Teure Heimat - eine Biografie in mehreren Teilen

Rabenwald
 
Goldfischteich
  Erinnerungen einer Hochbetagten
Luise Wolny ist unsere Nachbarin, eine quicklebendige, körperlich und geistig fitte Oma und Uroma, die von ihren Mitmenschen wegen ihres regen Geistes und ihrer guten körperlichen Verfassung bewundert wird. Nun äußerte Oma Luise in ihrem 95. Lebensjahr den Wunsch, ihre Erinnerungen aufgeschrieben zu bekommen. „Allein schaffe ich es nicht mehr, aber mit etwas Hilfe könnte ich es packen. Ich habe so viel erlebt, hatte ein so langes, entbehrungsreiches, aufregendes, auch schönes Leben. Es wäre schade, wenn das alles in Vergessenheit geriete.“
Luise kann geholfen werden. Gestern saßen wir zum ersten Mal gemeinsam im Garten, um an ihrer Biographie zu arbeiten. Sie erzählte von Heimat, Familie und Kindheit. Ich kritzelte, so schnell ich konnte, Stichpunkte, stellte Fragen, hakte nach.
Luise Wolny, geborene Drobek, kam am 11. August 1919 in Kreuzburg, nur 18 Kilometer von Polen entfernt, zur Welt. „Man konnte durch den Wald direkt ins Nachbarland laufen. Da war keine Grenzmarkierung. Ich liebte diesen Nadelwald mit seinen Preiselbeeren, Heidelbeeren und Pilzen, die wir sammelten. Oft muss man sich bücken, bis eine Milchkanne voll Beeren ist. Aber die Waldbeeren schmecken besser als die gezüchteten, die es zu kaufen gibt. Seit 1945 gehört Kreuzburg zu Polen und heißt Kluczbork nach der alten slawischen Bezeichnung Kluczborek für Rabenwald.“
Luise beginnt zu schwärmen, wenn sie sich an ihre Heimatstadt erinnert. „Kreuzburg ist ein wunderschönes Städtchen, war es damals schon. Es ist so reich und schön. Ein Kurort. Hatte sicher 20 000 Einwohner, Kinos, Tennis- und Fußballplätze, ein großes evangelisches Krankenhaus (Pethanien) mit Diakonissenhaus, Industrie, z. B. den holzverarbeitenden Betrieb SKALA, die Mühle, in der Grieß und Mehl produziert wurden, eine Zuckerfabrik, den Müllerteich, auf dem im Sommer Kähne fuhren und im Winter sich die Schlittschuhläufer vergnügten. Es gab zwei Freibäder. Unsere Schule hatte ihr eigenes Bad. Ach, ging ich gern schwimmen!
Zwei große Schulen gab es, eine evangelische, eine katholische, beide für Jungen und Mädchen gemeinsam. Die große Turnhalle mit den vielen Geräten nutzten die Schüler und Schülerinnen beider Schulen. Ich ging in die evangelische Schule. Wir waren sehr viele Kinder, in meiner Klasse 56 Mädchen und Jungen von einem Jahrgang.
Am besten gefiel mir der Festplatz. Er war sehr groß, erstreckte sich vom Stadtrand bis zum Wald. Hier gab es einen Schießplatz und ein prächtiges Kriegerdenkmal für die Gefallenen des ersten Weltkrieges. Sonntags saßen die Leute auf diesem Platz, hörten Musik, tranken Kaffee, aßen Kuchen. Ja, Konzerte fanden immer statt. Das gefiel mir gut. Sehr schön war der große Goldfischteich, an dem sich die Kurgäste ausruhten und die Fische beobachteten. Wir Kinder hielten uns oft am Teich auf.
In Kreuzburg hatte man viele Kinder, besonders die armen Leute. Für sie war die alte Kaserne ausgebaut worden. Aus den Pferdeställen waren Wohnungen mit je zwei großen Stuben entstanden. Auch hier gab es in meiner Kindheit schon elektrisches Licht. Vorher hatten wir Petroleumlampen. Zu jedem Haus gehörte ein schmaler Garten, in dem seine Bewohner Gemüse anbauen konnten. Obst hatten wir wenig. Dafür war der Boden wohl nicht so geeignet, weil er erst vor kurzem urbar gemacht worden war. Aber wir konnten uns Kaninchen und Hühner halten. Das war wichtig bei diesen großen Familien und weil die Löhne niedrig waren. Wir größeren Kinder halfen im Garten und bei den Haustieren. Seit der Kindheit sind mir diese Arbeiten vertraut. Ich machte sie schon damals gern. Bei einer großen Familie wird jede Hand gebraucht. Meine Eltern hatten es wirklich nicht leicht. Sie hatten im wahrsten Sinne des Wortes die Stube voller Kinder. Ich hatte vier Geschwister und auch sonst immer Gesellschaft.
Auf dem Hof des Stadthauses trafen sich alle Kinder der Gegend zum Spielen im Sandkasten, an der Schaukel und Turnstange. Es gab genügend Platz für Seilspringen, Reigen, Kreiselspiele, Jagen und Verstecken. Auch Völkerball spielten wir gern.
Ja, an Kreisspiele, an denen viele Kinder teilnahmen, bei denen gesungen, gerannt und getanzt wurde, erinnere ich mich noch gut, z. B. HERR FISCHER, WIE TIEF IST DAS WASSER oder DIE GOLDENE BRÜCKE (Zieht alle, alle durch! Der Letzte wird gefangen mit Spießen und mit Stangen.) Gern spielten wir den PLUMPSACK.
Dreht euch nicht um!
Der Plumpsack geht um.
Er geht um den Kreis,
dass niemand was weiß.
Wer sich umdreht oder lacht,
kriegt Hiebe, dass es kracht.
Für die kinderreichen Familien waren die Wohnungen allerdings eng. In der Küche wohnten wir. In der großen Stube stand das Ehebett, standen zwei Betten für je zwei Kinder. Nur meine kleine Schwester Erna schlief allein auf einer schmalen Chaiselongue neben dem Bett der Mutter. Ich schlief mit meiner vier Jahre älteren Schwester Gertrud zusammen, mein um zwei Jahre jüngerer Bruder Herbert mit Gerhard, der ungefähr ein Jahr jünger war als der Große, aber anderthalb Jahre älter als unsere kleine Schwester. Wir schliefen auf Strohsäcken, die jedes Jahr frisch gestopft wurden. Stroh hält schön warm.
Wenn ich mir die Stuben noch einmal in Erinnerung rufe, so stelle ich fest, dass sie sehr groß waren. Außer den Schlafstellen für sieben Menschen standen darin ein geräumiger Kleiderschrank, ein Spiegel mit Kommode. Stellte ich mich vor den Spiegel und befragte ihn: ´Spieglein, Spieglein, an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land`? Kaum. Damals war ich ein richtiger Wildfang, nicht eitel.
Es mussten viele Mäuler gestopft werden. Mein Vater arbeitete in der Mühle, meine Mutter wusch bei Kaufleuten. Von ihrem Frühstück gab sie uns Kindern eine Stulle ab. Ich erinnere mich heute noch daran, wie herrlich die schmeckte. Es wird wohl gute Butter gewesen sein, während wir sonst Margarine aufs Brot aßen. Aber sonntags gab`s früh Käsebrötchen und Kakao und mittags immer Vorsuppe.
Das hatte meine Oma mütterlicherseits bei uns eingeführt. Das war eine vornehme Frau, trug hohe Kragen, stets eine frisch gebügelte Schürze über dem Rock, das Haar ganz glatt gestrichen. Kamen wir vom Spielen mit zerzottelten Haaren zu ihr, glättete sie uns diese mit Spucke. Sie kündigte ihren Besuch bei Mutter an, wenn sie der Meinung war, für Ordnung sorgen zu müssen. Meine fromme Oma war mir der liebste Mensch. Stets lag bei ihr ein Gesangbuch griffbereit, sogar auf Deutsch und Polnisch. Oma war es auch, die mir von den 12 Aposteln am Kreuzburger Rathaus erzählte. Beim Brand 1908 wurden leider acht Apostel zerstört. Welche konnte mir meine Oma noch zeigen? Waren es Lucas, Paulus und Johannes? Das habe ich vergessen. - Oma nannte mich Lisa oder Lieschen.
Opa saß ruhig - sicher taten ihm vor Altersschwäche die Füße weh - auf dem grünen Plüschsofa, das mit vielen Häkeldeckchen verziert war. Immer hatte er hinter einem Kissen etwas für mich versteckt, mal eine Birne, mal einen Apfel. Klar, dass ich Opa liebte, so gütig und freigebig, wie er war.
Mein Vater war viel krank. Als er es an die Lunge bekam, musste er in ein Heim, weil er uns Kinder nicht anstecken durfte. Er starb früh, und Mutter hatte es dann noch schwerer, uns fünf Kinder zu ernähren.
Ich habe oft darüber nachgedacht, warum Vater so früh sterben musste. Er hatte von Kindesbeinen an ein hartes Leben. Zeitig verlor er -vermutlich durch eine Seuche, die ja früher viele Menschen hinwegrafften,- Mutter und Vater, war Waise, lebte beim Bauern, musste schon vorm Unterricht Vieh füttern und nach der Schule auch fleißig helfen. Das einzige Paar Schuhe, das er besaß, hatte er auf Zuwachs bekommen, durfte es nur sonntags in die Kirche anziehen. Sonst trug er Holzpantoffeln. Er wird wohl schon geschwächt die schwere Arbeit in der Mühle aufgenommen haben. Dann hat der Mehlstaub seine Lungen krank gemacht.
Als ich zur Schule kam, lebte Vater noch. Ich erinnere mich. Am ersten Schultag ging er mit mir. Ich hatte ein Paar eigene Schuhe bekommen, braune. Ich war ganz stolz. Bisher musste ich nämlich immer die Schuhe meiner großen Schwester auftragen. An eine Zuckertüte kann ich mich nicht erinnern, aber an die Schiefertafel mit Lappen und Schwamm. Sie baumelten aus dem Ranzen heraus. Der Schwamm musste immer nass sein.
Ich war die Zweitkleinste in der Klasse. Die Kleinste war meine Freundin Ruth Heißig. Mein Spitzname war Drobzel, abgeleitet von dem Familiennamen Drobek. „Drobzel komm her!“riefen meine Schulkameraden, wenn es galt, einen Spaß vom Zaun zu brechen, und da war ich gern dabei.
Frau Pastorin Kosmala kam oft vom evangelischen Pfarrhaus rüber ins Schulhaus. Beide Gebäude bildeten ja eine Einheit. Weil ich so klein und zart war, nahm sie mich mit zu sich nach Hause zum Essen. Sie lehrte mich Handarbeiten, z. B. das Stricken. Ich half der Köchin beim Abwasch und ging einkaufen. Netze voller Apfelsinen holte ich. Davon bekam ich auch welche ab.
Wir gingen acht Jahre zur Schule. Wer lernen wollte, der konnte etwas lernen. Wir hatten nicht nur einen Lehrer, sondern für jedes Fach einen extra, für Deutsch, für Rechnen, für Singen, Zeichnen und Turnen, später auch für Geschichte, Erdkunde. Auch das Schwimmen lernten wir in der Schule. In den oberen Klassen lernten wir an vier großen Herden das Kochen. Die Gerichte verspeisten wir anschließend gemeinsam. Das machte Spaß.
Am liebsten hatte ich beim Lehrer Scholz Rechnen. Er hatte immer Bonbon in der Hosentasche. Wer die Aufgabe als Erster herausbekam, kriegte einen. Später war Lehrer Scholz Invalid. Er hatte seiner Frau beim Aufhängen der Gardinen geholfen und war gestürzt. Er tat mir so leid.
Lehrer Gischel hatte keine Frau. Er ging ins Wasser, sicher weil er einsam war. Das war traurig.
Gern wäre ich Diakonissenschwester geworden. Oft konnte ich diese während ihrer Arbeit beobachten. Auch ich wollte Kranken helfen. Doch meine Mutter konnte mir diesen Berufswunsch nicht erfüllen. Schon allein die Aussteuer hätte viel zu viel gekostet. Man musste alles sechsmal haben, sechsmal die Unterwäsche, sechsmal die Blusen, Röcke, Strümpfe, auch sechsmal die Haube. Das war leider unmöglich, so unmöglich wie der Besuch der Oberschule für Mädchen, die es in Kreuzburg auch gab und für die ich durchaus die nötige Begabung gehabt hätte. Also ging ich gezwungenermaßen in einen Haushalt als Mädchen für alles.
Zuerst war ich beim Sparkassendirektor Kindermädchen. Später vermittelte mich Frau Pastorin Kosmala aufs Schloss zu denen von Jordan. Ich half der Köchin und war für die Jungviehaufzucht - nur die empfindlichen Puten- und Hühnerküken - zuständig. Nach einem Jahr wechselte ich ins Haus des Bergwerkdirektors. Da hatte es das vorherige Mädchen nicht länger ausgehalten, war nachts heimlich abgehauen, weil die Hausherrin so streng war. Jetzt lernte ich das feine Kochen, das exakte Bügeln von vornehmer Kleidung. Während ich im Schloss immer Gesellschaft meinesgleichen gehabt hatte, war ich hier schrecklich einsam, das einzige Hausmädchen. Nach einem Jahr wechselte ich auf ein Gut bei Prenslau, um während der Saison mehr zu verdienen.
Aber meine beiden Brüder erlernten einen Beruf. Herbert lernte Frisör und Gerhard Schuster. So war das damals eben. Die Mädchen dienten im Haushalt reicher Leute und bereiteten sich so auf die Pflichten der Hausfrau vor. Meine Schwestern halfen auch dem Bademeister. Der war unser Schwager. Dadurch kamen wir kostenlos ins Freibad.
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8 Kommentare
12.763
Renate Jung aus Erfurt | 01.07.2014 | 12:53  
5.678
Gunter Linke aus Saalfeld | 01.07.2014 | 17:01  
7.108
Gabriele Wetzel aus Zeulenroda-Triebes | 01.07.2014 | 22:00  
9.688
Hannelore Grünler aus Artern | 02.07.2014 | 06:51  
12.763
Renate Jung aus Erfurt | 02.07.2014 | 23:00  
9.688
Hannelore Grünler aus Artern | 29.07.2014 | 12:34  
13.458
Uwe Zerbst aus Gotha | 26.08.2014 | 20:39  
9.688
Hannelore Grünler aus Artern | 12.09.2014 | 13:21  
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