" Hälfte des Lebens"

aus meiner Bibliothek
Erweiterter Lesekreis
Zu seiner Februarveranstaltung hatte der Lesekreis alle Heimatfreunde eingeladen. Ansehen wollten wir uns den Film „Die Hälfte des Lebens“ auf DVD. Die Lesefreunde, die ihn bereits kannten, hatten von dem Streifen über das traurige Schicksal des Lyrikers Friedrich Hölderlin geschwärmt. Deshalb und wegen der öffentlichen Einladung erwartete ich einen vollen Gästeraum im Heimathaus.
In meine Vorbereitungen auf das Kunsterlebnis bezog ich Manfried ein. Wir lasen die Biografie und einige Gedichte, sprachen über die Bedeutung des Filmtitels. Die Hälfte seines Lebens verbrachte Johann Christian Friedrich Hölderlin (1770 – 1843), einer der bedeutendsten deutschen bürgerlich-revolutionären Lyriker, in geistiger Umnachtung, unterbrochen durch kurze helle Schaffenszeiten. Natürlich suchten wir die Ursache seiner psychischen Krankheit und kamen zu dem Schluss: Da gibt es mehrere. Er verzweifelt an den politischen Verhältnissen, am Scheitern seiner revolutionären Ideale und natürlich auch an seiner unglücklichen Liebe zur Ehefrau seines Brotgebers und Mutter seiner Zöglinge; denn weil er von seiner Kunst nicht leben konnte, musste er sich als Hauslehrer (Hofmeister) seinen Lebensunterhalt verdienen.
Im Heimathaus hatte eine kleine Schar von Lyrikfreunden an zwei Tafeln Platz gefunden. Wir wurden mit Tee bewirtet, in die Biographie Hölderlins eingeführt und hörten das Gedicht, das ich daheim schon im „Poesiealbum“ Nr. 17 vom Jahre 1969 gelesen hatte.
Hälfte des Lebens
Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

Im „Poesiealbum“ war dieses Gedicht dasjenige, das ich am leichtesten nachvollziehen konnte. Aber auch hier Vermischung von Natur und Gesellschaft, auch hier schwermütiges Zweifeln, niederdrückende Stimmung.
Der Film berührte uns alle sehr. Nach seiner Vorführung folgte wie geplant keine Diskussion. Aber flüsternder Gedankenaustausch war überall zu hören.
Ich war aufgewühlt, hatte ich doch während der Vorführung an Christa Wolf denken müssen, deren Buch „Stadt der Engel“ ich gerade höre und das mir ebenfalls sehr nahe geht wegen seiner Verflechtung von Persönlichem und Gesellschaftlichem, von individuellem Künstlertum und allgemein Menschlichem. Außerdem war meine Leistungsgrenze erreicht, zeitlich, auch kräftemäßig. Ich wollte nur schnell heim, hatte Angst, es nicht zu schaffen. Dabei hatte mir der Film sehr gut gefallen. So einfühlsam! Offen, sparsam, deutlich! Schauspielerische Spitzenleistungen!Ein wahres Kunstwerk!
Wie erwartet war mein Blutdruck gefährlich hoch. Das wird wohl trotz Arznei so bleiben, dass meinem Kreislauf und leider auch meinen Augen alles, was mir unter die Haut geht, schaden könnte.
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4 Kommentare
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Uwe Zerbst aus Gotha | 03.03.2012 | 11:52  
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Gunter Linke aus Saalfeld | 03.03.2012 | 16:33  
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Annett Deistung (HarzWusel) aus Nordhausen | 03.03.2012 | 21:33  
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Hannelore Grünler aus Artern | 03.03.2012 | 22:02  
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