Nachts kamen die Räuber

Einzug des Fortschritts in unsere Küche
Seit der Wendezeit (für nachfolgende AA-Portal-Leser-Generationen: gemeint ist die Wende vom angeblichen Sozialismus zur freien Marktwirtschaft in der damaligen DDR, der Heimat der Ostdeutschen) steht in unserer Küche ein siebengeschössiger Kühl-Turm der Marke MINSK 16 E ***. Wir investierten Ostmark in ein Erzeugnis der SU. Inzwischen ist die Sowjetunion in die Annalen der Geschichte eingegangen. Das Industrieerzeugnis des zerfallenen Staatenbundes aber kühlt mit sibirischer Kälte in kapitalistischer Marktwirtschaft erstandene Lebensmittel: ganz unten, gleichsam im Keller, Gemüse, in den folgenden fünf Etagen zubereitete Speisen, Fleisch- sowie Molkereiprodukte aus den Nachfolgebetrieben der sozialistischen Landwirtschaft, z. B. der Agrarproduktions- und Handels-GmbH Donndorf mit Fleischverarbeitung in Wiehe oder der Molkereigenossenschaft Bad Bibra e.G.. Ganz oben im Eisfach gefriert zuverlässig Feinfrost. Stimmt: Unser Kühlschrank verbraucht mehr Strom als moderne Geräte. Aber warum Altbewährtes wegschmeißen? Für die Herstellung des Neuen wird auch viel Energie verbraucht. Wir sind keine Verschwender. Nur einen Nachteil hat unser Kühlturm. Er muss von Zeit zu Zeit enteist werden.
Auch unsere alte Kücheneinrichtung flog nicht in den Müll, als der Fortschritt einzog. So steht der Küchentisch, zugleich Abwasch-, Arbeits- sowie Esstisch, in der überdachten Hofecke bei Fahrrad, Rasenmäher, Gummikarren u. Ä. als Arbeitstisch zur Topfblumenpflege und als Ablagefläche. Nur einen Nachteil hat unsere praktische Hofecke wegen Nachbars Katzen: Sie ist frei begeh-, befahr- bzw. beschleichbar.
Am vergangenen Freitag war die Abtauaktion des Eisturmes fällig. Ebenfalls freitags ist das Naumburger Fischauto in Wiehe. Wir verstauten den Einkauf auf dem Arbeitstisch. Ich hatte ihn doppelt und dreifach verpackt, das Fischpaket mit Gartenprodukten beschwert und mir vorgenommen, unsere Fischmahlzeit abends hereinzuholen; denn ich weiß, Katzen haben feine Nasen, Nachbars Katze stets großen Hunger.
Am nächsten Morgen erblickte ich mitten im Hof eine Plastetüte, seltsam verformt. „War sie vom Winde verweht? – „Oh, nein, das konnte nicht das schwarze Vieh gewesen sein!“ erschrak ich. Aber das Katzentier war es gewesen. Die Kohlrabis lagen unten, der Arbeitstisch war leer, nicht aber die Plastetüte. Sie hatte zwar etliche Löchlein, doch der komische Knoten des Fischhändlers, über den ich mich oft geärgert hatte, war ungelöst. Eine hauchdünne Plastehülle, seltsam verknotet, hatte unser Fischmahl gerettet.
Ich betrachtete den Fisch von allen Seiten, erst verpackt, dann aus der Hülle befreit. Er war bis auf ein paar winzige Kratzer in der schillernden Fischhaut heil geblieben. Wie wütend, verbissen musste die hungrige Katze um ihr Nachtmahl gekämpft haben! „Tierquälerei!“ ging es mir durch den Sinn. „Hungrig musste das Raubtier abziehen.“
Da fiel mein Blick auf eine leere Käseschachtel auf der obersten Stufe. Genau da hatte ich sie aus Scheu vorm Regen hingelegt. Plastedeckel daneben, Silberpapier zurückgeklappt, verdorbener Streichkäse restlos aufgeschleckt! Ich fluchte: „Hoffentlich hast du Katzenvieh Magen- und Darmkrämpfe bekommen und einen furchtbaren Dünnpfiff!“
Aber warum verfluchte ich das unschuldige Tier!? Erst war es mit leckerem Futter aus dem Supermarkt verwöhnt worden, so dass es keine Mäuse mehr mochte. Dann vernachlässigte der tierliebe Mensch die Kreatur, ließ sie streunend räubern. Meine Vergesslichkeit könnte unser Grundstück zum Katzenheim machen.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
7 Kommentare
3.886
Lydia Schubert aus Nordhausen | 17.10.2012 | 13:31  
3.863
Karin Jordanland aus Artern | 17.10.2012 | 21:01  
9.688
Hannelore Grünler aus Artern | 17.10.2012 | 21:03  
5.678
Gunter Linke aus Saalfeld | 17.10.2012 | 22:43  
9.688
Hannelore Grünler aus Artern | 18.10.2012 | 01:18  
1.048
Regina Kleiber aus Sondershausen | 18.10.2012 | 10:55  
402
Petra Hirsch ( aus Oettersdorf ) aus Zeulenroda-Triebes | 18.10.2012 | 14:13  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige