Auf der Flucht / Luises Biografie, Teil 3

Kinder in Bewegung
Brüderchen und Schwesterchen
Anfangs wohnten wir bei meinen Eltern, später in der Stadt. Unsere Wohnung in der Bahnhofsstraße war klein, nur Küche, Kammer und Abstellraum. Am 9. 9. 1942 wurde Erika geboren. Im Gegensatz zu ihrem Bruder kam sie leicht zur Welt. Auch sonst waren Brüderchen und Schwesterchen sehr unterschiedlich:
Alfred still, nachdenklich, später ein sehr guter Schüler. Deshalb wollte sein Lehrer, dass er das Gymnasium besuche. Er aber ging zum Bau, wurde Polier, also Vorarbeiter auf dem Bau. Er hätte es zu mehr bringen können, war aber der Ansicht, dass die ganze Lernerei nicht viel Nutzen habe, nur mehr Verantwortung, aber kaum mehr Geld bringe. Ich bin aber trotzdem stolz auf meinen Großen, natürlich auch auf meine Tochter. Aber Erika bin ich vor allen Dingen dankbar. Sie tut so viel für mich.
Erika war ein richtiger Wildfang mit lockigem, dichtem Haar, das zu Zöpfen geflochten wurde. Sie spielte gern mit Jungen, ließ sich von ihnen nichts gefallen. Noch heute habe ich vor Augen, wie sie auf der Milchbank sitzt, mit den Beinen baumelt. Noch heute höre ich, wie sie frechen, dreisten Jungen unfeine Wörter hinterherrief. Eine Nachbarin wusste für mein Mädchen einen Spruch.
„Krause Haare, krauser Sinn,
steckt der Teufel mittendrin.“
Ob die kleine Erika sie an Zigeuner erinnerte, weiß ich nicht.

Am Anfang unserer Ehe arbeitete Erich in der Munitionsfabrik. Dort kam es zu einer Havarie, bei der ein Rohr platzte. Mit löchriger Schutzkleidung musste er es reparieren. Sicher war es Giftgas, das ihm Hose, Hemd, Haut und Unterleib verbrannte. Trotzdem wurde er 1945 noch eingezogen. Damals waren die deutschen Truppen schon auf dem Rückzug. Nicht mehr alle Volksgenossen glaubten an den Endsieg. Mein Mann aber, dieser Draufgänger, wäre beinahe noch vors Kriegsgericht gestellt worden. Und das kam so:
Mit einem Trupp verschlagener Soldaten war er unterwegs. Alle legten sich mit ihren Bräuten, den Gewehren, am Waldrand zur Ruhe, schliefen sich aus, schnappten nach der erholsamen Schlafpause ihre Gewehre und zogen weiter. Erich ließen sie schlafend, schnarchend im Waldesrauschen zurück. Als er endlich erwachte, ließ er sein Gewehr im Gras liegen, zog ohne seine Braut weiter. Einem Soldaten, der seine Braut vergaß - auch wenn es nur ein Versehen war- ,drohte damals wegen Fahnenflucht die standrechtliche Erschießung. Nur weil sich mein draufgängerischer, leichtsinniger Mann einer Gruppe von Offizieren angeschlossen hatte und diese für ihn gut sprachen, kam er nicht vors Kriegsgericht. Das EK 1, das man ihm versprochen hatte, bekam er natürlich nicht. Etwas später landete er in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Kränker als er in den Krieg gezogen war, kam er heimlich rüber und zu mir zurück. Zum Invaliden hatten ihn dieser verfluchte Unfall in der Rüstungsindustrie und die Entbehrungen des Zweiten Weltkrieges gemacht.
So war ich froh, dass Alfred und Erika schon auf der Welt waren. Ich lebte ganz für meine Kinder. Brüderchen und Schwesterchen waren mein Stolz, mein Lebensinhalt, meine Freude. Um das Haushaltsgeld aufzubessern, arbeitete ich bei einer Versicherung. Wenn ich in Kreuzburg und Umgebung zur Kassierung unterwegs war, betreute Mama meine Kinder, ihre geliebten Enkel, von denen sie leider später durch unsere Flucht aus der Heimat getrennt wurde. Wie viele Familien der Krieg auseinander riss, das hat wohl keiner gezählt!
Im Januar des Jahres 1945 erzählte man der deutschen Bevölkerung noch von unseren tapferen Soldaten und ihren Siegen. In Wirklichkeit musste das deutsche Heer an der Ostfront im Laufe des Jahres 1944 vor der Übermacht der Roten Armee immer weiter zurückweichen. Ende 1944 stand diese - für Schlesien und Posen bedrohlich - schon an der Weichsel. Unter sich sprachen die Leute flüsternd von der näher rückenden Front. Man wusste von Tausenden Männern und Frauen aus Stadt und Land, die seit dem Sommer 1944 vor Czenstochau, Zawierszie und Krakau mit Schanzarbeiten beschäftigt waren. Viele Greise und halbe Kinder waren unter ihnen. Infantriegräben, Maschinengewehrstände, Panzergräben und Flakstände entstanden. Diese sollten die vorrückenden feindlichen Truppen aufhalten. Noch war Hoffnung. Was die Menschen in den Städten und Dörfern Schlesiens nicht wissen konnten, war die tatsächliche Frontlage. Als um den 10. Januar herum starker Frost einsetzte, die polnischen Straßen leichter passierbar machte, kam die Front schnell näher. Die Bevölkerung hoffte noch immer, dass die Soldaten in den tiefen, langen Gräben die Russen aufhalten würden. Aber alle Schanzen waren leer und verlassen.
Ich aber war wie viele Mütter mit den täglichen Sorgen um die Kinder beschäftigt, hoffte, bangte, ahnte nicht, was uns bevorstand.
Gerade war ich erwacht, meine Lieblinge spielten, als die Nachbarin aufgeregt zu uns herüberkam und rief: „Frau Wolny, wir müssen raus! Die Russen sind bei Czenstochau durchgebrochen. Die russischen Panzer rollen schnell voran, auf uns zu. Jede halbe Stunde geht ein Transport. Frauen mit Kindern zuerst! Beeilen Sie sich!“
Vor Angst und Aufregung musste ich aufs Klo. Dann rannte ich in die Stadt, um Dauerbackwaren und Getränke für die Flucht zu kaufen. Nur 30 Kilo durften wir mitnehmen. Mit Wertsachen sollten wir uns nicht belasten. Es hieß, in wenigen Tagen wären wir wieder daheim. Ich packte das Nötigste in den Sportwagen, die zweijährige Erika dazu.
So schnell mein vierjähriger Sohn Alfred konnte, rannten wir zum Bahnhof. Hier herrschte heilloses Durcheinander: Menschenmassen, Rufen, Geschrei, Kinderweinen. Von der Grenze her fuhren die Züge schon überfüllt ein. Die Hoffnung, bald wegzukommen schwand. Alle froren. Ich lief zurück, packte um, Erika in den hohen Wagen, ein Inlett dazu. Meine Lieblinge sollten sich nicht erkälten bei dem frostigen Wetter.
Auf dem Bahnhofsgelände herrschten immer noch Aufregung und Durcheinander. Menschen wurden aufgerufen, abgezählt und wieder neu zusammengestellt. Zu mir gesellte sich eine alleinstehende Frau. Sie bot mir ihre Hilfe bei den Kindern an. Darüber war ich froh. Sie erhielt das Recht, mit meinem Alfred in den nächsten Zug einzusteigen. So war uns beiden geholfen. Aber die Gefahr, dass Familien auseinandergerissen würden, war groß. Als nur ein Kinderwagen in den Waggon passte, wurde ich von meiner Schwester und ihren Kindern getrennt. Sie kam nach Hettstedt in Sachsen. Auch meine Mutter verlor ich schon auf dem Bahnhof in Kreuzburg; denn groß war die Panik unter uns Flüchtlingen.
Nach mir endlos erscheinenden Stunden mussten alle, die Verwandte in Dresden hatten, den Transport verlassen. Wie ein Riesenwurm spie der Zug Menschen und ihr bisschen Hab und Gut aus. Viele stiegen aus, weil sie die Luft im Waggon und das Schaukeln einfach nicht mehr ertragen konnten.
In der Menschenmenge sah ich elende Gestalten: Frauen mit Kindern, Greisinnen und Greise notdürftig in Decken gehüllt, mit angesengter Kleidung, angesengten Haaren. Es waren ausgebombte Menschen aus Magdeburg, die den Bombengroßangriff vom 16. 1. 1945 überlebt hatten. Sie erzählten von Menschen, die aus Angst vor den brennenden Phosphorbomben in die Elbe gegangen und elendig ertrunken waren. Später erfuhr ich, dass dieser Angriff große Zerstörung gebracht hatte. Die Altstadt wurde völlig zerbombt. Es gab 2500 Tote und 10000 Verletzte.
In Dresden herrschte anfangs wieder Durcheinander: Schreie, Befehle, Zählungen, Aufrufe! Dann endlich eine Pause für die Kinder und mich! Die Bahnhofsmission hatte Bettgestelle, Bettzeug, Nahrung und Getränke organisiert. Die todmüden, hungrigen, durstigen Kleinen durften sich stärken und anschließend in richtigen Bettchen ausschlafen.
Dann wurde der Transport neu zusammengestellt. Auf dem Bahnsteig fragte ich einen diensthabenden Schaffner: „Wohin geht die Fahrt nun?“
„Für mich ist sie hier zu Ende, hab` Dienstschluss. Sie werden wohl in die Tschechei gebracht.“
Weil ich wusste, dass die Tschechen nicht gut auf uns Deutsche zu sprechen waren, nahm ich einen anderen Zug. Wieder half mir jemand von der Dresdner Bahnhofsmission. Man besorgte mir eine Fahrkarte und Verpflegung für die Weiterreise. Ich war so dankbar. In Ladekath, einem Ortsteil von Ramin im Kreis Salzwedel war bei meines Mannes Schwester für uns der Krieg vorbei.
Meine Schwägerin Frieda und ihr Mann arbeiteten in der Landwirtschaft. Sie hatten gut eingeschlachtet. Da in den Städten damals alles nur auf Zuteilung zu bekommen war, wirkten eine Stube voller Äpfel und eine Speckseite auf mich wie Dinge aus dem Scharaffenland.
Wir Flüchtlinge wurden von den Einheimischen unterstützt, wo es nur irgend möglich war. Als ich zum Mistladen eingeteilt wurde, sagte der Bauer, der meine Halbschuhe betrachtet hatte, kopfschüttelnd: „So geht das nicht, Frau Wolny. Sie werden sich ihre Stadtschuhe versauen.“ Ich war ratlos. Es war ja mein einziges Paar. Eine Frau schenkte mir ein Paar Arbeitsschuhe. Wenn ich dicke Socken anzog, passten sie ganz gut.
Die Hilfsbereitschaft der einfachen Leute beeindruckte mich. Ihre Menschlichkeit stand im krassen Gegensatz zum herrschenden nationalistischen System, dessen Menschenverachtung, Größenwahnsinn und Eroberungswille sich zum Beispiel in ihren Liedern ausdrückten. Ich erinnere mich, an das, was bis 1944/45 gesungen wurde, was ich selbst sang:
„Wir wollen weiter marschieren,
bis alles in Scherben fällt;
denn heute gehört uns Deutschland
und morgen die ganze Welt.“
Später dichtete man um, weil es harmloser klingen sollte: „….. heute erhört uns Deutschland und morgen die ganze Welt.“
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9 Kommentare
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Renate Jung aus Erfurt | 16.07.2014 | 00:40  
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Gunter Linke aus Saalfeld | 16.07.2014 | 12:44  
12.762
Renate Jung aus Erfurt | 16.07.2014 | 22:28  
9.688
Hannelore Grünler aus Artern | 17.07.2014 | 08:01  
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Renate Jung aus Erfurt | 18.07.2014 | 00:12  
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Hannelore Grünler aus Artern | 26.07.2014 | 06:55  
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Renate Jung aus Erfurt | 29.07.2014 | 22:58  
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Uwe Zerbst aus Gotha | 27.08.2014 | 18:34  
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Hannelore Grünler aus Artern | 13.09.2014 | 20:28  
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