Daumen im Wind - Alexandra Rogg ist Anhalterin, Hirtin, Sennerin und demnächst auch noch Hühnerfee

Alexandra Rogg
Von Wolfgang Rewicki

Der 1. Mai 2007 war ihr Unglückstag: Damals nahm ihr ein Pkw in Schönau bei Eisenach die Vorfahrt, als Alexandra Rogg auf ihrem Moped nach ­Waltershausen unterwegs war. Infolge dieses schweren Unfalls auf der B 7 hätte sie beinahe ein Bein eingebüßt. Doch sie hatte Glück. Das Bein blieb dran. Aber sie hatte auch Pech, denn ­ihren Beruf konnte sie sogleich an den Nagel hängen.

Alexandra Rogg (43) ist nämlich von Beruf Sennerin und Hirtin. Eigentlich ist sie Ingenieurin für Agrarwesen, ihren Abschluss hat sie in Witzenhausen gemacht. Dort hat sie Ökologischen Landbau studiert. Die gebürtige Allgäuerin las eines Tages am Schwarzen Brett der Fachhochschule einen Aushang. In der Schweiz wurden gerade Hirten gesucht. Sie hängte sich ans Telefon, holte die erforderlichen Erkundigungen ein und bewarb sich.

Ihr Berufseinstieg als Hirtin, das ist ein so genannter Anlernberuf, gelang allerdings nur auf Grund einer, sagen wir es freundlich, aufgrund einer Flunkerei. Denn sie gab vor, Berufserfahrung zu haben, wurde also eingestellt, und plötzlich hatte sie auf der Alm täglich 90 Kühe zu melken. Sie, die Ingenieurin, die wohl melken gelernt hatte, aber nun diese Menge – selbst mit der vorhandenen Technik eine Herausforderung. Gewiss haben ihr die Kühe verziehen. Sie machte ihre Arbeit gut, qualifizierte sich nach praktischer Erfahrung innerhalb zweier Alpzeiten noch nebenbei zur Sennerin – da muss man dann Käse herstellen können – und konnte fortan in dem Alpenländle noch so manchen Job annehmen. In Graubünden und St. Gallen als Kuh- Schaf- und Ziegenhirtin.

Jetzt arbeitet die einstige Sennerin als Schwerstbehinderten-Assistenz und kümmert sich um eine Frau, die – auch wegen eines Unfalls – nur noch ihre Finger bewegen kann. Als Hirtin eines Menschen arbeitet sie jetzt also. In ihrer Freizeit widmet sich Alexandra Rogg ihrem Bienen­volk, einem Obst­garten, und sie will demnächst auch noch Hühner halten.

In Richtung Thüringen war sie unlängst wieder auf der B 7 unterwegs, weil sie im Internet eine Stedtfelder Firma gefunden hat, die unter anderem photoelektrisch funktionierende Schließ­systeme herstellt. Daraus wird bei ihr zu Hause am Stadtrand von Kassel eine Klappe, die sich automatisch bei Tagesanbruch hebt und dann abends senkt, damit die Hühner früh aus dem Stall können und wieder hinein in der abend­lichen Dämmerung.

Auf dem Weg nach Stedtfeld war die Steinbock-Frau mit Hang zur Tierhaltung notgedrungen per Anhalter, denn ihren Kontakt zu einer Fahrgemeinschaft konnte sie nicht herstellen, weil sie ihr Handy zu Hause vergessen hatte. Zurück ins hessische Land ging es dann ­schließlich auch wieder mittels „Daumen im Wind“. Es ist ein wenig aus der Mode gekommen, das Reisen per Anhalter. Doch bleibt festzustellen: Oft genug hat nicht nur der Mitgenommene etwas davon.
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