Worte, die nicht für mich bestimmt (1.)

Gleich öffnet sich der Vorhang
Ich sehe nicht gut, aber habe ein feines Gehör, kann gleichsam Gras wachsen hören. Das war schon in Kindertagen so. Ich musste keine spitzen Ohren machen. Nein, ohne zu lauschen, offenbarten sich mir Geheimnisse der Erwachsenen. Da sie diese nicht gern zugaben, regten sich bei mir schon früh Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit. Wenn die geliebte Mutter einen Fehler bestritt, dessen Zugeständnis ich aus ihrem eigenen Mund gehört hatte, so verlor sie an Autorität. Ich, ihr Mädelchen, geriet in Zwiespalt. Diese zwiespältigen Gefühle untergruben das Vertrauen in die Erwachsenen, schwächten das Selbstvertrauen. Noch im Alter habe ich Ohren wie ein Luchs. Ich bin froh darüber, möchte mir die Hellhörigkeit erhalten, weil ich mit ihr meine Sehschwäche ausgleichen kann.
Die Ignorantin
Vor einem der Fenster des Festsaales steht ein Paar. Wir sind so weit von ihm entfernt, dass ich es nicht erkennen kann, nicht Alter, nicht Farbe der Kleidung. Auch in der Erinnerung fehlen mir alle optischen Einzelheiten. Aber ein kurzer Dialog ist mir geblieben.
Während er ohne Mühe hineinschauen kann, muss sie sich recken und strecken. Er:„Der Saal ist voller Menschen. Bald wird das Märchen vom Zauberer Oz beginnen. Lass uns reingeh´n, zuschau´n, kostet nischt!“ Sie: „Een Märchen gucken! Ich bin doch keen Kind mehr.“
Nein, das ist sie wirklich nicht. Aber sie wird auch keine weise, alte Frau werden, sondern wird im Alter starrköpfig, rechthaberisch, kindisch und unverständig, wenn nicht gar blödsinnig werden.
Zu ihrem eigenen Glück dachten die Hunderte im Festsaal anders. Sie waren jung, neugierig geblieben, würden es weiter bleiben. Sie würden Spaß haben an dem Märchen „Der Zauberer von Oz“.
Ich hatte mich nicht geirrt. Wir Erwachsenen hörten, sahen, staunten, lachten wie die Kinder, freuten uns wie sie an der Situationskomik, an der phantasievollen, farbigen Märchenwelt, am Einfallsreichtum der Theatergruppe. Ja, aus Plasteflaschen war eine Sanduhr geworden, die als Stundenglas die Lebensdauer maß. Aus Pappe, Kartons und Farbe waren Zaubergeräte entstanden. Das neue Herz des Blechmanns schlug deutlich hörbar. Wie ließen sie es pochen? Der Wortwitz erschloss sich uns besser als den Kindern, die dann mit uns lachten über ARBEITERDENKMALe, dumme, viel schwatzende STROHKÖPFE und das Vokabular der DENKOLOGIE, so wie wir über HUNDEGEBELL, PURZELBÄUME oder kleine Missgeschicke der Schauspieler mit ihnen gelacht hatten. Erwiesen ist: Im Kreise der Kinder und mit Märchen bleibt man jung. Pflegen wir auch weiterhin das Kind in uns, so wie es uns die spielfreudigen Laiendarsteller der Theatergruppe Wiehe / Donndorf vormachen!
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12 Kommentare
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Antje Hellmann aus Jena | 13.12.2012 | 13:55  
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Lutz Leipold aus Ilmenau | 13.12.2012 | 15:33  
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Hannelore Grünler aus Artern | 13.12.2012 | 18:03  
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Antje Hellmann aus Jena | 13.12.2012 | 18:38  
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Hannelore Grünler aus Artern | 13.12.2012 | 19:56  
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Antje Hellmann aus Jena | 13.12.2012 | 21:11  
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Hannelore Grünler aus Artern | 13.12.2012 | 21:55  
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Lydia Schubert aus Nordhausen | 13.12.2012 | 22:22  
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Karin Jordanland aus Artern | 13.12.2012 | 23:18  
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Hannelore Grünler aus Artern | 14.12.2012 | 03:22  
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Regina Kleiber aus Sondershausen | 14.12.2012 | 10:44  
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Hannelore Grünler aus Artern | 14.12.2012 | 13:28  
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