Eltern aus Leidenschaft

Glückliche Familie: Kathrin und Andreas Gebhardt mit zwei ihrer vier Pflegekinder: Eila und Tim. Fabi ist im Kindergarten und Baby Leonie schläft wohlig in der Sommersonne.
 
Baby Leonie jauchzt, so sehr gefällt ihr das Kuscheln mit Pflegepapa Andreas.
Kathrin und Andreas Gebhardt gaben vier Kindern als Pflegeeltern ein liebevolles Zuhause – wir besuchten sie

SCHÖNEWERDA. Acht Familien im Kyffhäuserkreis wollen künftig einem Pflegekind liebevolle Eltern sein. Am Samstag startet ein Kurs, der ihre Kompetenzen stärkt und sie auf die verantwortungsvolle Aufgabe vorbereitet. Kathrin und Andreas Gebhardt absolvierten ihn vor neun Jahren und nahmen 2004 das erste Kind, Tim (heute 11), 2008 auch Fabian (heute 4) in ihre Obhut. Vor zwei Monaten klingelte erneut das Telefon. Seitdem freuen sich Tim und Fabi über ihre Schwestern Eila (2) und Leonie (4 Monate).

Liebevoll hat Andreas Gebhardt (49) Baby Leonie auf seine Brust gelegt. Ehefrau Kathrin (47) kommt mit Eila (2). Das süße Mädchen schiebt stolz seinen Puppenwagen vor sich her und strahlt. Mit einem Lächeln tritt auch Tim aus dem Haus. „Neuerdings wird das Haarspray immer sehr schnell alle“, schmunzelt Mutti Kathrin mit Blick auf den Elfjährigen. Er ist ihr großes Glück, brachte vor acht Jahren wieder Sonne in ihr Leben.

Rückblick: 2. September 1998. Nur noch eine Woche, dann würde ihr drittes Kind geboren werden. Sie wissen, es ist ein Junge. Alexander soll er heißen. Doch es kommt anders. Notkaiserschnitt, das Kind tot, Total-Operation, Komplikationen, die Mutter klinisch tot. Wiederbelebung und Genesung. Doch im Inneren ist alles leer. Zu tief die Trauer um das Baby. Da können auch die Kinder Stefan (13) und Susann (10) nicht trösten. „Frauen mit Kinderwagen waren für mich Horror“, sagt sie. Andreas Gebhardt richtet seine Frau auf mit der Idee einer Adoption. Sie bewerben sich beim Jugendamt, absolvieren einen mehrteiligen Kurs, bestehen mit Bravour inmitten jüngerer Paare. Sie ist 38, er 40, eigentlich zu alt für eine Adoption. Dann warten.

Wieder 2. September, aber im Jahr 2004. Anruf vom Jugendamt: „Wir haben einen Jungen, Tim, dreieinhalb. Der würde gut zu Ihnen passen.“ Es gibt kein Halten. Fahrt nach Mühlhausen zum Amt, dann zur Pflegefamilie, in der Tim lebt. „Probleme hat er mit Frauen, ist schwer zu händeln“, erfährt Andreas Gebhardt beim Amt. „Ich wollte Nägel mit Köpfen, deshalb bin ich wieder hin, habe meine Frau abgeholt und Tim gleich mitgenommen“, erzählt er. - Neun Geschwister, die Mutter erst 34, total überfordert und nun die dritte Pflegefamilie ... „Bist Du mein neuer Papa?“ fragt Tim. – In der Nacht kommt in Kathrin Gebhardt alles hoch. Der Tag, an dem sie vor sechs Jahren ihr drittes Kind und kurz auch ihr Leben verloren hatte und doch wiedergeboren wurde, hatte ihr das langersehnte Kind beschert. Ihren Tim.

Vier Jahre später klingelt das Telefon wieder. Das Jugendamt berichtet von Fabian, vier Monate alt. Doppelter Schädelbasisbruch und schweres Schütteltrauma. Mit zwei Ventilen, die das Gehirnwasser ableiten, liegt er in der Klinik. Die Gebhardts fahren zu ihm. Apathischer Blick. „Wenn Sie ihn nicht nehmen, kommt er in die Psychiatrie“, heißt es. Nein! Das lassen sie nicht zu. Fabian bedeutet „Kämpfer“. Mit Zwei hat er seinen Kampf gewonnen und ist gesund. Niemals wird ihm der leibliche Vater so etwas wieder antun können. Er ist verurteilt. Längst ist Andreas Gebhardt der Papa, Kathrin die Mama, wenn auch nur „Pflege-“. Ihre Herzen fühlen ohne den Zusatz.

28. Juni 2012: Das Jugendamt hat zwei Mädchen – Eila (2) und Leonie (4 Monate). Die Mutter lässt sie links liegen, droht für den Fall des Kindesentzugs: „Wenn Ihr sie mir wegnehmt, mache ich neue.“ Das Jugendamt handelt. Gebhardts! Sie nehmen beide Kinder. „Geschwister zu trennen kam für uns nicht in Frage“, stellen sie klar und erzählen, wie Tim die kleine Eila tröstete: „Du musst hier nicht weinen. Hier ist es schön. Und wenn Du Glück hast, kannst Du bei uns bleiben!“ Das Vormundschaftsgericht beschloss am 6. August, dass die Mädchen für ein halbes Jahr bei den Gebhardts bleiben. - Und danach? „Wenn die Mutter die selbstauferlegten gerichtlichen Forderungen erfüllt, ….

Man mag nicht daran denken, denn bei den Gebhardts sind sie mit ihren großen Brüdern Tim und Fabian glücklich. Leonie kann das noch nicht verstehen. Sie schläft seelig in der warmen August-Sonne, während Tim behutsam den Wagen schaukelt und Eila schon zu den Hühnern saust. Papa Andreas gibt ihr Körner. Sie darf die Tiere füttern, das ist für sie das Größte.

„Jedes Kind hat seine Aufgabe. Sie sind unser größtes Glück. Dafür verzichten wir gern auf andere Dinge. Wenn wir solche Kinder im Stich ließen, was sollte das werden?“ – Diese Worte berühren. Die Tränen fließen. Danke!

Infos: Landratsamt Kyffhäuserkreis, 03632/741 630 oder -647.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
3 Kommentare
9.688
Hannelore Grünler aus Artern | 12.09.2012 | 01:32  
2.507
Heidrun Fischer aus Nordhausen | 12.09.2012 | 13:19  
9.688
Hannelore Grünler aus Artern | 12.09.2012 | 19:30  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige