Klotzen statt kleckern - um jeden Preis?

Es gibt wohl kaum einen Einwohner und Besucher, dem nicht die gewaltige Baustelle in der Eisenacher Karlstraße aufgefallen ist. Entgegen der allgemeinen Auffassung, es werde dort eine riesige Pyramide oder eine kathedrale gebaut, handelt es sich „nur“ um den Umbau eines Ladengeschäfts. In die ehemaligen Räume der Schuh-Kette „Leiser“ soll die Modekette „H + M“ einziehen, damit die Eisenacher Innenstadt endlich auch ein Geschäft für Mode und Bekleidung vorweisen kann.

Über die Notwendigkeit eines solchen Vorhabens lässt sich trefflich streiten, insbesondere, da sich der Bau zwischen C&A, Pimkie, Street One etc. befindet. Begründete Zweifel müssen aber erlaubt sein, wenn es um die behördliche Kompetenz bezüglich der Zulassung eines solchen Mega-Projekts mitten in der beengten Innenstadt geht. Wovon die meisten Zaungäste nämlich nichts ahnen, sind die Auswirkungen auf die Anwohner und Gewerbetreibenden in unmittelbarer Nähe.

Seit März 2011 müssen die umliegenden Geschäfte und Einwohner mit Beeinträchtigungen leben, die jede Vorstellung übersteigen. Natürlich sind Bauvorhaben immer mit Lärm, Staub und Schmutz verbunden, aber was hier seit Monaten tagtäglich passiert, geht weit über jede Schmerzgrenze hinaus. Tägliches rangieren von LKWs, Kreissägen, Presslufthämmer, teilweise gewaltige Kräne, Materiallieferungen und und und…. Zu den direkten Auswirkungen dieses Prestige-Projekts wackeln in den Nachbarwohnungen seit Monaten die Bilder an den Wänden und normale Gespräche oder konzentriertes Arbeiten sind wegen Lärm, Staub und Abgasen nur bei geschlossenen Fenstern möglich (bei teilweise 30ÚC oder mehr). Vielen Dank an unsere Stadtplaner dafür!

Auch im hinteren Bereich (Markscheffelshof) sieht es nicht viel besser aus. Da werden die Anwohner kurz nach 6 Uhr (manchmal auch früher – Stichwort Schulferien) aus dem Schlaf gerissen und die eh schon schmalen Zufahrtswege für Anwohner und Feuerwehr sind beinahe täglich von Baufahrzeugen blockiert (was auch schon mal zu verpassten Terminen führen kann). Dazu müssen die angemieteten und bezahlten (!) Stellplätze mehrmals für gewaltige Kräne geräumt werden, die dann eine Pkw-Nutzung komplett unmöglich machen und dazu noch verschmutzte Parkflächen hinterlassen. Inzwischen sind alle drei dort parkenden Privatfahrzeuge wegen diverser Beschädigungen ein wirtschaftlicher Totalschaden. Auch hierfür vielen Dank!
Natürlich müssen solche Arbeiten hingenommen werden, ganz gleich, wie sinnvoll oder notwendig sie sein mögen (oder auch nicht). Ungeachtet dessen müssen sich die Anwohner auch keine mangelnde Kooperation oder Geduld vorwerfen lassen. Wenn sich dann allerdings einige Arbeiter unnötigerweise auch noch aufführen wie die berühmte Axt im Walde, strapaziert das Nerven und Geduld zusätzlich (oder muss es sein, dass Bauschutt aus der 2. Etage in hohem Bogen aus dem Fenster geworfen wird?). Jeder, der nun denkt, einige Anwohner seien überempfindlich oder wollten nur rumnörgeln, der möge sich bitte vorstellen, dass sein Schreibtisch über Monate hinweg abwechselnd auf dem Schrottplatz, dem Güterbahnhof und einer Schiffswerft stehen würde, und das täglich.

Die Arbeiten ziehen sich nun schon fünf Monate hin und es stehen wohl noch mal weitere vier Monate ins Haus. Einige Anwohner sind bereits jetzt mit ihren Nerven derart am Ende, dass es ohne entsprechende Medikamente nicht mehr geht. Und damit komme ich auf die Notwendigkeit und den Umfang dieses zweifelhaften Bauprojekts sowie auf die Verantwortung der Stadt für ihre Bürger und Gäste zurück. Für die unmittelbar Betroffenen ergibt sich hier nur eine von zwei Schlussfolgerungen: Entweder wurden hier trotz Anwohnern, Fußgängerzone, Umsatzeinbußen, fragwürdigem Denkmalschutz und Passantengefährdung nur wirtschaftliche Interessen bedacht oder es wurde gar nicht bzw. nicht ausreichend nachgedacht (eine entsprechende Kompetenz der Entscheidungsträger setzte ich hier mal voraus).
Wenn man sich bei der Eröffnung gegenseitig auf die Schultern klopfen und in die Kameras lächeln wird, kommt ja vielleicht auch mal jemand zu den Anwohnern, um sich für die monatelangen Unannehmlichkeiten wie Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Unwohlsein und Konzentrationsstörungen sowie für die eingeschränkte Wohn- und Parkqualität zu entschuldigen.

Im Namen eines Nachbarn
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