Der Liebe Pforten

"Alles, was das Auge sieht", gestaltet nach einem Plakat im Wartezimmer der Augenärztin
Verwandlung meiner Augenärztin
24. Mai, 11,30 Uhr, Frau Dr. Kunert, Querfurt (Kalendernotiz)
Viel hatte ich mir von diesem, wegen Straßenglätte verschobenen Arzttermin versprochen, hoffte ich doch, der Homocysteinsenker, den ich inzwischen einnahm, könne meinen Augen helfen, zumindest dem, das nur an der trockenen Makula-Degeneration erkrankt ist. Und was erlebte ich?
Volle Wartezimmer mit vor sich hin schweigenden Patienten, bei der Anmeldung eine Schwester, die die Rentner beneidete, weil sie die seltenen Sonnenstrahlen des verrückten Frühjahres 2013 genießen können. (Hier der verkürzter Dialog: Ich: „Beneiden Sie uns Alten nicht!“ Sie: „Ach, was! Sie können tun und lassen was, wann und wo Sie es wollen. Jüngere sind in Ihrem Alter oft schon tot“)
Ich schwieg und dachte: „Schwesterchen, wenn Du wüsstest, wie oft ich denke, falls ich früh sterbe, dann sehend. Sollte ich lang leben, werde ich erblinden. Ach, lieber blind als tot.“
Stillschweigend wartete ich mit gespitzten Ohren auf das Gespräch mit meiner Ärztin. So konnte ich Schicksale anderer erlauschen, erahnen, z. B. das des Vorschulkindes in der Spielzeugecke, dem seine Mutter flüsternd vorlas, bis sie aufgerufen wurden. „Schau hin, was du tust!“ war die mütterliche Aufforderung, als die Kleine fürsorglich ins Sprechzimmer geschoben wurde. Ich bangte mit den Beiden: „Wie oft am Tag hörte das Kind wohl diese Warnung? Welche Diagnose würde die Augenheilkundlerin stellen?“
Oder dies erlauschtes Los:
„Immerhin sieht Ihr Auge nach ……mehr als 15 Prozent……..“ Den Rest verschluckte die gepolsterte Tür, durch die Minuten später ein junger Mann das Sprechzimmer verließ. Er ging dicht hinter seinem ihn tröstenden Begleiter: „Du bekommst noch eine Spritze. Die hilft bestimmt.“
Fast genau zum Termin wurden wir aufgerufen, betraten das Sprechzimmer zu zweit. Eine Erklärung war nicht erforderlich, da die Schwester unsere Bitte übermittelt hatte. Ich durfte zuerst auf dem Untersuchungsstuhl Platz nehmen, war wie bei jedem Augenarztbesuch gut vorbereitet, mit Werbeheft zum Homocysteinsenker in der Hand, darin den Laborbefund und die Karteikarte mit meinen Fragen an die Ärztin. Sie nahm das Mitgebrachte, reichte es meinem Mann mit der Bemerkung: „Ich beschäftige mich nur mit meinen ureigensten Aufgaben. Zu mehr fehlen mir Zeit und Kraft.“ Das war neu an Frau Doktor, die sich immer für alle meine Fragen Zeit genommen, mir Zusammenhänge zwischen Psyche, Körper und Augen auch von sich aus erklärt hatte.
An meine telefonische Bitte um eine Bescheinigung meiner Augenprobleme für die Zentralbibliothek für Blinde und Sehbehinderte in Leipzig, wo ich Leserin bzw. Hörerin werden möchte, konnte sich Frau Dr. Kunert nicht erinnern. Auch das war neu. Aber ich bekam auf einem Rezept meinen Augenbefund bestätigt.
Von meiner Schwester, die ebenfalls AMD-Patientin ist, weiß ich, dass es eine neue Untersuchungsmethode gibt, mit der tiefer ins Augeninnere gesehen werden kann, so dass der Übergang von der trockenen zur feuchten AMD besser diagnostiziert werden kann, eine Spritzentherapie mehr Erfolg verspricht, ein OCT (Igelleistung, in Augsburg für 105 Euro) Schnell hatte mir die Ärztin klar gemacht, dass diese Untersuchung bei mir z. Z. nicht nötig sei, da mein zwar ebenfalls erkranktes Auge klar eine trockene AMD aufweise, mein Arzt in Teutschenthal über das entsprechende Gerät verfüge. Frau Dr. riet mir, mich in Teutschenthal, einer Zweigstelle der Sangerhäuser Augenklinik, um einen Termin in einem halben Jahr zu bemühen. Sie nannte mir 95 Euro als Preis dieser Igelleistung.
Nach den umfangreichen Ausführungen der Augenärztin war mir klar, dass sie sich zu meiner letzten Frage, wie meine Aussichten aussähen, nicht äußern würde. Sie hatte sich mit mir über den unveränderten Zustand meiner Augen gefreut. Was ich einäugig mit Brille von meiner Umwelt sehen kann, sind nach wie vor 60 – 70 Prozent. Ich sah ein, dass die Augenärztin zwar gestresst ist, aber unverändert, für ihre Patienten alles Menschenmögliche tut. Dazu gehört auch die Sorge um ihre eigene Gesundheit, um die ihrer Mitarbeiter.
Bei ihrem nächsten Patienten, meinem Angetrauten, bewies sie das. Ihn musste sie davon überzeugen, dass er ein neues Brillenglas brauche und seine Brille beim Autofahren immer tragen müsse, weil er Verantwortung für sich und seine Mitmenschen habe.
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3 Kommentare
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Renate Jung aus Erfurt | 30.06.2013 | 16:51  
3.050
Antje Hellmann aus Jena | 01.07.2013 | 11:33  
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Hannelore Grünler aus Artern | 02.07.2013 | 05:47  
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