Teure Heimat / Luises Biografie 4. Teil

Glück gehabt
 
ein schönes Tier
Fern der alten Heimat
Alles in allem war das Glück an meiner Seite. Meine beiden Lieblinge und ich hatten die Flucht gesund überlebt. Und wir waren in Ladekath im Ortsteil Rademin bei freundlichen Menschen gelandet. Der Bauer, bei dem wir einquartiert wurden, war gleichzeitig Ortsteilbürgermeister von Rademin, und obwohl der Bürgermeister von Fleetmark auf seine Frage, was er mit uns Flüchtlingen anfangen solle, von diesem die Antwort erhielt: „Schieben Sie sie ab! Immer abschieben! Von denen kommen noch mehr“, durften wir bleiben; denn ich wollte ja arbeiten, arbeitete gern im Freien und vor allen Dingen wollte ich bleiben. Ladekath ist ein kleines Dorf, hatte damals fünf Bauern und ihre Landarbeiter, eine Gaststätte und die Kirche.
Für ihre Arbeiter hatten die reichen Bauern Tagelöhnerhäuschen gebaut. So war für meine Schwägerin ein Einfamilienhaus mit Küche, Stube, Schlafstube, kleiner Stube und oben zwei Kammern mit schräger Wand neu errichtet worden. Das Häuschen war unterkellert, hatte zwar kein Bad, aber Wasserleitung. Meine Schwägerin und ihr Mann siedelten später. Durch Losen kamen sie zu ihrem Siedlungshaus. Die Polenmädchen, die das Einfamilienhaus anfangs noch bewohnten, folgten den amerikanischen Besatzungssoldaten, als diese abzogen. Nun war das Tagelöhnerhäuschen für uns frei. Es wurde für Jahrzehnte unser Zuhause; denn bei der Bodenreform wurde unser Bauer enteignet, weil sein Hof über 200 Hektar umfasste. Ich erhielt in ihm Wohnrecht auf Lebenszeit, durfte aber das Haus weder verkaufen noch vererben.
Anfangs arbeitete ich auf dem Feld, pflegte Futterrüben, doch vor allen Dingen Zuckerrüben, die in Salzwedels Zuckerfabrik verarbeitet wurden. Auch auf den Kornfeldern arbeitete ich. Das Drehen von Strohseilen für das Binden der Garben musste ich lernen. Die Garben stellten wir zu Puppen auf. Gedroschen wurde damals nicht mit Mähdreschern gleich auf den Feldern, sondern im Winter auf der Tenne. Die Mühle befand sich in Rademin. Der Verdienst war gering. Zusätzlich gab es Deputat, z. B. Butter und Mehl, ein halbes Schwein, Öl zum Ölschlagen. Ich lernte aus Zuckerrüben Sirup zu kochen und aus Pflaumen Mus.
Städter kamen als Hamsterer aufs Land. Man tauschte aus Hungersnot Wäsche, Teppiche und andere Wertsachen gegen Lebensmittel wie Getreide, Kartoffeln Mohn, Erbsen. So kam ich zu einem Kupferkessel. Eimer und Wannen voller Pflaumen mussten gespellt werden. Sie wurden im Kessel gekocht. Bis das Mus fertig war, rührte man bis auf den Grund mit einer sehr langen Holzstange, an der sich ein durchlöchertes Blatt befand. Diese schwere Arbeit dauerte Stunden. Sie war gefährlich heiß, weil es im Kessel blubberte und spritze. Ich war viel zu klein, konnte deshalb die Pflaumen nur entsteinen.
Durch die Enteignung des Bauern, die Bodenreform, bekamen wir Hühner, ein Schwein, zwei Kühe, ein Kälbchen und per Los sogar ein Pferd. Der etwa einen halben Morgen große Garten gleich hinter dem Haus lieferte uns Gemüse, z. B. Gurken, Spinat und Kartoffeln, auch Obst, wie Erdbeeren und die Schwarzen Johannisbeeren, die so reich an Vitamin C sind, die ich trotz ihres eigenartigen Geschmackes heute noch gern esse. Wir lebten also als Selbstversorger.
Später verdiente ich durch die Arbeit im Stall zwar mehr, aber mein Arbeitstag wurde noch länger. Schon früh um vier Uhr musste ich im Kuhstall anfangen. Meine Schwägerin kümmerte sich neben ihren vier Kindern, drei Jungen, ein Mädelchen, auch um meine zwei. Alfred und Erika wuchsen praktisch nebenbei auf; denn erst später eröffnete man in Rademin einen Kindergarten.
Auch auf Hilfe beim Einkauf war ich angewiesen. Neben uns wohnte eine Lehrerin. Sie arbeitete in der großen Schule in Fleetmark. Hierhin gingen die Schüler von der 5. bis zur 10. Klasse, später auch Alfred und Erika. Ihr Mann war Stellmacher und arbeitete seit der Gründung der LPG in dieser. Frau Knepel fuhr mit dem Auto zur Schule und zum Einkaufen. Ich war ihr dankbar, wenn sie für uns mit einkaufte. Knepels hatten zwar ein Auto, aber keinen Garten. So konnte ich mich ab und zu für ihre Hilfe revanchieren, zum Beispiel mit Erdbeeren. Später gab es in Rademin einen Konsum und noch später in Fleetmark eine große Kaufhalle.
Alle Kinder der 5. bis 10. Klasse gingen in Fleetmark zur Schule. Meine Kinder liefen anfangs die drei Kilometer oder fuhren mit dem Fahrrad. Später brachten Busse die Schüler aller umliegenden Dörfer nach Fleetmark. Ich erinnere mich an Familien mit vielen Kindern. Da lohnte sich der Busverkehr.
Die kinderreichste Familie in Ladekath hatte zehn Kinder, von denen sie neun bis zum Erwachsenenalter aufzog. Das war eine traurige Geschichte. Ein Junge dieser Familie verunglückte im Teenager-Alter tödlich, indem er mit dem Moped zwischen zwei Autos fuhr. Im Dorf erzählte man sich, er hätte es absichtlich getan, weil er nicht mehr leben wollte. Ich kann seine Verzweiflung verstehen. Er liebte die einzige Tochter eines Bauern. Die reiche Familie war gegen die Heirat ihrer Tochter mit dem armen Schlucker. Das konnte er nicht verwinden.
Ich war froh, dass unsere beiden Kinder im Dorf und auch in der Schule Anschluss fanden. Alfred half zum Beispiel Schulkameraden bei der Fahrradreparatur. Erika kochte gern mit den Mädchen. Sie waren beide unter ihres gleichen beliebt, was ich gar nicht für selbstverständlich hielt, konnten doch die altangesessenen Bauern ihren Kindern viel mehr bieten, zum Beispiel bei der Kleidung. Da war es wichtig, dass man die Geschäftsleute kannte und sie mit bäuerlichen Produkten freigiebig stimmen konnte. Ich aber schaffte es geradeso, meine Familie über Wasser zu halten, hatte nichts zum Tauschen.
Es wurde festgelegt, was und wie viel wir auf die Größe unserer Felder anbauen und abgeben mussten, das sogenannte Soll. Erst das, was man mehr erwirtschaften konnte, lohnte sich für den eigenen Haushalt. Da mein Mann krank war, war es für mich sehr schwer, das Soll zu erfüllen. Einen Überschuss zu erarbeiten, das gelang mir nie, so sehr ich mich auch anstrengte. Mein Leben bestand aus Arbeit und Plage. Deshalb verstand ich nicht, warum das Schlachten als Schlachtfest bezeichnet wurde. Für mich, die ich mit dem Fleischer allein dastand, war es kein Fest, sondern eine elende Plackerei.
Als dann nach dem Schlachten auch noch Alfreds Lehrer zum Elternbesuch auftauchte, war ich verärgert und misstrauisch. Ich wusste zwar, dass auf dem Lande anlässlich des Schlachtens solche Gaben für Lehrer und Pfarrer üblich waren. Aber ich verübelte es ihm trotzdem. Dabei wollte er mir nur empfehlen, Alfred zur EOS zu schicken, weil unser Sohn so begabt sei. „Alfred konnte zum Beispiel heute als einziger meine Fragen beantworten. Es war ganz neuer Stoff, Frau Wolny.“ Natürlich passte ich mich den Gepflogenheiten Ladekaths nach dem Schlachten an, und Alfreds Lehrer bekam die übliche Gabe von unserem Schwein ab.
Als ich Jahre später bei Erikas Schwiegereltern zum Schlachtfest eingeladen war, spürte ich den Unterschied deutlich. Da waren alle Familienmitglieder und Freunde versammelt. Viel zu tun gab es auch. Aber viele Hände machten der Arbeit schnell ein Ende. Dann saß man um den großen ausgezogenen Tisch, aß gut und war fröhlich beim Umtrunk. Kannen wurden mit Fleischbrühe oder Wurstsuppe gefüllt. Hinein kamen Schlenkerwürstchen beziehungsweise Wellfleischstücke. Schlachtschüsseln wurden zu den Nachbarn getragen. Ich habe immer gern gearbeitet, aber Arbeit als Fest, das erlebte ich selten.
Eine schöne Abwechslung vom Arbeitseinerlei bot mir meine Freundin Ursula, die mit einem Kreuzburger verheiratet war. Noch heute erinnere ich mich gern an die Fahrten mit ihr und ihrer Tochter in die herrliche Umgebung von Arendsee. Mindestens dreimal jährlich fuhren wir dorthhin, pflückten wir im Mischwald Heidelbeeren. Sie wuchsen hier in der Einsamkeit in Hülle und Fülle. Ich fühlte mich wohl, konnte durchatmen und ohne Wehmut an die alte Heimat denken; denn ich war in meinem neuen Zuhause angekommen.
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8 Kommentare
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Renate Jung aus Erfurt | 19.07.2014 | 12:41  
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Gunter Linke aus Saalfeld | 19.07.2014 | 20:17  
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Hannelore Grünler aus Artern | 20.07.2014 | 05:44  
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Renate Jung aus Erfurt | 20.07.2014 | 12:14  
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Gunter Linke aus Saalfeld | 20.07.2014 | 16:40  
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Hannelore Grünler aus Artern | 26.07.2014 | 01:52  
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Gunter Linke aus Saalfeld | 27.07.2014 | 18:53  
13.445
Uwe Zerbst aus Gotha | 27.08.2014 | 22:46  
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