Die Menschwerdung wird in Bilzingsleben immer wieder neu geschrieben

Feuerstein oder Werkzeug? Auf den zweiten Blick sieht man, was es ist: links ein Bohrer, dazu Schaber in verschiedenen Größen. Fotos: Heyder
Bilzingsleben: Steinrinne |

Stein oder Werkzeug? - Die Menschwerdung wird in Bilzingsleben immer wieder neu geschrieben

Ist das ein Werkzeug, oder kann das weg? - Scherzhaft könnte man einen Teil der Arbeit des wissenschaftlichen Leiters der Steinrinne Bilzingsleben Enrico Bühl so beschreiben. Den Namen dieses Ortes kennt vielleicht nicht jeder Thüringer. Aber definitiv jeder Wissenschaftler der Welt, der sich mit der Menschwerdung beschäftigt.

Was für die meisten Zeitgenossen ein gewöhnlicher Stein ist, erkennt Bühl als 400.000 Jahre altes Werkzeug, das eine beschlagene Kante hat. „Die Elstereiszeit hat diese gewöhnlichen Feuersteine aus Silizium-Dioxid mit bis in diese Region getragen. Sie splittern scharfkantig und eigneten sich genau deshalb als Werkzeuge. Der Homo erectus, jener Mensch der in dieser Zeit hier siedelte, hat diese Steine mit System zu Werkzeuge gemacht“.

Hauptsächlich viele Arten von Schabern sind es, die Bühl hier findet. „Allen gemein ist die scharfe Kante, die sich für eine Reihe von Tätigkeiten eignet. Das wirklich Erstaunliche ist dabei, der vergleichsweise hohe Grad der Standardisierung, den wir hier nachweisen können.“ Die Arbeitsgeräte wurden immer nach dem gleichen Muster behauen und in verschiedenen Größen in bewusster Tätigkeit hergestellt. „Der Mensch damals hatte also bereits eine Vorstellung davon, wie er sein Werkzeug bearbeitet“, sagt Bühl.

Damit widersprechen die Funde dem, was teilweise bis heute in der Schule gelehrt wird. Dass der Mensch erst vor 35.000 bis 40.000 Jahre sich soweit entwickelt hatte, dass er aktiv seine Umwelt gestalten konnte, das Feuer beherrschte, Kleidung trug und in Hütten wohnte. „Die Funde in Bilzingsleben strecken diese Annahme um den Faktor zehn.“

Ein Beleg dafür ist auch ein kleiner Bohrer, der zumeist in zwei Varianten vorkam: Einmal mit langer, ausgezogener Spitze und einmal in einer kürzeren, etwas dickeren Variante. „Möglich ist, dass damit Tierhäute perforiert wurden“, erklärt der Wissenschaftler. Und das könne ein Indiz für die Herstellung von Kleidung sein.

Präzisionsgriff


„Dass wir nach dieser Zeit lange keine Tierhäute mehr hier finden, heißt nicht, dass es sie nicht gab.“ Längst verrottet wären diese. Anders eben als die Werkzeuge zu deren Bearbeitung. Und die, das ist die nächste kleine Sensation, erforderten einen Präzisionsgriff mit den Fingern, der dem heutiger Menschen ähnlich gewesen sein muss.

Das Bild vom Urmenschen, der den groben Faustkeil umklammerte, muss um ein ganzes Stück erweitert werden. Von all diesen sensationellen Funden können sich die Besucher vor Ort ein Bild machen.

Von April bis Oktober ist die Ausstellung dienstags bis sonntags von 10 bis 16 Uhr geöffnet. Die letzte Führung startet um 15.30 Uhr. Für Erwachsene kostet der Eintritt 5 Euro, für Kinder die Hälfte. Eine einstündige Führung und eine kleiner Film sind inklusive.

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