Flüssiges Gold: So wertvoll Muttermilch ist – Babys sollten Spendermilch nicht ungeprüft konsumieren

Laktationsschwester Ulrike Tam zeigt die unterschiedliche Zusammensetzung von Muttermilch in den einzelnen Stadien. Am Anfang ist die Milch noch dunkel und fettreich (rechtes Fläschchen). Später dient sie dem Kind mehr oder weniger als Durstlöscher. Laktation kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Milchausschüttung.
Eisenach: ... | „Zaubertrank“ oder „flüssiges Gold“ heißt Muttermilch in Medizinerkreisen. Im Wandel der Jahrhunderte etablierte sie sich als „Kultgetränk“. AA-Redakteurin
Jana Scheiding sprach mit Laktationsschwester Ulrike Tam vom St.-Georg-
Klinikum in Eisenach über das Wundergetränk der Natur.

Schwester Ulrike, warum ist Muttermilch so wertvoll?
Weil sie genau auf die Bedürfnisse des eigenen Kindes abgestimmt ist. Sie enthält körpereigenes Eiweiß und Nährstoffe.

Nur auf das eigene Kind abgestimmt? Was ist der Unterschied zur Milchspende?
Mit der Milch direkt aus der Brust werden Antikörper gegen Infektionen weitergegeben, weil Mutter und Kind das gleiche Keimspektrum besitzen.
Bei fremder Milch findet diese Übertragung nicht statt. Zusätzlich gehen durch Erhitzung Vitamine verloren.

Das St.-Georg-Klinikum verfügt über eine von etwa zehn Muttermilchbanken in
Deutschland. Wie wird sie angenommen?
Die Nachfrage ist zurückgegangen. Eingerichtet wurde die Sammelstelle für Frühchen. Sie brauchen Muttermilch für ihre empfindliche Darmflora. Die Mütter
stehen meist unter enormem Stress, was die Milchbildung hemmt. Weil heute meist nach Bedarf und nicht nach festgelegten Zeiten gestillt wird, reduziert sich die Zahl der Frauen mit Milchüberschuss erheblich. Das ist problematisch, weil die Zahl der Frühchen zuimmt.

Gibt es Neugeborene, die auf die Laktose in der Muttermilch allergisch reagieren?
Kaum. Der Laktosegehalt der Muttermilch unterscheidet sich deutlich von dem der Kuhmilch. Die Laktose in der Muttermilch sorgt für eine gesunde Darmflora.

Wie lange sollte man voll stillen?
Etwa vier Monate. Dann sollte man mit Beikost beginnen, weil das Kind dann andere Nährstoffe benötigt.

Stimmt es, dass Stillende auf Nahrungsmittel wie Kraut, Kaffee, Obst oder Hülsenfrüchte verzichten sollen?
Wer Kraut und Hülsenfrüchte vorher nicht vertragen hat, sollte in der Stillzeit nicht damit anfangen. Es gibt Babys, die auf Samen wie Sesam oder Leinsamen, Zitrus- und säurehaltige Früchte mit Ausschlag reagieren. Andere zeigen bei Geschmacksveränderungen der Milch durch Knoblauch oder Kohl Widerwillen beim Trinken. Das kann man aber nicht verallgemeinern. Außer Alkohol, Zigaretten, Drogen und anderen schädlichen Substanzen ist alles erlaubt. Das gilt im Übrigen auch für
Spenderinnen.

Im Internet wird schwunghafter Handel mit Muttermilch betrieben. Bei ebay wht eine Mutter 50 Euro für 180 Milliliter Muttermilch geboten. Kann man dem Kind damit schaden?
Ja. Ich würde keine ungeprüfte Muttermilch füttern. Diese darf nicht älter sein als ein halbes Jahr und muss sofort nach dem Abpumpen schockgefroren
werden. Wichtig ist auch, die Spenderin auf Infektionskrankheiten und die
Milch auf mögliches Bakterienwachstum zu untersuchen.

Viele Mütter verzweifeln, wenn die Milch nicht gleich nach der Geburt einschießt...
Wir kontrollieren alles, wollen die Hintergründe kennen. Beim Stillen ist das mitunter fatal. Manchmal hilft aber schon ein kleiner Trick, wie die Veränderung der Position des Kindes. Dieses sollte auf einer festen Unterlage liegen, damit es nicht wegrutscht. Meistens schießt die Milch am dritten Tag ein. Allgemein kann man aber sagen: wenn die ersten vierzehn Tage überstanden sind, wird die Milch meist zum Selbstläufer. Dann bestimmt die Nachfrage das Angebot der Mutterbrust.

Welchen Standpunkt vertreten Sie hinsichtlich Schlafen des Neugeborenen im Bett der Eltern?
Das ist immer wieder ein Streitthema. Ich kann es nicht empfehlen, weil hier die Gefahr der Überwärmung besteht. Das Kind sollte im Zimmer der Mutter schlafen, aber im eigenen Bettchen.

Muss man bei Brustwarzenentzündungen oder Erkrankungen mit dem Stillen aufhören?
Es gibt heute viele Medikamente, die trotz Stillens eingenommen werden können. Und Entzündungen der Brustwarze sollte die Mutter vorbeugen, denn sie ist für einige Monate das wichtigste. Wenn es einmal passiert ist, gleich behandeln. Je länger die Stillende wartet, umso länger braucht die Brust zur Heilung.


Zur Person:
Ulrike Tam ist im St.-Georg-Klinikum Eisenach Bereichsleiterin für den Pflegedienst der Bereiche Chirurgie, Urologie, Gynäkologie & Geburtshilfe sowie Kinderklinik. Die Zusatzausbildung als Laktoseschwester absolvierte sie, nachdem sie auf einem Symposium in Leipzig gehört hatte, das Drillinge von ihrer Mutter voll gestillt worden waren. Frau Tam berät Familien rund um das Thema Stillen.

• Die Geschichte der Amme reicht zurück in die Antike. Kuh-, Esels- oder
Ziegenmilch galten als Risikofaktor für die Gesundheit der Kinder.
• 1780 wurden von 21000 Geburten 17000 Kinder zu Ammen aufs Land gebracht. Im 18. Jahrhundert waren in Hamburg etwa 5000 Ammen beschäftigt.
• Am Hof von König Ludwig XIII. sollen Mütter abgestillt haben, indem man Hundewelpen an die Brust setzte.
• Im 19. Jahrhundert sprachen Familienväter potenzielle Ammen auf dem Markt an, später übernahmen Agenturen diese Aufgabe.
• In Peking gab es zur Kaiserzeit einen Straßenzug mit Namen „Milchgasse“. Dort
wohnten Erwachsene, die Muttermilch tranken, weil sie als besonders
gesund galt.
• Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in Krankenhäusern Ammen eingesetzt. Der Beruf starb aus, als die künstliche Säuglingsnahrung erfunden wurde.
• In Deutschland liegt die Rate stillender Mütter heute zwischen 80 und 90 Prozent.


Mehr Informationen:
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7 Kommentare
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Karin Jordanland aus Artern | 27.05.2013 | 12:32  
Jana Scheiding aus Arnstadt | 27.05.2013 | 12:35  
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Hannelore Grünler aus Artern | 27.05.2013 | 13:25  
Jana Scheiding aus Arnstadt | 27.05.2013 | 13:52  
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Hannelore Grünler aus Artern | 27.05.2013 | 16:11  
Jana Scheiding aus Arnstadt | 27.05.2013 | 16:16  
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Petra Seidel aus Weimar | 27.05.2013 | 19:50  
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