Dr. Johannes Hanel: "Ich möchte lebenslanges Lernen weitergeben". Eine "gesunde Schule" und Englisch als Unterrichtssprache.

Mit ruhiger und sicherer Stimme verspricht mir Johannes Handel: „Ich habe auf der Walddorfschule lebenslanges Lernen gelernt – und das ist kein Schlagwort“. Dieses lebenslange Lernen möchte er mit der Gründung einer Internationalen Schule in Eisenach an heranwachsende Kinder weitergeben. Aufgewachsen in Stuttgart, kam er 2004 nach Eisenach um die Walddorfschule zu leiten und um das liberale Konzept dieser Schule weiterzuentwickeln: „Mein Anliegen war es, die Schule aktiv mit dergesamten Öffentlichkeit zu vernetzen, mit Politik, Wirtschaft und kulturellen Einrichtungen wie Schulen. So begann die Schule, tüchtig zu wachsen“. Der cosmopolite Hanel möchte in Thüringen neben der bereits bestehenden Thuringia International School in Weimar, eine weitere Internationale Schule in Eisenach gründen. Mit Eisenach als Standort von zahlreichen internationalen Firmen wie Opel oder Bosch und verkehrsgünstigen Mittelpunkt von Deutschland, ist der Lehrer sich sicher und sucht nun nach Gesellschaftern für eine Wartburg International School als gemeinnützige GmbH.

Jeder hat schon mal etwas davon gehört, aber was genau ist eine International
School? Wie funktioniert sie?

Eine internationale Schule ist eine Schule, in der die Unterrichtssprache Englisch ist. Sie ist eine allgemeinbildende Gesamtschule für Kinder ab drei Jahren bis zum Schulabschluss. Rechtlich ist sie eine Schule in freier Trägerschaft. Schulträger kann eine gemeinnützige Gesellschaft oder Verein sein. Die Thuringia International School wird von einem gemeinnützigen Verein getragen, dessen Vorstände ehrenamtlich tätig sind. Es gibt eine Organisation, in der viele Internationale Schulen in Deutschland vertreten sind, die AGIS. Diese AGIS-Schulen müssen u.a. gemeinnützig, englischsprachig, offen und auf
dem Weg zur Qualität sein.

Eisenach und International School – das klingt erst mal gegensätzlich.
Wie kommen Sie darauf in einer Kleinstadt wie Eisenach eine Internationale Schule zu gründen?

Natürlich sind die meisten internationalen Schulen in Großstädten. Die Thuringia
International School ist in Weimar, damit Kinder aus Jena und Erfurt sie besuchen können. Allerdings ist es sehr weit von Eisenach jeden Tag nach Weimar zu fahren. Bisher schickten nur wenige Familien, die wegen Bosch oder Opel nach Eisenach kamen, ihre Kinder in die Goethestadt. Die internationale Schule in Weimar heißt nicht Weimar International School, sondern Thuringia International School, da der Schulgründer Herr Stütz schon länger über einen Standort in Eisenach nachdachte. Weimar ist insbesondere für jüngere Schüler zu weit weg. Ich strebe eine Kooperation mit der This an (Thuringia International School). Schüler der Wartburg International School Eisenach können demnach ihren international anerkannten IB Abschluss in Weimar ablegen. Hierfür eine
Berechtigung zu erhalten, ist sehr teuer. Daher suche ich Kooperationspartner wo es sinnvoll ist. Er bat mich herauszufinden, wie groß das Interesse an einer internationale Schule in der Wartburgregion ist.

Sie unterrichteten bereits an der ersten Waldorfschule in China, in der Fünf Millionen-Metropole Chengdu, der Hauptstadt von Sichuan. Kann Eisenach da mithalten?

Ich unterrichtete Deutsch und Englisch an dieser schnell wachsenden Waldorfschule. Dort beriet ich auch die Schulleiter in organisatorischen und finanziellen Fragen, zur Öffentlichkeitsarbeit, zum Aufbau der Oberstufe und zu Fortbildungen. Die Wettbewerber dieser Waldorfschule waren Internationale Schulen, die oft von amerikanischen Bildungskonzernen betrieben wurden. Diese verlangten deutlich mehr Schulgeld, wollten sie doch Profit machen. Eisenach als Geburtsstadt von Johann Sebastian Bach ist vor allem wegen der Wartburg und Luther bekannt; sie liegt verkehrsgünstig in der Mitte Deutschlands mit stündlichen Verbindungen nach Frankfurt am Main und Leipzig, nach Bad Salzungen und Mühlhausen, nach Bebra und Gotha. Eisenach ist zwar keine Großstadt, kann aber mit vielen multinationalen Unternehmen
aufwarten: Bosch, Opel (General Motors), Truck Light (FER), Mitec, BMW, Lindig,
Pollmeier, Hirschvogel, Ruhlamat, etc. Auch gibt es im Umkreis von etwa 60 km keine internationale Schule. Das wird sich spätestens dann ändern, wenn die o.g. Bildungskonzerne den deutschen Markt aufrollen dürfen. Das werden ihnen vermutlich die zur Zeit zwischen der EU und den USA verhandelten Handelsabkommen TTIP und TISA ermöglichen. Gibt es schon eine solide Internationale Schule in der Region, haben es auch schwer-reiche Bildungskonzerne schwer, hier Fuß zu fassen.

Eine wesentliche Zugangsvoraussetzung dieser Privatschulen sind die
Schulgebühren. Bieten Sie Stipendien an?

Wie eben erwähnt, werde ich die Kosten so niedrig wie möglich halten. Da die Schule gemeinnützig sein wird, erhält sie spätestens ab dem 4. Jahr staatliche Zuschüsse wie alle Schulen in freier Trägerschaft in Thüringen. Allerdings kann kaum ein freier Träger auf Elternbeiträge verzichten. Die Thuringia International School ist die günstigste Internationale Schule in Deutschland. Ich werde meine Elternbeiträge an dieser Weimarer Schule orientieren. Für die Pionierphase, für die ersten drei Jahre ohne Zuschüsse, suche ich Sponsoren und Kreditgeber. – Ja, auch einen Stipendienfonds strebe ich an. An seiner Größe lässt sich dann ablesen, wie wichtig Bildung uns Menschen wirklich ist.

Ihre Schule soll eine „Gesunde Schule“ sein. Was meinen Sie damit?

Eine Gesunde Schule ist salutogenetisch, sie beugt Krankheiten vor. Eine
salutogenetische Lebensweise ist darauf ausgerichtet die Gesundheit aufzubauen. So werde ich dafür sorgen, dass Kinder gesund essen, sich genug bewegen, ausreichend schlafen und Zeit für sich und Freunde haben. Oft unterschätzt wird, wie wichtig gesunde Rhythmen sind. Eine neue Schule kann eher kindgemäße Tages-, Wochen- und Jahresrhythmen gemäß der Biorhythmusforschung einführen, als eine bestehende. Wenn der Unterricht überwiegend von 9 bis 15 Uhr stattfindet, haben Familien morgens weniger Stress und nachmittags ist die Zeit sinnvoll genutzt bis die Kinder nach hause können. Natürlich können die Kinder morgens schon so früh kommen, wie es die Eltern brauchen. Eine Frühbetreuung kann so interessant sein wie die Nachmittags- und Abendbetreuung. Da immer mehr Kinder unter Bauch- und Kopfweh leiden, werden sie an der Internationalen Schule stressfrei unterrichtet dank altersgemäßen Methoden und Inhalten. Schichtarbeiter zum Beispiel werden daher oft krank, weil Sie gegen den Biorhythmus arbeiten müssen. Zwei Drittel der Menschen sind Spätaufsteher. Es macht Sinn eine Schule zu gründen, die diesen Bedürfnissen nachkommt.

Wie muss man sich einen typischen Tagesablauf an der IS vorstellen?

Die Kinder können von ganz früh morgens bis spät abends an der internationale Schule sein. Damit der Unterrichtsbeginn die Mehrheit der Spätaufsteher nicht benachteiligt, ist die Unterrichtszeit von 9 bis 15 Uhr. Im Morgenkreis können wir uns auf den Tag oder die Woche vorbereiten, nicht nur durch Prosa, sondern auch durch Lyrik und Lieder. Für die Jüngeren endet der Tag mit einer Geschichte, für die Älteren mit einem Rückblick auf das Gelernte oder auf die entstandenen Fragen.

Welche Vorteile hat eine Internationale Schule gegenüber einer staatlichen
deutschen Schule?

Auch eine Internationale Schule ist eine öffentliche Schule. Sie ist offen für alle, die sich für eine Bildung interessieren, die als die kulturelle Grundlage der Globalisierung dient. In Eisenach gibt es vier Schulen, an denen man eine Hochschulzugangsberechtigung erwerben kann. Obgleich alle diese Schulen allgemeinbildend sind, haben sie doch verschiedene Profile. Was in Eisenach noch fehlt, ist eine Schule, in der die sozialkundlichen Fächer wie Wirtschaft und Politik ebenso ernsthaft studiert werden wie die geistes- und naturwissenschaftlichen Fächer. Daher ist ein wichtiges Ziel der Wartburg
International School, die Grundlagen der globalen Wirtschaft, der Geopolitik und des interkulturellen Verständnisses zu vermitteln. Was ist Geld? Wie kommt es zu globalen Finanzkrisen? Was können EU und UN leisten, was nicht? Weshalb ist der chinesische Künstler Ai Wei Wei in Deutschland anerkannter als in China? Diese Fragen können von den älteren Schülern angegangen werden, wenn sie sich ein umfassendes Geographie und Geschichtsverständnis in der Mittelstufe erworben haben.

Wie stehen Sie zu dem aktuellen deutschen Schulsystem mit dem Modell der
Inklusion? Ist die Privatschule die Antwort auf die ungenügenden Lernbedingen
und Unterrichtsinhalte an öffentlichen Schulen?

Inklusion heißt zunächst, dass die Kinder nach der 4. Klasse zusammenbleiben und nicht getrennt werden. An Internationalen Schulen können die Schüler vom Kindergarten bis zum Schulabschluss zusammen bleiben, wie auch an Waldorfschulen. Natürlich können auch Kinder, die bisher auf Sonderschulen gehen, auf eine internationale Schule gehen. Inklusion ist für alle Schulen eine Herausforderung, unabhängig von der Trägerschaft oder dem Profil. Im Gesetz für Schulen in freier Trägerschaft steht in §2 Folgendes: „(1) Schulen in freier
Trägerschaft bereichern und ergänzen das Schulwesen in Thüringen. Sie sind Ausdruck eines vielfältigen Bildungsangebots und haben die Aufgabe, neben den staatlichen Schulen in eigener Verantwortung zur Bildung und Erziehung der jungen Menschen beizutragen.“ Diesem Verständnis eines lebendigen Bildungswesens schließe ich mich an. Es geht also nicht darum, ob eine Schule besser ist als eine andere, sondern darum, dass eine Schulform nicht allen Familien gerecht werden kann. In diesem offiziellen Zitat wird auch deutlich, dass ein Bildungsangebot, welches den vielfältigen Erziehungsstilen gerecht wird, nicht aus öffentlichen und privaten Schulen besteht, sondern aus Schulen in staatlicher und freier Trägerschaft.

Private Schulen haben oft nicht zu Unrecht den Ruf einer Eliteschule. Sollte eine
Schule nicht die vorhandenen ungleichen Bedingungen in der Gesellschaft
widerspiegeln und auffangen, indem Kinder mit unterschiedlichen Hintergründen zueinander finden?

Ja, das ist richtig. Unter Gesellschaft verstehe ich die globale Gesellschaft. Daher ist die Wartburg International School offen auch für Chinesen, Inder, Russen, Brasilianer und alle anderen Nationalitäten. Um sie im Ausland bekannt zu machen, nenne ich sie auch International School Germany, oder kurz i-school-G. Ich strebe Partnerschaften mit Schulen und Organisationen in aller Welt an. Im März sprach ich mit Frau Bürger vom Verband deutscher Privatschulen; in diesem Verband strebe ich eine Mitgliedschaft an.

Welche schulische Ausbildung haben Sie?

Ich ging in Stuttgart auf die älteste Waldorfschule der Welt von der 1. bis zur 12. Klasse. Für mich ist selbstverständlich, woran sich immer mehr Menschen gewöhnen: staatliche Schulen und Prüfungen sind nicht das Maß aller Dinge. Wie im Kita-Bereich bahnt sich auch im Schulbereich an, dass freie Bildungsunternehmer, freie Träger die Aufgaben vom Staat übernehmen. Die Pressefreiheit setzt nicht voraus, dass der Staat viele Medien gründet. Die freie Bildung setzt auch keine Staatsschulen voraus, sondern eine fair Schulaufsicht, wie sie im Grundgesetz normiert ist.

Inwiefern hat Sie die Schulzeit geprägt? Wollten Sie schon immer Lehrer werden?

Nach 12 Jahren Schulzeit auf der Waldorfschule, studierte ich vier Jahre in den USA, dann 18 Monate in Frankreich. Zunächst wollte ich Diplomat werden. Mit der Zeit merkte ich, dass die Bildung die Grundlage für die internationale Verständigung ist. Daher wurde ich Lehrer. Damit ich auch Schulen effizient leiten kann, promovierte ich in Wirtschaftswissenschaften in den Niederlanden. An der Waldorfschule lernte ich lebenslanges Lernen. Ich lerne heute noch gerne und gebe das an meine 5 Kinder weiter. Mir ist es wichtig Kulturen kennenzulernen. Meinem Interesse gilt vor allem Indien und China. An der Walddorfschule lernt man nicht wegen der Belohnung durch Noten, sondern aus dem Interesse heraus. Die Schüler werden dort nicht eingeschränkt durch
Lehrpläne und Schulbücher. Ich überlege mir als Lehrer, wie ich das Interesse der Kinder wecken kann. Die Zeit auf der Waldorfschule hat mich auch gelehrt stets das Positive zu sehen. Meine Erfahrung in Indien war getrübt durch einen Betrüger; dennoch lernte ich viel darüber, wie ich eine internationale Schule aufbauen kann ich bin davon überzeugt, dass die Menschheit sich sinnvoll entwickelt, auch wenn es immer wieder Rückschläge gibt. Ohne diese gäbe es keine Freiheit. So kommen wir über die Polarität von Nationalismus und Globalisierung zu einem neuen Zusammengehörigkeitsgefühl der gesamten Menschheit. Daher verwundert es nicht, dass es mittlerweile über 1000 Waldorfschulen in über 50 Ländern der Welt gibt. (In islamischen Ländern hat es diese weltoffene Pädagogik, die zwei Fremdsprachen ab der 1. Klasse anbietet, schwer).

Wie ist die Resonanz auf Ihr Vorhaben eine International School in Eisenach zu
gründen?

Viele Leute finden es grundsätzlich erstmal interessant, eine Internationale Schule in der Wartburgregion zu haben. Nur im Moment sagen leider noch wenige: "Ich mach da ernsthaft mit". Ich suche Menschen, die Gesellschafter werden wollen einer schultragenden gemeinnützigen GmbH. Viele schrecken vor diesem natürlich auch zeitaufwändigen Projekt zurück. Die IS darf nicht gegen das sogenannte Sonderungsverbot (Art. 7, Absatz 4 des Grundgesetz) verstoßen. Das beinhaltet, dass eine private Schule als Ersatz für staatliche Schulen, allen Schülern offenstehen muss ohne Rücksicht auf die finanziellen
Verhältnisse der Eltern. Die Höhe der zu zahlenden Beträge muss so angepasst werden, dass sich nicht nur Besserverdienende das Schulgeld leisten können.
Eine internationale Schule lebt von einer guten Mischung verschiedenster Elternhäuser. Daher spreche ich mit der GET : WISE Eltern aus der ganzen Welt an. In China und Indien fragten mich immer wieder Eltern und ältere Schüler, wie es möglich ist, in Deutschland zu lernen. Für asiatische Familien ist Bildung so wichtig, dass sie ihre Kinder auch auf ein weit entferntes Internat schicken, wenn sie so die Lebenschancen ihrer Kinder verbessern können. Viele Asiaten senden ihre Kinder in die USA, manche nach Großbritannien, aber bisher nur wenige auf Schulen in Deutschland. Dass die Nachfrage nach Schulplätzen in
Deutschland größer ist als das Angebot ergibt sich schon aus der steigenden Zahl von Studierenden aus Asien, die dort sich mühsam deutsch beibringen. Neben Asien interessieren sich Eltern auch aus anderen Erdteilen für Deutschland als Schulstandort. Englisch ist nach wie vor die wichtigste internationale Brückensprache. Aus der Sicht von Menschen, die keine indo-europäische Sprache sprechen, ist Deutsch eine Art Dialekt von Englisch.
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