Alles hat seine Grenzen? Gespräch mit der Herbstlese-Programmchefin Monika Rettig

Monika Rettig

Grenzen sind in diesen Tagen aktueller denn je. Grenzen und deren Überschreitung im direkten Wortsinn vor allem, aber auch die in den Köpfen. Jene, die es den Gedanken verwehren, sich entfalten zu können, frei zu sein. In hellseherisch anmutender Voraussicht haben sich die Macher der am 24. September beginnenden 19. Erfurter Herbstlese schon vor der aktuell-brisanten Situation für das diesjährige Thema „Alles hat seine Grenzen?“ entschieden.

Der Einladung zum Erfurter Leseherbst - zwei Veranstaltungen finden auch in Sömmerda und in Apolda statt - folgen vielversprechende Gäste. Das sind zum Beispiel Hape Kerkeling, Sven Regner, Susanne Fröhlich, Max Goldt, Eduard Geyer, Laksmi Pamuntjak, Jilliane Hoffman, Rafik Schami, Matthias Brandt, Jenny Erpenbeck, Meike Winnemuth, Sebastian Fitzek, Léa Linster, Kurt Biedenkopf und andere mehr. In 64 Veranstaltungen, zehn davon für Kinder, erfüllen sie das Herbstlese-Motto mit Lesestoff, Nachdenken und Unterhaltung.

Herbstlese-Programmchefin Monika Rettig im Interview:


Grenzen sind derzeit in aller Munde. Haben das die Herbstlese-Thema-Auswähler so vorausgesehen?


Als wir im Verein über das Motto nachdachten, war die Flüchtlingsthematik zwar auch schon sehr präsent in den Medien und in der öffentlichen Debatte, aber die momentane Dramatik konnten wir natürlich nicht vorhersehen. Aber das Thema ist uns wichtig, wir haben zwei Bücher im Programm, die sich mit Flüchtlingen befassen: der neue Roman von Jenny Erpenbeck, mit dem sie auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis steht, und ein Jugendbuch von Daniel Höra. Beide Autoren hatten interessanterweise dieselbe Idee: Sie verbinden in ihren Büchern die Fluchterfahrungen eines alten Menschen, der zum Ende des 2. Weltkrieges als Kind Flucht und Vertreibung erlebte, mit gegenwärtigen Fluchterfahrungen. Und beide schaffen es, bei uns Lesern wirkliches Verständnis für das Schicksal von Flüchtlingen zu wecken.


Brauchen wir Grenzen?


Eine fast schon philosophische Frage, die Sie da stellen. Ja, ich denke, wir Menschen benötigen in einem gewissen Sinne Abgrenzung, um zu einem Selbst, zu einer eigenen Identität zu gelangen und diese auch zu bewahren. Grenzsetzungen sind immer wieder nötig, wenn Sie zum Beispiel an die Kindererziehung denken. Und wir sprechen ja oft von „roten Linien“, die nicht überschritten werden dürfen. Bis hierher und nicht weiter - das kann man auch auf die aktuelle Diskussion über Flüchtlinge und Zuwanderung beziehen: Ängste und Vorbehalte bei den Einheimischen sind ernst zu nehmen, aber sie dürfen nicht in Hass und Gewalt umschlagen. Das ist dann so eine Grenze, eine rote Linie, die nicht überschritten werden darf.


Um welche Grenzen geht es in der Herbstlese?


Es geht zum einen um politische Grenzen: Vor gut 25 Jahren ist der Eiserne Vorhang zwischen Ost und West, ist die Mauer, die Deutschland geteilt hat, gefallen. Einer, der den Prozess der deutschen Einheit mit begleitet und mit gestaltet hat, wird bei uns zu Gast sein: Kurt Biedenkopf, der frühere sächsische Ministerpräsident. In seinen Tagebüchern fragt er u.a. auch nach den inneren Grenzen zwischen Ost- und Westdeutschen. Dauert es vielleicht noch eine weitere Generation, bis diese überwunden sind? Und wir sprechen mit den oben schon genannten Büchern über neue Grenzen, die derzeit in Europa gegen die Flüchtlinge errichtet werden. Aber jenseits des Politischen geht es in diesem Herbst zum Beispiel auch um eine ganz besondere Grenzverletzung, die ein sehr erfolgreiches literarisches Genre thematisiert: den Mord. Wir freuen uns auf ein hochkarätiges Krimiprogramm mit Sebastian Fitzek, Klüpfel & Kobr, Michael Tsokos und Jilliane Hoffman aus den USA, um nur einige zu nennen.


Sind Schriftsteller jene, die ständig Grenzen überscheiten?


Ja, Schriftsteller sind Grenzgänger, Grenzüberschreiter par excellence. Im Formalen wie im Inhaltlichen, sie führen uns mit den Mitteln der Fantasie in die Vergangenheit oder in die Zukunft, schaffen uns Zugang zu fremden Kulturen und neuen Welten. Und sie erkunden immer wieder die menschliche Seele und öffnen Türen zu unserem Innersten.


Auf welchen „Grenzgänger“ sind Sie am meisten gespannt?


Diese Frage ist immer ein klein bisschen unfair, denn uns liegen natürlich alle Autorinnen und Autoren, die wir eingeladen haben, am Herzen. Aber es muss ja sein, also: Auf Laksmi Pamuntjak aus Indonesien freue ich mich ganz besonders. Sie erzählt in ihrem Roman „Alle Farben Rot“ von einer besonderen Frau, Amba, die sich gegen viele innere und äußere Widerstände traut, der Stimme ihres Herzens zu folgen. Aber sie verliert den Mann ihres Lebens wieder, denn er fällt Mitte der 60er Jahre der Kommunistenverfolgung in Indonesien nach dem Militärputsch Suhartos zum Opfer. Vierzig Jahre später begibt sie sich auf Spurensuche nach der Liebe ihres Lebens.



Das gesamte Programm und Tickets unter www.herbstlese.de
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