Neues Jahr - neue Gedanken eines AMD-Patienten

Vielfalt entdecken
Ich AMD-Patient und das Suchen
Von den Anweisungen, sich auf richtige Weise Gott zu nähern, ist wohl die „Suchet, so werdet ihr finden!“ (Matthäus 7, 7) die bekannteste. Aber kaum jemand denkt bei ihrer Anwendung an den Ursprung des zum geflügelten Wort gewordenen Ausspruchs. Einem AMD-Patienten hilft der Ratschlag beim Suchen eines Gegenstandes erst recht nicht. Mit fortschreitender Augenkrankheit merkte ich, wie wenig wirksam für mich Suchen mit den Augen war. Ich erkannte, meine Augen würden mir beim Auffinden des Gewünschten immer weniger helfen können; denn ich würde zunehmend verschwommener, kontrastärmer, mit verblassteren Farben sehen. So galt es also, das Suchen neu zu erlernen. Meine Überlegungen:
Der Tastsinn muss helfen. Hatte ich nicht einst den Ehering meiner Schwester mit dem Fuß im Ostseesand gefunden!? Im Herbst 2011 fand ich fast so viele Walnüsse wie mein Mann. Ich nahm die Füße zu Hilfe. Die Sensibilität der Fußsohlen ist wichtig für die Standfestigkeit. Erhöhen kann man sie durch Wandern auf unebenen Wegen. Deshalb protestiere ich nicht gegen das Wandern über Stock und Stein querfeldein, obwohl es für mich natürlich anstrengender ist als das Laufen auf ebenen, geraden Wegen. Sensibler als die Füße sind unsere Hände. Aber ihre Feinfühligkeit ließe im Alter nach, wird behauptet. Das mag wahr sein. Also muss man dem mit sorgfältiger Pflege und gezielter Übung entgegenwirken. Beim Wäscheaufhängen ertaste ich die Klammern in der Klammerschürze nach Form und Material. Holz fühlt sich anders an als Plaste. Seit Jahren poche ich auf meinem Schlüsselrecht, um auch bei notwendiger Eile den Sicherheitsschlüssel zielsicher ins Sicherheitsschloss stecken zu können.
Der wirksamste Suchhelfer aber ist mir mein Gehirn. Wenn dies von den Augen zu wenige Informationen bekommt, muss es sich diese anderweitig besorgen. Es nützt mir gar nichts, nach meiner Brille suchend durch die Wohnung zu laufen. Brillen sind meistens kontrastarm und ohne Brille schwer zu finden. Aber im Gedächtnis ist abgespeichert, was ich wo mit Brille zuletzt tat. Deshalb finde ich das gute Stück oft schneller als mein mir zu Hilfe eilender Mann. Mit Brille bekomme ich schnell Kopfschmerzen. Also erledige ich vieles ohne und muss mein Gedächtnis schulen. Mein Guter hat die Weisung, nur im Notfall zu helfen und nicht meine Vergesslichkeit oder Zerstreutheit zu unterstützen.
Irgendwann werden mich Geruch- und Geschmacksinn vor verdorbenen Speisen warnen müssen. Wie kann ich diese Sinne vorm Abstumpfen im Alter bewahren? Wie schärfe ich mein Gehör? Schon jetzt hilft es mir, Personen, die ich lange nicht gesehen habe, zu erkennen.
Unsere fünf Sinne dienen nicht nur unserer Sicherheit, sondern ihre Sensibilität verschafft uns Genuss, Lebensgenuss. Wer das Leben genießen kann, ist besser vor Krankheit und Kummer geschützt. So formuliert der Schriftsteller G. Forster seine Erkenntnis:
„Lass uns nur sorgen, die Einfachheit und Reinheit unserer Gefühle zu erhalten, damit wir unsere Empfänglichkeit nicht einbüßen. Mit ihr bleibt uns an den traurigsten der Tage noch eine unschätzbare Summe froher Augenblicke des schönsten Naturgenusses.“
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
2 Kommentare
1.616
Lutz Leipold aus Ilmenau | 18.01.2012 | 10:18  
12.762
Renate Jung aus Erfurt | 18.01.2012 | 17:34  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige