Post für den fernen Enkel

"Du", Gedichte von Heinz Kahlau
Post nach Indien
Unser 16-jähriger Enkel geht auf eine evangelische Privatschule in Berlin. Diese hat in ihrem Programm für die 11. Klasse ein vierteljährliches soziales Projekt im Ausland, das die Schüler sich selbst auswählen können. Paul entschied sich für einen gemeinsamen Aufenthalt mit einem Klassenkameraden in Indien, weil dessen Vater dort arbeitet. Vom Oktober bis Anfang Januar, das ist eine lange Zeit. Wir als Großeltern empfinden dies als besonders hart, weil Adventszeit, Weihnachtsfeiertage und Jahreswechsel enthalten sind. Die modernen Medien machen Telefonieren, Mailen zwar möglich, aber es bleibt trotzdem eine herausfordernde Bewährungsprobe.
Gestern brachte ich unseren Weihnachtsgruß zur Post. Er wird sein Ziel über Berlin per Flug mit der Schwiegertochter hoffentlich gut erreichen. Viel durfte es nicht sein, weil seine Mama auch längere Zeit in Indien weilen will. Wir entschieden uns für einen Brief und ein Büchlein; denn nach einem viel kürzeren Indienaufenthalt hatte unser etwas älterer Enkelmann erklärt, ihm habe die deutsche Sprache sehr gefehlt. Auf Indienreise gingen Heinz Kahlaus Bändchen über seine Erfahrungen mit dem Dichten und folgende Gedichte des Autors. Hoffentlich freut sich das 16-jährige Bandmitglied und wird zum kreativen Schöpfen angeregt!

Siebzehneinhalb
Sie lagen beieinander jede Nacht
Und spielten nur das niemals gleiche Spiel.
Sie habe sich um ihren Schlaf gebracht,
und niemals wurden sie sich selbst zu viel.

Und in den Pausen, wenn er ruhig lag,
da dachten sie sich zwischen Küssen aus,
wie rund ihr Leben wird nach Jahr und Tag,
und stellten Möbel in ihr Zukunftshaus.

Sie stritten nie, und selten kam es vor,
dass ihre Meinung nicht zusammenfand.
Statt einer Antwort biss er sie ins Ohr,
und seinen Mund verschloss sie mit der Hand.

Ihr Kummer dauerte, wenn Trennung kam,
vom Morgen, wenn er aus dem Zimmer schlich,
bis er sie wieder in die Arme nahm.
Sie dachten auch beim Fernsein nur an sich.

Bis zu dem Tag, als alles sinnlos schien,
weil er nicht kam zur eingespielten Zeit.
Sie lag erstaunt und wartete auf ihn.-
Sie wusste nur noch Abende zu zweit.

Am nächsten Morgen ging sie still hinaus.
Die Luft war eisig und der Himmel klar.
Dann lief sie klein und frierend vor sein Haus
und wusste plötzlich, was die Liebe war.


Engel
1.Wir sind die Engel
mit dem einen Flügel.
Wir gehen in der Welt umher
und suchen.
Wir müssen unsren zweiten
Engel finden:
Wir haben Sehnsucht,
denn wir wollen fliegen.

2.In den Verliebtheiten
gleichen wir alle
den Engeln.
Zwischen den Engeln
sind die Gespräche
über das Fliegen
alltäglich.
Auch wir sprachen
über das Fliegen.

Unter Fußgängern
Du hast mir einen Flügel abgebrochen,
weil du nicht wolltest, dass ich fliegen kann.
Du wolltest mir in allem folgen können.
Jetzt bist du fort. Ich wurde dir zu komisch.
Mit einem Flügel magst du keinen Mann.
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6 Kommentare
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Gunter Linke aus Saalfeld | 01.12.2012 | 11:59  
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Wilfried Hofmann aus Gera | 01.12.2012 | 11:59  
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Manfred Hartmann aus Nordhausen | 01.12.2012 | 12:33  
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Joachim Kerst aus Erfurt | 01.12.2012 | 14:07  
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Lydia Schubert aus Nordhausen | 01.12.2012 | 19:18  
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Karin Jordanland aus Artern | 01.12.2012 | 19:29  
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