Teure Heimat / Luises Biografie 2. Teil

Aufbruch
 
Ländliches Tanzvergnügen
Sittsam und rein
Ich verließ Kreuzburg und das Elternhaus nicht, ohne mich vorher von meinen Großeltern zu verabschieden. Opa wünschte mir Glück und drückte mir einen Apfel in die Hand. Oma sah mich ernst an und mahnte: „Lieschen, vergiss deine gute Erziehung nicht! Pass gut auf dich auf! Tue nichts, was du später bereuen könntest.“
„Ja, Oma, ich denke an den Spruch von dir in meinem Poesiealbum. Ich kann ihn auswendig.
Sei wie das Veilchen im Moose
bescheiden, sittsam und rein,
und nicht wie die stolze Rose,
die immer bewundert will sein!“
erwiderte ich unbekümmert. Ich freute mich auf die Fremde, auf die Arbeit in der Landwirtschaft mit vielen Menschen, hoffte, es würden recht viele Jugendliche unter ihnen sein. Dass auf diesem Gut in dieser Zeit mein weiteres Leben schicksalhaft entschieden würde, konnte ich nicht ahnen.
Die fremde Welt, das Gut, lag bei Prenslau. Ein wenig vertraut war mir meine Schwägerin, die hier als Köchin arbeitete. Ihr Bruder Erich war der Freund meines Bruders. Er war der jüngste, verwöhnte Sohn der Familie. Er war etliche Jahre älter als ich. Erich stellte die Arbeitsleute für das Gut zusammen und war für die Abrechnung verantwortlich. Die anderen Saisonarbeiter, bunt zusammengewürfelt, waren mir fremd. Die Mädchen, mit denen ich in einem Zimmer schlief, lernte ich als erstes kennen. Sie waren ungefähr in meinem Alter. Ich fand sie nett, sehr gesprächig, hielt sie für naiv und durchschnittlich hübsch. War ich die Älteste? Sicher. Bestimmt konnte ich mich neben ihnen sehen lassen. Schade, dass es in unserem Zimmer keinen Spiegel gab. Zum ersten Mal spürte ich das Verlangen, mich vor einem solchen zu drehen, zu bespiegeln, um Vergleiche anzustellen. Aber der Raum war spartanisch eingerichtet: für jede ein Bett, ein Spind. Ich ernannte mich selbst zur Zimmerältesten. Die Mädchen duldeten es widerspruchslos, befolgten meine Anweisungen. Wer zu uns, in unser Schlafreich, durfte, bestimmte ich. Aufdringliche junge Bengel hielt ich mir und damit auch den anderen Mädchen vom Halse.
Wir mussten die Zuckerrübenfelder pflegen. Die Arbeitstage waren anstrengend und lang. Wir mussten die Rüben hacken, verziehen, immer wieder hacken, damit sie von Unkraut frei seien. Auf den großen Feldern befanden sich kahle Stellen. Hier war die Saat nicht aufgegangen. Wahrscheinlich war da der Untergrund verdichtet, so dass das Wasser nicht absickern konnte. Wer auf der ihm zugewiesenen Fläche solche Stellen hatte, kam natürlich mit dem Verziehen oder Hacken schneller voran. Dass mir Erich auch die nicht geleistete Arbeit, diese Bequemlichkeit, auf den Lohn anrechnete, bemerkte ich erfreut. Ach, ich unerfahrene, dumme Liese ahnte nicht, welche Absicht er hinter seiner harmlos erscheinenden Freundlichkeit verbarg!
Wie lange er aufpassen musste, bis er mich allein in unserem Schlafreich erwischte oder wie er die anderen Mädchen fern hielt, erfuhr ich nie. Eines Tages überrumpelte er mich, war einfach da. Diesen erwachsenen Mann zu verjagen, hatte ich nicht den Mut. Er wirkte so gesetzt, saß zum Feierabend in der Männerrunde beim Kartenspiel und trank Bier. Ich glaubte ja auch, er sei mir wohl gesonnen. Er aber besaß die Frechheit, einfach in mein Bett zu krauchen. Er fragte nicht, sagte nichts, nahm mich, als sei das die selbstverständlichste Sache der Welt, ich sein Eigentum. Befriedigt sank er danach neben mir aufs Kissen, schwieg. Schlief er?
Mir schmerzte alles. Sicher blutete ich. Ich fühlte mich benutzt, besudelt, beschmutzt. Das sollte die Liebe zwischen Erwachsenen sein, meine Sehnsucht nach Küssen, Zärtlichkeit, schmeichelnden Worten nur die Träumerei der dummen, naiven Liese! Die scheuen Annäherungsversuche Dieters, eines Jungen aus der Nachbarschaft, hatte ich erschrocken abgewehrt, ihn von mir gestoßen, den Kopf weggedreht. So hatten seine Lippen mein Ohr berührt. Verwirrt wie ich und beschämt über den misslungenen Kuss, war er davongerannt. Ich hätte ihm entgegenkommen sollen, erkannte ich viel zu spät.
Ich dachte an meine Oma, die mir immer wieder eingeschärft hatte, meine Unschuld als mein kostbarstes Gut zu bewahren. Auch von einer alten Sitte, mit der die jungen Frauen beweisen sollten, dass sie als Jungfrau in die Ehe gegangen seien, hatte sie mir erzählt.
Nach der Hochzeitsnacht musste die Braut ihr Betttuch heraushängen, das vom Blut der Entjungferung Blutflecke aufzuweisen hatte. War das nicht der Fall, wurde ein Täubchen geschlachtet und dessen Blut als Beweis für die Jungfräulichkeit der Frischvermählten verwendet. Wie beschämend! Wie irreführend!
Mit der Selbstverständlichkeit des männlichen Siegers suchte Erich mich immer wieder auf. Er schien kein anderes Mädchen zu beachten. „Der ist dir treu“, staunten die Schlafgefährtinnen. „Den hast du an der Backe“, dachte ich bitter. „Er hält dir alle anderen Verehrer fern.“ Anfangs versuchten einige, sich mir zu nähern, so der junge Inspektor, der Landwirtschaft lernte und hier eine Art Praktikum machte. Deutlich spürte ich auf einem unserer einfachen ländlichen Vergnügungen seine Zuneigung. Aber da war Erich. Ich hatte mich nicht gegen ihn gewehrt, als er von mir Besitz ergriff. Nun fühlte ich mich verpflichtet, ihm treu zu sein.
Üb` immer Treu und Redlichkeit
bis in das stille Grab
und weiche keinen Fingerbreit
von Gottes Wegen ab!
Die Worte und Ratschläge meiner frommen Oma wirkten in mir. Und wenn Erich nicht meinen Vorstellungen entsprach, wenn er zum Beispiel mit den anderen beim Kartenspiel viel trank, dachte ich: „Der wird sich schon noch ändern, muss doch froh sein, dich zu bekommen.“ Ja, ich hielt mich für etwas Besonderes. Ich glaubte, mein Schicksal ändern zu können. Ich fühlte mich stark genug, das Glück in mein Leben zu zwingen. Ahnte ich doch nicht, dass ein Größenwahnsinniger namens Adolf Hitler sich anschickte, Schicksal für uns Deutsche und die übrige Welt zu spielen.
Am 4. Oktober 1940 gebar ich meinen Sohn Alfred. Es war eine schwere Zangengeburt daheim. Sie dauerte lange, war für mich und das Kind gefährlich, auch schmerzhaft. Das Baby lag falsch und sein Kopf war sehr groß. Es musste aus der Steißlage in die normale Lage gedreht werden. Damit war die Hebamme überfordert, der erfahrene Arzt nicht da. Zum Glück ging am Ende doch noch alles gut. Ich war einundzwanzig und stolze Mutter.
Wir heirateten im März 1941, feierten zu Hause mit der ganzen Verwandtschaft. In meinem dünnen Hochzeitskleid fror ich. Ich sollte in unserer ganzen Ehe frieren; denn wir gingen einer schlimmen, kalten Zeit entgegen, einer Zeit, die der Liebe, dem Leben feind war.
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5 Kommentare
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Gunter Linke aus Saalfeld | 08.07.2014 | 20:04  
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Renate Jung aus Erfurt | 08.07.2014 | 23:09  
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Hannelore Grünler aus Artern | 26.07.2014 | 06:45  
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Uwe Zerbst aus Gotha | 26.08.2014 | 21:01  
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Hannelore Grünler aus Artern | 13.09.2014 | 20:17  
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