Stoppok lästert vor Konzert in Erfurt über Castingshows: Kakophonie!

Wann? 04.12.2016 20:00 Uhr

Wo? Pressenwerk, Bahnhofstraße, 36433 Bad Salzungen DE
Operation 17. heißt das 17. Studioalbum von Stoppok. Der Musiker selbst findet es so rund und stimmig wie lange nicht mehr. (Foto: Agentur)
 
Mit Band kommt Stefan Stoppok auch nach Erfurt, eher er für Solokonzerte gleich noch einmal auf Tour geht. (Foto: Agentur)
Bad Salzungen: Pressenwerk |

In 40 Jahren auf der Bühne hat sich Stefan Stoppok nie verbiegen lassen. Deswegen war es mitunter ein steiniger Weg für den Independent-Künstler. Das 17. Studioalbum ist das bisher erfolgreichste des deutschsprachigen Folk- und Rock-Musikers. Vor seinen beiden Konzerten in Thüringen erklärt er im Gespräch, warum er lange nicht mehr so zufrieden mit einem Album war.


Am Mittwoch geht es los mit der Tour. Bist du nach all den Jahren auf der Bühne noch nervös, wie die neuen Titel beim Publikum ankommen?

Was das anbelangt, bin ich ganz gelassen. Ob mein Equipment funktioniert, das ist das Hauptproblem. Und ob ich schon alle neuen Texte drauf habe. Das sind die Sachen, die mich umtreiben. Aber das regelt sich in der Regel schnell. Die Freude, wieder mit der Band auf der Bühne zu stehen, überwiegt auf jeden Fall.


Du musst ja nicht nur die neuen Songs kennen. Im Booklet deines neuen Albums hast du mal hochgerechnet, dass du dich an die Texte von bisher rund 180 Stücken erinnern müsstest.
Auf Zuruf würde ich wohl nur auf 20 Prozent kommen, die ich fehlerfrei rezitieren könnte.


Hast du auf dem neuen Album selbst einen Lieblingstitel? Oder sind das alles deine Kinder, die man gleich liebhaben muss?

Muss man nicht. Aber es ist schwer, das zu beantworten. „Zwei wunderschöne Augen“ finde ich sehr gut. „Es muss einen Weg hier raus geben“, „Mein Herz hat damit nichts zu tun“….
Ne, es klingt zwar etwas klischeehaft, aber ich bin sehr zufrieden wie selten zuvor. Weil das Album doch sehr, sehr rund ist. Ich habe mich diesmal auch gezwungen, wirklich nur begrenzte Stücke auszuwählen, obwohl wir sehr viel mehr aufgenommen haben. In erster Linie hatte ich den Fokus darauf, dass wirklich alles stimmig ist und nicht zu viel drauf kommt.


„Operation 17“ ist gleich auf Platz 17 der Charts eingestiegen. Bereiten dir solche Erfolgsmeldungen Sorge? Ich frage: Denn du scheust ja eigentlich den ganzen Musikzirkus und die mediale Aufmerksamkeit, die der zu große Erfolg mit sich bringt.
Aber die Gefahr besteht nicht, weil ich ein überzeugter Independent-Künstler bin und auch nicht mehr mit Major-Companies zusammenarbeite. Was auch heißt: Selbst wenn du hoch in den Charts bist, bekommst du trotzdem nicht die mediale Aufmerksamkeit, weil das immer etwas mit Promotion, Kohle und Connections zu tun hat. Das soll jetzt aber keine Medienkritik werden. Es ist halt so. Aber von daher braucht man da keine Angst haben, weil man wird ja medial nicht verwurstet. Der Fankreis steigt, das ist natürlich toll, damit man weiter seine Sachen machen kann. Und es ist schön, wenn man den Major-Companies mal ans Bein pinkelt. Also, ich kann mit einem Bruchteil des Promotion-Aufwandes trotzdem viele Leute erreichen und muss nicht erst viel Geld versenken, um irgendwie Zeug an den Mann zu bringen. Das ist natürlich klasse.

„Nehmen Sie mich! Ich bin teamfähig!“



Du hast immer dein Ding gemacht - seit 16 Jahren mit eigener Plattenfirma, damit auch ja keine Abhängigkeiten bestehen. Bist du eher ein Eigenbrötler? Wie kompromissbereit bist du?
Das ist so ein Klischee. Ich bin kein Eigenbrötler. Ich brauche meine Band, ich brauche meine Familie, ich brauche Leute, mit denen ich zusammenarbeite. Ich mache das ja nicht alleine, das könnte ich gar nicht. Ich bin weniger Egomane als Robbie Williams oder so. Ich bin absolut teamfähig. Aber ich gehe keine Kompromisse ein, was meine Musik anbelangt. Ich würde nichts machen, nur um irgendeinen Erfolg zu generieren. Da habe ich keinen Bock drauf des schnöden Mammons wegen.


Teamfähig - das klang jetzt fast wie in einem Bewerbungsgespräch. In deinen Songs rufst du stets dazu auf, immer misstrauisch zu sein. Fällt es dir schwer, anderen zu vertrauen?
Ich glaube, ich habe da einen ganz guten Blick. Leute, die straight sind, die klar sind, die erkenne ich recht schnell. Und denen kann ich auch von Anfang an vertrauen. Ich bin nicht so ein Skeptiker. Ansonsten bin ich durchaus positiv anderen Menschen gegenüber eingestellt. (Ruft:) Nehmen Sie mich! Ich bin teamfähig!


Wenn ich jetzt noch weiter in der Vergangenheit grabe: Du hast dir sogar das Gitarre spielen selbst beigebracht. Unterricht zu nehmen, war nie dein Ding, oder?
Ne, absolut nicht. Ich habe frühzeitig gemerkt, was mich an Musik begeistert. Ob es ein Django Reinhardt war, der mit zwei Fingern gespielt hat, weil ihm die anderen abhandengekommen sind, und der trotzdem eine Technik entwickelt hat, die völliger Wahnsinn ist. Etwas, das andere mit allen Fingern nicht hinbekommen. Mich hat immer gereizt dieser spezielle Ton eines Musiker oder auch eines Malers. Wer besonders toll zeichnen kann, ist noch kein toller Maler. Es kommt auf die Intonation an. Und je weniger man vorgefertigte Techniken zur Verfügung hat, umso besser. Und da wäre man auch gleich bei der Krux, die heutzutage so stattfindet, wo viele Musiker nur noch im Computer die Musik machen, wo irgendwelche vorgefertigten Screensets abgerufen werden und wo eine gewisse Gleichförmigkeit da ist, die für mich eher langweilig ist.


Als „Kakofonie mit großem Orchester“ besingst du die Castingshows in deinem Song „Planlos durch das All“. Als Jurymitglied bei DSDS muss man dich also nicht anfragen?
Ne, definitiv nicht.

„Da ist auch kein körperlicher Zerfall festzustellen.“



Seit 34 Jahren trittst du als Stoppok auf. 17 Studienalben hast du seither aufgenommen. Seit 40 Jahren stehst du auf der Bühne. Vor Kurzem hast du deinen 60. Geburtstag gefeiert. Wie kommst du mit dem Altern zurecht?
Ich liebe solche direkten Fragen. Ich habe damit überhaupt kein Problem. Ganz im Gegenteil. Ich finde das absolut großartig. Ich bin jeden Tag dankbar. Ich mache das seit 40 Jahren als unabhängiger Künstler. Auf neudeutsch würde man fragen: Wie geil ist das denn? Das ist einfach der Hammer. Ich mache jetzt eine 45-Tage-Tour. Erst der Bandabschnitt mit 25 Auftritten, das ist purer Rock'n'Roll. Das schaffen manche junge Bands nicht. Da ist auch kein körperlicher Zerfall festzustellen.


Du hast es gerade gesagt: Nach deiner Tour mit Band gehst du gleich noch einmal auf Tour - und zwar solo. Was ist dir lieber?

Optimaler geht es gar nicht. Ich freue mich tierisch auf die Band-Tour, gemeinsam abzurocken. Wenn wir das 25 Konzerte lang gemacht haben, werde ich mich tierisch darauf freuen, mich alleine wieder hinzusetzen auf meine Perkussionskiste und dann noch einmal entspannt 20 Konzerte zu machen. Es hat beides für mich total etwas.


Seit du auf der Bühne stehst, hat sich die Musikwelt in dieser Zeit mehrmals auf den Kopf gestellt. Ein Beispiel: Immer mehr Menschen kaufen heutzutage keine wohl durchdachten Alben mehr, sondern nur noch einzelne Titel als MP3. Nimmst du das wahr oder betrifft das dich und deine Fanschar eigentlich nicht?
Das ist das große Glück, dass zu meinen Konzerten die Leute kommen, die nicht darauf angewiesen sind, was die Masse gut findet, sondern die einen eigenen Geschmack haben. Das ist alleine eine Frage der Soundqualität. Deswegen wird jetzt immer mehr Vinyl verkauft. Das ist ja großartig. Da merkt man sogar im Vergleich zur CD noch einen Fluss. Man hört ganz anders. Man zappt nicht durch, sondern man konzentriert sich ganz anders darauf und kann die Musik ganz anders wahrnehmen. Man schluckt nicht einfach runter, ohne es zu schmecken.

„Ich laufe nicht mit Scheuklappen durch die Gegend.“



Bist du generell ein „Früher war vieles besser“-Typ?
Ne, das bin ich gar nicht. Jede Zeit hat ihre Vor- und Nachteile. Ich habe den Blickwinkel über die letzten 40 Jahre Musik. Wenn ich das im Überblick resümiere, würde ich sagen, ich empfinde jetzt für mich viele Vorteile. Als Independent-Künstler kann ich über das Internet, ohne mich irgendwelchen Medien anbiedern zu müssen, ganz anders Kontakt zum Publikum halten. Das ist natürlich großartig. Aber das hat natürlich auch seine Tücken. Zum Beispiel, dass die jungen Musiker nur vorgefertigte Sachen zusammenbauen. Deswegen läuft gerade viel deutsche Musik im Radio. Denn das Radio ist - wie wir wissen - bestimmt von irgendwelchen Marktforschungsgeschichten, wo den Leuten kurz etwas vorgespielt wird und sie dann entscheiden, ob das gut oder schlecht ist. Wenn du ein geprüftes Preset hast, wo die Geschwindigkeit vom Rhythmus stimmt und alles, weil das schon millionenfach gemacht wurde, wenn du darauf einen Song baust, hast du natürlich eher die Chance, dass die Leute sagen: „Ja, toll!“ Das ist etwas ganz anderes, als ob du mit einer Band einen Song entwickelst und einen eigenen Sound hast, an den die Leute sich gewöhnen müssen. Es hat alles seine beiden Seiten.


Du hast immer Deutsch gesungen - auch wenn das zu mancher Zeit nicht unbedingt angesagt war. Hattest du je Probleme damit, dass dir eine erdachte Liedzeile doch zu kitschig oder schlagermäßig vorkam?
Nö, nö. Darüber habe ich mich immer hinweggesetzt. Wenn ich das so gefühlt habe, dann habe ich das auch so gemacht. Was ich zu den 17 Alben nicht mitzähle: Ich habe mein erstes Album 1980 unter dem Namen „Stender Band“ gemacht. Da ging die „Neue Deutsche Welle“ so gerade los. Da haben wir in England eine deutschsprachige Platte aufgenommen. Da war ich schon damals vor der Zeit.


Du legst viel Wert darauf, dir treu zu bleiben. Prallt dabei mancher Trend an dir ab?
Ich registriere das ja. Ich laufe nicht mit Scheuklappen durch die Gegend.

„Wir haben uns bemüht, so eine Live-Energie hinzubekommen.“



Es gibt einige Gruppen, die gelten vor allem als gute Liveband, die man beim Konzert erlebt haben muss. Wie ist es mit dir? Nimmst du gerne im Studio auf? Siehst du dich eher auf der Bühne?
Für mich ist beides gleichwertig. Das ist ein Entwicklungsprozess, den sich viele auch nicht mehr leisten. Ich hingegen schon. Das merkt man auch bei dem Album. Man merkt solche Diskrepanzen. Im Studio spielt man anders. Logisch, da hat man eine andere Energie als live. Der Weg ist - und dies ist uns beim Album sehr gut gelungen - dass es nicht diese Diskrepanz gibt. Wir haben uns bemüht, so eine Live-Energie hinzubekommen. Die neuen Songs lassen sich live viel einfacher in der gleichen Stimmung spielen.


Mit auf Tour hast du einen Großteil deiner 45 Gitarren. Sogar eine Waldzither ist dabei. Du nimmst den Großteil mit, weil du jedes Stück auf dem Instrument spielen willst, mit dem du es auch komponiert hast.
Ja, klar. Wobei die Waldzither auf der Bandtour nicht mit dabei ist, weil wir kein Stück mit ihr spielen. Ich nehme auf jeden Fall viele Instrumente mit und spiele die Stücke auf den entsprechenden Gitarren. Wobei ich den Vorteil habe, dass ich mir im Studio nicht aufgeschrieben habe, auf welcher Gitarre ich was gespielt habe. Teilweise ist es für mich selber nicht mehr nachvollziehbar.


Man sagt dir kabarettistisches Talent in deinen Moderationen nach. Du hast 2015 wegen deiner humorvollen Art sogar den Deutschen Kleinkunstpreis gewonnen. Hast du vorbereitete Überleitungen? Passiert das spontan?
Genau. Ich erzähle wirklich, was mir so einfällt. Ich hatte sogar früher den Anspruch, nie das gleiche zu erzählen. Da würde heute jeder mit dem Kopf schütteln. Das habe ich auch wirklich über zehn Jahre durchgezogen. Das war so in den 80ern. Wenn man das alles aufgenommen hätte, dann besäße man Kabarettprogramm für die nächsten 20 Jahre. Teilweise sprechen mich Leute an auf lustige Geschichten, die ich erzählt habe. Und ich weiß die einfach nicht mehr. Das hat auf der anderen Seite aber für mich immer den Vorteil gebracht, dass ich nie so verkrampft geworden bin. Ich kann mich bis heute auf das Spontane verlassen. Obwohl ich mittlerweile schon so ein paar Sachen bringe, die ich gut finde oder von denen ich weiß, die mögen die Leute besonders. Aber ich verändere sie immer ein wenig.

„Erfurt finde ich immer absolut eine Reise wert.“



Sind die Fans mit dir älter geworden oder sind immer wieder neue hinzugekommen?
Die Mischung ist zum Glück absolut bunt. Da findet immer wieder eine absolute Erneuerung statt. Es sind junge Leute dabei, was ich besonders toll finde, weil ich ja nicht einen auf cool und hip mache. Aber auch die Jungen sind nicht darauf angewiesen, was gerade Trend ist oder was ihnen als solcher vorgegaukelt wird. Die haben eine eigene Meinung. Es kommen junge Familien mit kleinen Kindern. Und eben auch Leute, die mich schon lange begleiten. Es ist wirklich sehr schön bunt gemischt.


Du hast den Weltmusikpreis „Ruth“ gewonnen. Und zwar in Thüringen beim Rudolstädter Festival für Folk, Roots und Weltmusik.
Das hat mich sehr gefreut, weil diese Sache, dass ich mit vielen anderen Musikern mit anderen Traditionen schon seit Jahren Musik mache, das habe ich auch nie an die große Glocke gehangen. Das macht mir persönlich ganz viel Spaß. Dass das so registriert wird, finde ich klasse. Ich finde dieses Festival in Rudolstadt großartig, weil sich dort ganz viele Leute tummeln, die auch eher nicht Mainstream sind.


Auf Erfurt freust du dich aber auch?
Ich freue mich besonders, in Erfurt wieder mit der Band zu sein. Ich glaube, die letzten Jahre war ich meistens solo. Es ist jetzt kein Geschleime: Erfurt finde ich immer absolut eine Reise wert. Ich habe da immer Spaß. Denn die Leute sind da besonders bunt gemischt und sehr wach. Ich freue mich darauf.

Termin & Tickets

Stoppok mit Band, 16. November, 20 Uhr, HsD/Gewerkschaftshaus, Erfurt
Stoppok Solo, 4. Dezember, 20 Uhr, Pressenwerk, Bad Salzungen

Karten: Ticketshop Thüringen, Telefon: 0361/2275227, www.ticketshop-thueringen.de


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