Nächtlicher Spuk

Wann werd´ ich abgeholt?
Brandheißer Wahlkampf im kleinen Wiehe
Samstag, der 21. 9. 2013. Morgen ist Wahlsonntag. Dann hat das Getöse der Parteien hoffentlich bald ein Ende. Anders wird in Deutschland sowieso nichts. Ich erhoffe jedenfalls für mich nicht die kleinste Veränderung. Auch unter der nächsten bundesdeutschen Regierung werden besonders Augenpatienten weiter zur Kasse gebeten werden wie frischmelkende Kühe. Ich sah zwar ein Wahlplakat, das das Ende der Zweiklassenmedizin forderte, aber nach einem Aufruf zum Ende des Geschäftes mit den Leiden der Kranken, lauschte ich vergebens, hielt ich vergebens Ausschau.
In Wiehe bestand der Wahlkampf aus Plakaten und Flyern. Seine heiße Phase beschränkte sich auf eine Nacht vor ungefähr 14 Tagen. Als ich die Blumenlampe im Fenster zur Straße einschalten wollte, hielt ein Auto vorm Haus, aus dem zwei Männer mit Leiter stiegen. Ich blieb im Dunklen stehen, dachte: „Nein, nicht noch ein Plakat der NPD!“ Auf dem Weg zum NP-Markt hatte ich drei von dieser Sorte gesehen, so hoch angebracht, dass ich zum Lesen den Kopf in den Nacken legen musste. Die Braunen warben für Maria gegen Scharia, für die D-Mark gegen den Euro. Wie von ihnen nicht anders zu erwarten, waren sie gegen Ausländer.
Die Spätarbeiter vorm Haus hätten das Tageslicht nicht zu scheuen brauchen. Im Laternenschein erkannte ich SPD. Nur mit Mühe konnten sie am glatten Pfahl den Werbeträger ihres Auftragsgebers befestigen. Endlich hielt das Plakat in halber Höhe. Die Wahlhelfer stiegen über die Blumenrabatte und ins Auto. Ich dachte: „Na, was soll das? Der Kandidat schaut zu uns ins Fenster, nicht zu den Straßenpassanten.“ Weil das auch die Wahlwerber erkannt hatten, stieg einer aus, machte einen großen Schritt über die Tagetesblüten, rüttelte am Plakat, bis der SPD Kandidat ausgerichtet war. Dann stieg er vorsichtig wieder zurück und ins Auto. Nicht ein Blütenköpfchen war abgeknickt.
Am Morgen jedoch lag das Wahlplakat unten, genau mit dem Kandidatengesicht auf unserem Rhododendron. Ich befreite den Busch von der Last. Kein Zweig war geknickt, Herr Steffen - Silvio Lemme hatte keinen Kratzer. Mit dem unverändert lächelnden Gesicht lehnte ich ihn an den Gartenzaun. Seitdem können die Passanten lesen, dass die SPD für Mindestlöhne von 8.50 Euro eintritt. „Wer alles gibt, muss mehr bekommen.“ Langzeitarbeitslose werden sich ihre Gedanken machen wie auch ich.
Am Nachmittag erfuhren wir während eines Nachbarschaftsplausches, was nachts geschehen war. Der zweiteilige Werbeträger der SPD war von mehreren Passanten vergeblich gerüttelt worden. Erzürnt über ihren Misserfolg zog einer sein Feuerzeug, durchtrennte die Plasteschnur mit der Flamme. Der Kandidat Lemme stürzte auf den Busch. Die Rowdys zogen weiter. Unsere Nachbarn sahen hoch am Laternenpfahl kurz vor dem ehemaligen Postgebäude eine lodernde Flamme.
So brandgefährlich kann Wahlkampf sein.
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