunderte sich das zum Schulmädel herangewachsene Kind. Der Inhalt eines Nikolauspäckchens war zurückgekommen als Weihnachtsgeschenk aus Mangel an Zeit oder Einkaufsmöglichkeiten. Ein Liebesbeweis! Ein Beweis für Nächstenliebe, die aber nur noch für die nächsten Angehörigen reichte im Dritten Reich, das bettelarm geworden war.
Der Vater 1948 nach Kriegsgefangenschaft und Entnazifizierung endlich heimgekehrt, schuf seinen Mädels ein Puppen-Karussell mit Pferdchen-und Rentier-Sitzplätzen. Alles war liebevoll ausgesägt und bemalt, sorgsam überdacht. Und, o, Wunder! Es drehte sich! Es hatte nur einen einzigen Fehler. Es kam zu spät. Aus dem Kleinkind von 1940 war inzwischen ein Schulkind geworden. Seine Große war 12 Jahre alt, durch Kriegs-und Nachkriegserlebnisse ernst und frühreif. Sie zeigte Freude, verbarg tapfer die Tränen über gestohlenes Kinderglück.
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7 Kommentare
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Annett Deistung (HarzWusel) aus Nordhausen | 18.12.2011 | 21:35  
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Manfred Kappler aus Nordhausen | 19.12.2011 | 02:09  
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Renate Jung aus Erfurt | 19.12.2011 | 17:03  
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Mariett Demirelli aus Erfurt | 19.12.2011 | 22:53  
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Renate Jung aus Erfurt | 20.12.2011 | 00:35  
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Hannelore Grünler aus Artern | 20.12.2011 | 22:37  
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Petra Seidel aus Weimar | 24.12.2011 | 19:14  
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