Kirchtürme streben zum Himmel. Der Turm der Oberkirche „Unser Lieben Frauen am Berge“ im thüringischen Bad Frankenhausen verneigt sich vor ihm.

Kirchtürme streben zum Himmel. Der Turm der Oberkirche „Unser Lieben Frauen am Berge“ im thüringischen Bad Frankenhausen verneigt sich vor ihm.


4,44 Meter oder 4,8 Grad ist die barocke Spitze des 56 Meter hohen Kirchturms aus dem Lot. Damit stellt der schiefe Riese aus Frankenhausen selbst den weltberühmten Campanile von Pisa (3,9 Grad) in den Schatten.

Ob es dabei bleibt, entscheidet sich in den kommenden Wochen und Monaten. Für den schiefen und dennoch seit mehr als 625 Jahren standhaften Riesen geht es jetzt um alles oder nichts: Rettung oder Abriss.

Doch die Rettung, bei der der Untergrund des Oberkirchturms bis in eine Tiefe von zehn bis 13 Metern mit Beton verpresst und damit dauerhaft stabilisiert würde, kostet Geld. Viel Geld: Eine gute Million Euro braucht es, den schiefen Riesen weiterleben zu lassen. Zu viel für die 9000-Seelen-Gemeinde am Rande des Kyffhäusergebirges .
Klingt hoffnungslos. Aber Bürgermeister Matthias Strejc und der Leiter Stadtmarketing Herr Thomas Knorr, die Mehrheit des Stadtrates und die im „Förderverein Oberkirche“ organisierten Bürger haben beschlossen, zu kämpfen. Um ihren schiefen Turm, der den Kontrahenten in Pisa in jeder Hinsicht überragt – und um Spenden.

Ihr Wunsch und Traum: Dass sich nicht nur in Thüringen, sondern in der gesamten Republik Menschen finden, die nicht akzeptieren wollen, dass ein Bauwerk, das nicht nur Deutschland-, sondern Europa-weit ohne Beispiel ist, aufgegeben und geschleift wird.

Insgeheim hoffen sie darauf, dass sich zum Beispiel ein renommiertes Bauunternehmen dazu bereitfinden könnte, Arbeitsleitungen oder Material zu Sonderkonditionen zur Verfügung zu stellen. „Unser Spendenpartner kann den Turm dann selbstverständlich für jede Form der angemessenen Art der Werbung nutzen“, betont Strejc.

Oder dass Bürger und Organisationen in deutschen Städten, die mit dem Sole-Heilbad Bad Frankenhausen die Salzsieder-Tradition gemein haben, Patenschaften übernehmen und sich in die Rettungsaktion einbringen. Oder dass Prominente wie das Supermodell Eva Padberg und 800-Meter-Olympiasieger Nils Schumann, die beide im Schatten des schiefen Riesen geboren und aufgewachsen sind, der Spenden-Rallye Schwung und Glanz verleihen. Und vielleicht, so sinniert Matthias Strejc, gibt es ja noch weitere Prominente und Erfolgreiche, die sich gerne an Bad Frankenhausen und seinen schrägen Kirchturm erinnern und sich nicht damit abfinden wollen, dass er fällt.

Vor allem aber wollen die Frankenhäuser selbst mit aller Kraft dazu beitragen, dass der lange Schiefe stehen bliebt. Geplant sind bereits Benefiz-Konzerte, eine Spenden-Gala, ein Spenden-Lauf mit Nils Schumann. Oder auch eine Badewoche zugunsten des Oberkirchturms in der benachbarten Kyffhäuser-Therme. Planschen für den schiefen Riesen.

Gelingt die Rettung, wollen die Frankenhäuser ihre schräge Attraktion und die dazugehörigen Überreste der Oberkirche, deren Dach 1962 wegen Schwammbefalls abgerissen wurde, touristisch endlich angemessen in Wert setzen und neue Gäste gewinnen, was der finanziell nicht auf Rosen gebetteten Kommune und dem örtlichen Handel mit Sicherheit gut täte.

Die evangelische Kirche, derzeit noch Eigentümerin des Bauwerks, hat Kirche und Turm längst abgeschrieben und wäre bereit, sie der Stadt zur touristischen Nutzung zu überlassen.

Im Rathaus denkt man aber zum Beispiel auch daran, nach erfolgreicher Turm-Rettung auf dem Oberkirchen-Areal regelmäßig Konzerte stattfinden zu lassen und damit an die Tradition der Deutschen Musikfeste anzuknüpfen, die vor etwas mehr als 200 Jahren in Bad Frankenhausen geboren wurden: 1810 veranstaltete der damalige Kantor der Frankenhäuser Evangelischen Kirchengemeinde in Kooperation mit Louis Spohr das erste Deutsche Musikfest. Im vergangenen Jahr wurde mit Haydns „Schöpfung“ oder einem Konzert des Leipziger Thomanerchors des Jubiläums gedacht. Warum nicht daran anknüpfen und damit der Oberkirche eine neue Bestimmung geben, fragen sich Strejc und seine Mitstreiter.

Thüringen hat in den zurückliegenden Jahren viel Kraft und Kreativität investiert, um sich im touristischen Wettstreit der deutschen Länder und Regionen erfolgreich als Kulturreiseziel zu positionieren. Da würde es nicht nur nach Meinung von Matthias Strejc nicht so recht ins Bild passen, sähe das Land ungerührt zu, wie der Riese geköpft wird.

Schließlich ist der Oberkirche-Turm in mehrfacher Hinsicht ein Solitär. Denn er steht nicht nur schräg, wobei er sich mit seinem – allerdings noch nicht einmal halb so großen – Kontrahenten im ostfriesischen Suurhusen ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Titel des Allerschiefsten liefert. Sondern er ist auch noch in sich verdreht. Als er 1762 seine neue, bis heute charakteristische barocke Turmhaube mit ihren Aufsätzen, Schweif- und Zwiebelkuppeln erhielt, wurde diese gerade auf den schon damals schrägen Riesen aufgesetzt, um einer weiteren Neigung entgegenzuwirken. Seither steht der Oberkirchturm wie ein Fragezeichen in der Landschaft.

Es blieb nicht der einzige Versuch, zu verhindern, dass der Oberkirchturm immer weiter auf die schiefe Ebene gerät. Er wurde 1911 mit Pfeilern gestützt und 1935 im Kirchenschiff verankert. Bereits 1909 gründete sich die erste „Vereinigung für die Erhaltung der Oberkirche“ und 1921 wurde der „eiserne Fuffziger“ herausgegeben, ein Notgeld mit der Aufschrift „Hilfe. Ich stürze!“ Genutzt hat alles nichts. Jahr für Jahr neigt sich der schräge Turm um circa sechs Zentimeter weiter nach Nordosten.

Jetzt sind sie in Bad Frankenhausen angetreten, den Kampf um die Zukunft des schiefen Riesen endlich zu gewinnen. Für viele Menschen in Stadt und Region ist er nicht nur Wahrzeichen und Denkmal, sondern auch Teil ihrer Heimat und Identität. Und der Turm ist der höchste schiefste Turm der Welt. „Was Pisa für die Italiener, ist Bad Frankenhausen für uns Deutsche. Daher sollten wir die Rettung des Turmes als gesamtdeutscher Aufgabe sehen“, so der Bürgermeister Matthias Strejc. Und auch deshalb wollen sie ihn nicht in Trümmern sehen.

Alle Informationen zum Spenden-Marathon sowie die tagesaktuellen Ereignisse sind auf der neuen Homepage www.derschiefeturm.de zu sehen. Hier kann man sich auch als Unterstützer verewigen und die Aktion damit fördern. Ebenfalls sind die zahlreichen geplanten Veranstaltungen im Spenden-Eventkalender einzusehen.
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