Das wahre Ich

Maskenträger
Wir tragen Masken, um unser wahres Ich zu verbergen. Traurig, aber wahr. Schon Theodor Fontane sagte: „Wer nicht weiß, dass er eine Maske trägt, trägt sie am vollkommensten.“
Und Fielding wusste: „---es erfordert ein scharfes Auge, um unter der Maske der Fröhlichkeit und guter Manieren einen Dummkopf zu erkennen.“
Nein, ein Dummkopf war er ganz und gar nicht, der fröhliche, schlanke, überaus höfliche junge Mann mit dem großen Aktenkoffer, der mich dieser Tage aufsuchte. Wir nahmen im Hof Platz. Stolz präsentierte er mir den Inhalt des Koffers: Wandbilder mit verschiedenen Motiven auf Kacheln mit getischlerten Rahmen, eines mit einer Uhr, Kacheln als Untersetzer, darunter selten schöne Stücke, aber auch Kitsch, dem Geschmack vieler Zeitgenossen huldigend. Alles aus einer 20-jährigen 5-Mann-Werkstatt. Beim Betrachten sprachen wir über Gott und die Welt. Er offenbarte mir seine Lebensphilosophie, versuchte geschickt, mich zum Kauf zu bewegen, indem er von der deutschland- sowie weltweiten Verbreitung der Kunstprodukte redete. Sogar einem blinden Ehepaar habe er mehrere Kunstwerke verkauft und auf seine Anteilnahme, sie könnten das Erworbene doch nicht sehen, habe man erwidert: „Aber unsere Kinder, Bekannte und Nachbarn besuchen uns. Sie sollen sehen, dass wir schöne Dinge haben.“
Hatten wir über meine Augenprobleme gesprochen? Ich war mir nicht sicher. Mich irritierte seine Auffassung, jeder könne sein Glück machen, man brauche keine Willensstärke, kein Durchsetzungsvermögen. Man müsse ein Formular ausfüllen. Schon sei man selbständig, biete den Leuten für ihr Geld einen entsprechenden Gegenwert. Das sei alles. Er habe schon so viel verkauft. Es sei meine Sache, wenn ich nichts wolle. Da wäre er nicht enttäuscht. 20 Jahre Selbständigkeit bewiesen zur Genüge, wie tüchtig er und seine Kollegen seien.
Petrus half mir, das Verkaufsgespräch zu beenden. Ich geleitete ihn zum Tor. Er riet fürsorglich: „Schließen Sie hinter mir ab! Man kann nie wissen, welche Typen unterwegs sind.“ Wir lachten einvernehmlich. - Welch ein Typ!
Ich schaute ihm nach, sah, wie die Maske FRÖHLICHE, OPTIMISTISCHE ZUVERSICHT von seinem Gesicht glitt. Wer war er wirklich? Was hatten die Zeitumstände aus ihm gemacht? Was hätte unter anderen Umständen aus ihm werden können?
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4 Kommentare
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Wolfram Marx aus Sömmerda | 22.05.2011 | 18:49  
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Hannelore Grünler aus Artern | 22.05.2011 | 23:03  
3.050
Antje Hellmann aus Jena | 24.05.2011 | 01:56  
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Hannelore Grünler aus Artern | 24.05.2011 | 02:00  
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