Vom Sütterlin-Virus befallen

Uta Bickel

Alte Handschriften lesen zu können ist eine Kunst, die jeder erlernen kann



Von Wolfgang Rewicki

MÜHLHAUSEN. „Ja, das Schreiben und das Lesen,ist nie mein Fach gewesen“ - Diese Zeilen aus einer Strauß-Operette, wer kennt sie nicht? Uta Bickel auf jeden Fall auch, aber gerade für das Schreiben und das Lesen hat die Eichsfelderin ein ganz besonderes Faible entwickelt. Nur dass ihr Interesse in diesem speziellem Falle der Sütterlin-Schrift gilt. Als sie vor Jahren durch einen Aufruf der Urania Bekanntschaft mit dieser heute fast vergessenen Schrift gemacht hat, da hat es bei ihr gleich gefunkt: „Dass will ich lernen“, nahm sie sich vor und gesagt, getan! „Meine Lehrerin war damals eine ältere Dame aus Leinefelde. Diese hat mich und andere Interessenten das Schreiben und Lesen der Sütterlin-Schrift gelehrt.“

Die Sütterlin-Schrift ist eine Schreibschrift, die nach dem Berliner Grafiker Ludwig Sütterlin (1865-1917) benannt ist, der diese 1911 im Auftrag des preußischen Kultur- und Schulministeriums entwickelte. Sie wurde seit 1915 bis etwa 1940 und dann noch einmal um 1952-1954 in deutschen Schulen unterrichtet. Die Schrift wird im Volksmund auch „Deutsche Schrift“ genannt. Die Sütterlinschrift ist eine Standardform von vorher üblichen, sehr verschiedenen Kanzleischriften.

Mittlerweile gibt Uta Bickel, die seitdem den Sütterlin-Virus nicht mehr losgeworden ist, selbst solche Kurse. Und sie freut sich über das Interesse, dass so viele Leute haben. „Es ist doch sehr bereichernd, nun alte Dokumente nun selbst lesen zu können. Zum Beispiel Briefe oder Postkarten, die sich im Familienbesitz befinden.“ Außerdem sei diese Schrift es wert, sie als Kulturgut zu bewahren. Wer noch der älteren Generation angehört, kann oftmals gar nicht anders schreiben und mit deren Briefen haben der Briefträger und die Enkel große Probleme. Spätesten abers, wenn alte Familienurkunden hervorgeholt werden oder Kirchenbücher gelesen werden müssen, ist die Kenntnis dieser Schrift unbedingt nötig.

Wenn man gleichzeitig bedenkt, dass es aktuell seitens des Grundschulverbandes Bestrebungen gibt, Schüler künftig nur noch Druckbuchstaben schreiben zu lassen. mag man vielleicht geneigt sein, die Vorliebe der Sütterlin-Schreiber als ein wenig zu antiquiert abzutun. Doch: Wie leicht Wissen in Vergessenheit gerät, das kann sicher nachvollziehen, der im ersten Computerkurs noch DOS-Befehlszeilen mühsam buchstabierte. So schnell kann es gehen!
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