Botschafterin im Rollstuhl

Blumen für die Botschafterin im Rollstuhl
Hell schrillte das Telefon
Auf dem Herd begann der Blumenkohl zu kochen. Der Fisch war eingelegt. Nein, nicht nur nach dem altbewährten Rezept: Säubern, Säuren, Salzen, sondern mit mehr Gewürzen und frischen Kräutern. Wie der Rosmarin duftete! Zum Kartoffelschälen wollte ich mich auf der Treppe vor der Haustür in der Sonne niederlassen. Da klingelte das Telefon. Ich ahnte, wer am anderen Ende sein würde.
Richtig! Ute meldete sich. Der Begrüßung folgte die Frage nach meinem Befinden. Viel Arbeit, wenig Zeit, da wegen Weichteilrheuma-Schmerzen schneckenlangsam. Ich merkte, sie wusste Bescheid, wurde ungeduldig, hatte sicher von interessanter gesellschaftlicher Arbeit zu berichten.
Stolz war zu hören: „Kannst mich in Zukunft mit Frau Botschafterin anreden. Nein, eigentlich lege ich keinen Wert auf Titel. Aber nach 22-jähriger ehrenamtlicher Arbeit hat mich die offizielle Ernennung zur Botschafterin Erfurts, sogar mit Urkunde, doch sehr erfreut. Der Vorschlag kam ausgerechnet von drei Männern, die ich im Namen des Friedens-Aktionskreises Erfurt mit der GOLDENEN TAUBE geehrt hatte.“
Die Namen und Funktionen der drei Herren rauschten an meinen Ohren vorbei, waren sofort vergessen. Schall und Rauch! Aber im Gedächtnis blieben die stolzen Ausführungen der Botschafterin im Rollstuhl, die nach meiner Gratulation folgten: „Wenn ich künftig nach Kassel oder in andere Städte komme, werde ich für Erfurts Schönheit als Landeshauptstadt und Tourismuszentrum werben. Ich werde berichten, wie gut man sich in Erfurt bilden kann. Unsere Landeshauptstadt ist ja Universitätsstadt. Material, auch einen Film, bekam ich überreicht.“
„Ute, Du wurdest zu Recht für deine langjährige ehrenamtliche Arbeit mit dem Titel „Botschafterin“ geehrt und erhieltest gleichzeitig eine ehrenvolle, verantwortliche Aufgabe – ein neues Ehrenamt. Ich gratuliere dir nochmals.“
Wir tauschten unsere Meinungen zu einigen aktuellen Themen aus, z. B. zur Wahl Joachim Gaucks zum Bundespräsidenten. Ein Zischen aus der Küche erinnerte mich an Hausfrauenpflichten und beendete mein Gespräch mit der Botschafterin im Rollstuhl. Ihr Alltag ist anders als meiner.
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4 Kommentare
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Karin Jordanland aus Artern | 26.03.2012 | 14:02  
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Hannelore Grünler aus Artern | 26.03.2012 | 21:04  
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Renate Jung aus Erfurt | 26.03.2012 | 22:22  
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Hannelore Grünler aus Artern | 27.03.2012 | 02:37  
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