Kreative Spinnerei: Der Woll-Virus ist ausgebrochen - Über Frauen, die das tun, was ursprünglich einmal Männersache war

Renate Curth (62) aus Erfurt beim Workshop "Spinnen" in Weberstedt. Sie trägt den Woll- Virus schon lange in sich.
Von Wolfgang Rewicki

WEBERSTEDT. "Die Mädels haben den Woll-Virus”, behauptet Roger Hütteroth. "Nein, wir haben die Woll-Lust”, stellt Karin Gusjew richtig. Sie ist eine der 15 Teilnehmerinnen an einem Spinnerei-Workshop, den Heike und Roger Hütteroth aus Schönstedt im benachbarten Weberstedt abgehalten haben.

Wer dort, im Schloss Goldacker, zu den Spinnerinnen vordringen wollte, musste sich zunächst durch Berge von Schafwolle und allerlei einschlägigen Utensilien kämpfen. Und gelangte dann in einen Raum, in dem 15 Spinnräder schnurrten und die Frauen mit geübter Hand Wollfäden spannen. Sie alle in alltäglicher Kleidung, nichts da von zur Schau getragener Folklore.

Sie sind Sprachwissenschaftlerin, Nageldesignerin, Hausfrauen oder bereits im Ruhestand. Frauen aus dem ganz normalen Leben, keine Trachtentruppe, die mal eben eine archaische Technik vorführt. Ja, die Männer fehlen hier schon, wenn man mal von Roger Hütteroth absieht, aber der ist hier auch mehr für das Färben zuständig.

Seine Frau Heike stellt erst einmal klar: "Ursprünglich war das Spinnen ja Männersache. Der Schäfer erledigte das neben dem Hüten der Herde mit der Handspindel. Erst dann kommt die Frau ins Spiel, welche die Wollfäden weiter verarbeitete.” Später wurde das Spinnrad konstruiert, das ja lediglich beide Techniken in sich vereint, das Spinnen von Fäden und das Aufwickeln derselben.

Die Hüttenroths wollen mit ihren Seminaren einerseits die alten Techniken bewahren und zugleich Anregungen geben für zeitgemäßen und kreativen Umgang mit Naturmaterialien wie Wolle, Seide, Hanf oder Holz vom Essigbaum - das sich hervorragend zu Knöpfen verarbeiten lässt - und den vielen Pflanzen, die sich so gut zum Färben eignen: Rainfarn, Goldrute, Färberkamille, Studentenblume. Umweltverträglich sind sie obendrein. Renate Curth (62) aus Erfurt zum Beispiel hat den Woll-Virus schon lange. "Ich kann dabei in mich gehen und ich brauche beim Spinnen weder Radio noch Fernseher.”

Informationen: 036022/18935

Hintergrund:

"Spinnen am Morgen, Kummer und Sorgen. Spinnen am Abend, erquickend und labend" - Das Sprichwort (oft falsch zitiert "Spinne am Morgen...") bezieht sich auf die Tätigkeit des Spinnens von Wolle. In den ärmeren Schichten mussten die Frauen bereits früh damit beginnen, zu spinnen, um etwas Geld hinzuzuverdienen. In den begüterten Kreisen galt es als angemessener Zeitvertreib für die Damen am Abend. Eine andere Lesart: Spinnen war eine Tätigkeit für die Zeit nach der Tagesarbeit, weil sie auch bei schlechtem oder fehlenden Licht ausgeübt werden konnte. Spinnen bei Tageslicht galt daher als unproduktiv und brachte nur Kummer und Sorgen.
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