Deutsches Nationaltheater und Staatskapelle Weimar

„Faust“ auf Französisch
Die elektrische Ladung der Atmosphäre stieg im Laufe des Tages an. Meine Vorfreude auf die Faustoper war von Anfang an gering gewesen und sank immer mehr. Schon das Anziehen war anstrengend und schweißtreibend. In Weimar verblieb uns eine Stunde Zeit, die wir entschlussunfähig zu einem Bummel nutzten. Das Theater war gut besucht, aber nicht ausverkauft, das Publikum bunt gewürfelt. Ich sah jedes Alter beiderlei Geschlechts, jeden Stil an Garderobe von fein, vornehm bis Sport- und Straßenkleidung, dezente Verhüllungen und auf mich ordinär wirkende Enthüllungen. Wie konnte man mit der Figur, diesen Beinen so kurz gehen! Ach, nein, gehen konnte man ja nicht! Man stakte hochhackig, man latschte sportlich beschuht, unsportlich, müde. Ich guckte schnell weg, suchte Augenweide, die es auch gab, dezente, auffällige, zeitlose, trendige Theatergarderobe. Groß im Kommen das kleine Schwarze!
Auffälliges der Faustoper: Faust ist nicht der Wissenschaftler, der sucht, was die Welt im Innersten zusammenhält, sondern unzufriedener Greis, der durch den Pakt mit dem Teufel verpasste Jugend nachholen will, sexuelle Erlebnisse sucht. In der von uns besuchten Aufführung war Faust vor der Verjüngung wegen Unpässlichkeit sangesunfähig, bekam seine Stimme vom Sänger des verjüngten Fausts geliehen. Ich gebe zu, der Darsteller des Greises war ein hervorragender Mime. Mich sprang seine Müdigkeit an, seine Leiden verstärkten meine Gliederschmerzen. Dagegen kamen auch die Musiker mit Charles Gounods Kompositionen schwer an. So empfanden viele. Märsche und Tänze rüttelten uns wieder auf. Die Musik Gounods ist von Liebe durchtränkt und kann tatsächlich Gefühle von Sehnsucht und sinnlichem Genuss erwecken, aber auch die Verachtung der Bürger für die gefallene Margarethe nachempfinden lassen. Szenen in der Kirche, feierliche Choräle zeigen die Scheinheiligkeit der Moralapostel und ihre erbarmungslose Hartherzigkeit. Shoppende in moderner Kleidung eilen an der verzweifelten Margaretha vorüber, tragen Plaste-Einkaufstüten mit ergatterter Shoppingbeute und verdeutlichen so heutige Gleichgültigkeit den Mitmenschen gegenüber.
Groß war das Ensemble von Sängern und Tänzern, großartig ihre Leistungen. Klein wie eine Klause wirkte das Zimmer des Greises. Die Lampe darin blendete nicht nur meine kranken Augen trotz Sonnenbrille, sondern störte alle Theaterbesucher. Die kleine Behausung Margarethas beflügelte mit ihrer Abgeschlossenheit unsere sinnlichen Phantasien, die bei diesem Theaterbesuch genauso gefragt waren wie Augen und Ohren.
Die Aufführungszeit von 3 ¼ Stunden inklusive einer Pause nach dem 2. Akt, Busfahrten hin und zurück führten mich trotz Mittagsschlaf zeit- und kräftemäßig an meine Leistungsgrenze. Das wäre auch bei günstigeren Witterungsbedingungen so gewesen. Aber noch mag ich nicht auf die Theater- und Konzertbesuche verzichten, noch überwiegt die Freude am Genuss des Schönen die Anstrengungen.
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4 Kommentare
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Karin Jordanland aus Artern | 18.05.2012 | 13:54  
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Petra Seidel aus Weimar | 19.05.2012 | 12:22  
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Hannelore Grünler aus Artern | 19.05.2012 | 16:51  
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Petra Seidel aus Weimar | 19.05.2012 | 17:18  
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