Herbert Liebs - gefallen im Kalten Krieg

  Wenn am Volkstrauertag der Opfer von Kriegen gedacht wird, sind damit meistens die gefallenen Soldaten des 1. und zweiten Weltkrieges gemeint. Sie stehen dann im Fokus der Politik und Medien.
An einem unscheinbare Gedenkstein am „Pferdsdorfer Köpfchen“ in Pferdsdorf-Spichra bei Eisenach wird an diesem Tag in Stille und eher unbeachtet eines Gefallenen im Kalten Krieg gedacht. Nur wenige hundert Meter entfernt starb hier 1951 der junge VP-Wachtmeister Herbert Liebs durch die Kugel eines amerikanischen Soldaten.

Was geschah damals?
Am 21. Februar, einem nasskalten und ungemütlichen Wintertag, befinden sich die VP-Wm Liebs und Schulze vom Grenzpolizei-Kommando Pferdsdorf auf Ihrem routinemäßigen Kontrollgang entlang der Demarkationslinie (DL) zu Westdeutschland. Der 21-jährige Liebs ist als Postenführer eingeteilt. Beide befinden sich auf dem Rückweg nach Pferdsdorf, als sie plötzlich Motorengeräusche an der DL vernehmen. Durch ihre Ferngläser erkennen sie auf der Straße ein amerikanisches Fahrzeug, dass sich kurz darauf Richtung Willershausen entfernt. Streifenführer Liebs will sich Klarheit verschaffen, was der Aufenthalt des Fahrzeuges zu bedeuten hatte. Die Grenzpolizisten machen sich unverzüglich auf den Weg Richtung „Pferdsdorfer Köpfchen“. Gegen 17:40 Uhr erreichen beide die Straße von Pferdsdorf nach Willershausen. Die DL verläuft hier ungefähr in der Straßenmitte, so dass vom Rand der Chaussee eine bessere Sicht in möglich ist. Als der Böschungsrand erreicht ist, sehen sie allerdings weder Fahrzeuge noch Personen.
Plötzlich fallen kurz hintereinander aus dem hessischen Gebiet heraus zwei Schüsse. Liebs geht mit den Worten “Mich hat´s erwischt“ zu Boden, der geschockte Schulze sucht Deckung hinter einem Baum. Von der mit Sträuchern und Bäumen bewachsenen hessischen Seite kommen mehrere mit Regenumhängen bekleidete Personen auf die Demarkationslinie zu. Da gerät er in Panik, läuft ins Dorf um Hilfe zu holen.
Auch in Pferdsdorf wurden die Schüsse wahrgenommen. VP-Wachtmeister Finholdt, der sich bei einem Freund unweit des „Köpfchen“ befindet, eilt unverzüglich Richtung Willershäuser Straße. Hier trifft er auf VP-Wm Schulze, der ihm kurz von dem Vorfall berichtet. Sofort entschließt sich Finholdt zusammen mit Schulze den angeschossenen Liebs zu holen und in Sicherheit zu bringen. Am Schlagbaum gehen sie erst einmal in Deckung. Finholdt sieht in einer Entfernung von ca. 150 bis 200 m sechs bis sieben amerikanische Soldaten, die sich ca. drei bis vier Meter auf der östlichen Seite der DL befinden. In unmittelbarer Nähe steht westlich der DL ein Jeep mit laufendem Motor. Die Soldaten machen sich am verletzten Liebs zu schaffen, wollen ihn vermutlich in den Jeep laden. Das kann ich nicht zulassen, denkt Finholdt und fordert Schulze entschlossen auf, ihm dessen Karabiner zu übergeben. Finholdt gibt zwei gezielte Schüsse ab. Einen in Richtung der Soldaten und einen in Richtung Jeep. Sofort lassen die Amerikaner vom VP-Wm Liebs ab, stoben auseinander und flüchten in den Wald. Auch der Fahrer des Jeeps legt den Rückwärtsgang ein und fährt mit hoher Geschwindigkeit dort hin. Kurz darauf kommen zwei voll besetzte Jeeps wieder heraus und fahren Richtung Willershausen.
Finholdt und Schulze laufen auf dem parallel zur Straße verlaufenden Feldweg in Richtung der Stelle, an der die Amerikaner vor kurzem standen. Schon hören sie die Rufe des Kameraden Liebs der zwei bis drei Meter von der DL entfernt auf DDR-Gebiet liegt. Finholdt trägt den schwer verletzten die Böschung hinunter auf den Feldweg, der von westlicher Seite nicht einzusehen ist und eine gute Deckung bietet. Da ein Abtransport ohne Hilfsmittel bei den Verletzungen aussichtslos ist, will VP-Wm Finholdt aus dem Dorf eine Trage zu holen. VP-Wm Schulze bleibt beim Verletzten. Nach kurzer Zeit kehrt dieser mit einer eilig zusammengebauten Trage und drei weiteren Männern zurück. Gemeinsam legen sie den stöhnenden Liebs, vorsichtig auf die provisorische Trage und transportieren ihn Richtung Pferdsdorf. Es ist 18:00 Uhr, als sie ihn in das Haus des Lehrerehepaars am Ortseingang bringen. Hier wird der Kamerad notdürftig verbunden. Betroffen und fassungslos müssen die inzwischen hinzugekommenen Kameraden und Einwohner sehen, wie der schwer verletzte Liebs um 18:27 Uhr verstirbt. Der kurz darauf eintreffende Arzt kann nur noch den Tod feststellen. Der spätere Obduktionsbericht benennt als Todesursache umfangreiche äußere und innere Schussverletzungen die.
Auch auf der hessischen Seite der DL wird der Vorfall registriert. Ein Polizei-Wachtmeister der Grenzaufsichtsstelle (GASt) Willershausen, der sich auf einem Streifengang westlich von Pferdsdorf befindet, hört um 17:44 Uhr einen Schuss aus Richtung des Ortes. Er sieht wie von dort kurz darauf zwei Jeeps der amerikanischen Constabulary in schneller Fahrt von dort kommen. Seine Beobachtungen meldet er an das Zollgrenzkommissariat in Netra. In die von ihm gefertigte Tatortskizze zeichnet er auch die vermutete Stelle des Schützen ein. An dieser Stelle werden die Ermittler der Kripo Eisenach am nächsten Tag entscheidende Beweismittel finden. Einem aus der GASt in Englisch geführten Gespräch von zwei Angehörige des Militärischen Nachrichtendienstes der US-Armee entnimmt der Pol-Wm, dass eine Constabulary-Streife auf einen über die DL gekommenen Volkspolizisten geschossen habe. Diese Darstellung einer Notwehrsituation verbreiten die Amerikaner auch in der Öffentlichkeit.
Am Tag nach der Tat suchen die Ermittler der Kripo Eisenach am Tatort nach Spuren und Beweismittel, auch jenseits der DL. Zwei Patronenhülsen hinter einem Wacholderbusch, verraten den Standort des Schützen. Schussbahn und Standort des VP-Wm Liebs können nun rekonstruiert werden. Im Ergebnis steht zweifelsfrei fest, Liebs befand sich auf dem Gebiet der DDR, der Schütze auf dem der BRD. Ein völlig anderes Ergebnis, wie die Darstellung der amerikanischen Seite.
Am 26. Februar 1951 wird Herbert Liebs unter großer Anteilnahme der Bevölkerung in Zeulsdorf bei Gera beigesetzt.
Die amerik. Militärs verbreiten 12 Jahre nach der Tat eine neue Version. Vom Überschreiten der DL ist darin keine Rede mehr. Der Vorfall wird als Unfall dargestellt. Ein Constabulary habe Zielübungen auf den Grenzpolizisten gemacht, dabei habe sich ein Schuss gelöst.

Quellen:
HHSTAW 531/126 und 531/083
Erinnerungsbericht von J. Finholdt
BStU MfS AP 9392/56
BArch B 126/4 Bd.2
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