Buchkritik: "Damned United" von David Peace

Vermutlich gibt es keinen Himmel. Wenn es aber einen gibt, dann wird Brian Clough derzeit stets einen Blick auf die Tabelle der zweiten englischen Liga haben. Fast alle Vereine für die er als Stürmer auflief (251 Tore in 274 Spielen, sic!), oder als Trainer arbeitete sind dort versammelt. Es wird ihm gefallen, dass sein Sohn Nigel jetzt Trainer von Derby County ist, dem Verein mit dem Clough 1972 völlig überraschend den englischen Titel gewann. Die Queen im Minirock wäre keine größere Sensation gewesen.

Im Herbst letzten Jahres ist ein Buch in deutscher Übersetzung erschienen, das in England sagenhafte 500.000 Mal verkauft wurde und bei dem sich enthusiastische Zustimmung wie abgrundtiefe Ablehnung in etwa die öffentliche Waage hielten. Es handelt sich um David Peace Roman „Damned United“ (Übersetzung: Thomas Lötz).

Mit einer wertenden Beurteilung des Buches muss man sich nicht lange aufhalten: es ist brillant. Der unglaublichste Roman, der je über Fußball geschrieben wurde, befand der Independent. Vermutlich stimmt das, allerdings ist die Konkurrenz in diesem Wettbewerb überschaubar.

Damned United hat zwei parallele, alternierend angeordnete und jeweils chronologisch verlaufende Handlungen. Beide haben einen Protagonisten: Brian Howard Clough. Das erste Kapitel beginnt mit der Ankunft Brian Cloughs an der Elland Road, dieser legendären Heimstätte des Leeds United Football Club. Es ist der 31.Juli 1974, der erste Arbeitstag des neuen Managers. Leeds United, aktueller englischer Fußballmeister, der beste englische Fußballklub der letzten zehn Jahre. Die Mannschaft Don Revies, der nach verpasster WM-Qualifikation das englische Nationalteam übernommen hatte. Das Buch endet 44 Tage später, mit der Entlassung Brian Cloughs.

Glänzend komponierter Roman

Die zweite Handlung setzt 15 Jahre zuvor ein und beschreibt den Weg der Brian Clough zur Elland Road geführt hat: die Jahre als überragender Stürmer der zweiten Liga, das frühe Karriereende als Folge eines brutalen Fouls. Die Zurücksetzungen: nur zweimal für England gespielt, kein Tor geschossen, nie für ein großes Turnier nominiert. Die Anfänge als Trainer von Hartlepool United, die überraschende Chance beim Traditionsverein Derby County. Der zähe Beginn dort, dann der rasante Aufstieg bis hin zum Gewinn der englischen Meisterschaft 1972 und dem Halbfinale des Cups der Landesmeister 1973. Die dauerhaft schwierige Beziehung zu seinem kongenialen Freund und Co-Trainer Peter Taylor. Die dauerhaft ungetrübte Beziehung zum Alkohol.

Das alles ist glänzend komponiert, ohne gekünstelt zu wirken. Peace, zu dessen Lieblingsautoren Heiner Müller und James Ellroy gehören, bedient sich in diesem Buch einer sehr moderaten Variante seines expressiven Stils. Das tut der Lesbarkeit gut und dem Leser wohl. Man kann sich darauf verlassen, dass alle Details, jedes Spielergebnis, jede Tabellenplatzierung, jede öffentliche Äußerung der handelnden Personen belegt sind. Aber es handelt sich um einen Roman, nicht um einen Wikipedia-Artikel. Allen Fakten fügt David Peace Fiktives hinzu. So wird es zu Literatur. Hier indes liegt auch das Risiko des Scheiterns. Nicht eine einzige der vielen Introspektionen die Peace Brian Clough in den Kopf legt, wird genauso gedacht worden sein. Jedoch - alles ist plausibel. So könnte es gewesen sein. All dies könnte Brian Clough tatsächlich gedacht haben. Mehr noch: auch wenn es gar keinen Brian Clough gegeben hätte, kein Leeds United und keine Elland Road, dann wäre dies ein glänzend geschriebener Roman, der eben von Fußball handelt.

Yorkshire in den Siebzigern - Nichts für zarte Seelen

Für Peace ist es eine literarische Heimkehr. Eine Heimkehr in die Hölle von Yorkshire. Hier handeln alle Teile seines „Red Riding Quartett“, womöglich die düstersten Kriminalromane die jemals geschrieben wurden.
Angst spielt darin eine dominierende Rolle. Auch der - dem äußeren Schein nach - furchtlose Brian Clough, hat Angst. Angst vor der Niederlage im nächsten Spiel. Angst vor dem Scheitern und dem Rückfall in die Bedeutungslosigkeit. Am Anfang seiner Karriere als Trainer auch Angst vor Armut. Und an diesem Punkt geht das Buch über die bloße, wenn auch brillante Nacherzählung einer Episode der Fußballgeschichte hinaus. Hier wird es aktuell. Es ist in den letzten Wochen viel über die Belastungen geschrieben worden, denen Protagonisten im Profifußball ausgesetzt sind. Fünf beliebige Seiten aus „Damned United“ sind geeignet, das nicht für ein neues Phänomen zu halten. Aber zunächst einmal zu der Frage, wie es überhaupt dazu kam, dass Brian Clough ausgerechnet bei Leeds United Trainer wurde.

Das größte Missverständnis der Fußballgeschichte: Leeds United & Brian Clough

Nun, das haben sich schon damals sehr viele gefragt. Leeds United war – außer in Yorkshire natürlich - nicht sehr populär. Die Mannschaft war erfolgreich, aber unbeliebt, ja verhasst. Das lag an der, selbst für britische Verhältnisse, äußerst robusten Spielweise von United. Und obwohl das Team von Don Revie über großartige Techniker verfügte, spielte es meist eher unansehnlich, sehr britisch eben. Dem Erfolg ordnete Revie alles unter. Über jeden Gegner und dessen wichtigste Spieler gab es umfängliche Dossiers, ebenso über jeden Schiedsrichter der First Division. Es galt ihre Schwächen zu kennen, um sie anschließend verwerten zu können. Für damalige Verhältnisse beschäftigte Leeds einen ansehnlichen Trainerstab. Fitness spielte eine überragende Rolle (trotz der Aschenbecher in der Kabine). Ebenso wie zwanzig Jahre später Alex Ferguson bei Manchester United, schuf sich Revie einen Verein nach seinem Bild.

Der größte Kritiker der Spielweise von Leeds United hieß Brian Clough. Bis an den Rand der Unverschämtheit (und bisweilen darüber hinaus) ließ er keine Gelegenheit ungenutzt, United vorzuwerfen, dass sie all ihre Siege und Titel mit – aus seiner Sicht – hässlichen und unfairen Mitteln erzielt hätten. Leeds United und sein Trainer waren für Brian Clough keine sportlichen Rivalen, sie waren Feinde.

Dann wurde Brian Clough bei Derby County entlassen und Don Revie englischer Nationaltrainer. Was Clough letztendlich bewog, die Offerte von Leeds anzunehmen, lässt David Peace offen. Brian Cloughs eigener Version zufolge, die er auch am Tag seiner Entlassung in einem TV-Streitgespräch mit Don Revie formulierte (siehe oben), war es sein Ziel, die Erfolge von Leeds mit fairen Mitteln und einem attraktiveren Spiel fortzusetzen. Ein typischer Clough: Chuzpe, Eloquenz und Hybris lagen immer nah beieinander. Wie auch immer: das Unternehmen Leeds United 2.0 misslang quasi von der ersten Stunde an. An der Elland Road hatte niemand vergessen (zuallerletzt die Spieler), dass ihr neuer Trainer jahrelang kübelweise Ironie, Häme und Sarkasmus über den Verein gekippt hatte. Clough wiederum unternahm nichts, was geeignet gewesen wäre, diesen Eindruck zu korrigieren. Im Gegenteil: Er äußerte sich nach wie vor despektierlich über seinen Vorgänger, interessierte sich nicht im Mindesten für die Meinung der Co-Trainer, versuchte einen Teil der Spieler (gegen deren Willen und ohne Kenntnis des Vorstands ) zu verkaufen. Und er hielt die gleichermaßen spektakulärste wie kontraproduktivste Antrittsrede von der wir Kenntnis haben: You can all throw your medals in the bin because they were not won fairly. Amen! Im Grunde hätte man ihn da schon entlassen können, aber er musste noch ein paar Spiele zuviel verlieren, bevor es am 12. September 1974 tatsächlich zu Ende war.

Es gab natürlich Entlastendes: Die Mannschaft von Leeds United hatte ihren Zenit überschritten, ein Umbau stand an, viele Verträge liefen aus. Eine Reihe wichtiger Spieler waren verletzt, der wichtigste, Kapitän Billy Bremner, nach einer Rangelei mit Kevin Keegan in Wembley, für Wochen gesperrt. Der Verein insgesamt war – wie sollte es anders sein – geradezu fixiert auf Don Revies Arbeitsweise. Jeder neue Trainer – auch ein minderer Exzentriker als Brian Clough – hätte es hier sehr, sehr schwer gehabt.

Die Tragik des begabten Trainers

Warum sollte uns dieses Buch und seine Hauptfigur heute noch interessieren? Zunächst, weil Brian Clough, was sein fußballerisches Verständnis betraf, ein sehr moderner Trainer war. Für ihn waren die Misserfolge des englischen Nationalteams seit der gewonnenen Weltmeisterschaft 1966 kein Zufall. Im Gefühl, die führende Fußballnation der Welt zu sein, wurde übersehen, dass das Spiel anderenorts weiterentwickelt wurde. Clough kritisierte stets die einseitige taktische Festlegung auf Kick&Rush als unattraktiv und perspektivlos. Schon bei Derby County und mehr noch bei Nottingham Forrest spielten seine Mannschaften offensiv, mit kurzen Pässen und über die Flügel. Seinem wohl bekanntesten Credo verpflichtet: Falls Gott wollte, dass Fußball in den Wolken gespielt wird, dann hätte er keinen Rasen auf dem Boden wachsen lassen. Womöglich hätte sich die englische Fußballnation viele Enttäuschungen sparen können, hätte die FA den Mut gehabt ihren größten Kritiker zum Nationaltrainer zu machen. Aber, über diesen Schatten wollten die Funktionäre des Verbandes nicht springen. Das hat Wunden geschlagen – im englischen Fußball und bei Brian Clough.

Große Teile des Buches befassen sich mit dem Innenleben der Hauptfigur. David Peace beschreibt einen Menschen, der über eine quicke, unverbildete Intelligenz verfügt, die er beinahe lustvoll zu nutzen weiß. Brian Clough war ein Liebling der Medien. Er spielte mit ihnen, war aber – in seiner Tätigkeit als TV-Experte – auch Teil des Betriebes. Er genoss es, seine Provokationen auf allen Kanälen zu versenden. Ob als Trainer, oder als Fernsehstar.

Der andere Brian Clough war ein Getriebener seiner Versagensängste. So liest es sich bei David Peace. Als Trainer und Manager sah er sich (wohl zu Recht) in der Alleinverantwortung für das Wohl und Wehe seines Vereins. Alle, die mit ihm arbeiteten (auch Peter Taylor) und für ihn spielten, waren nicht mehr als hilfreiche Statisten in seinem Lebensfilm. Er verlor oder gewann Spiele. Niemand sonst. Ein solcher Anspruch kennt wenig Gnade mit sich selbst. Bei Peace ist Brian Clough allerdings auch ein treuer Ehemann und fürsorglicher Vater. Wenn er mal zu Hause ist. In Leeds leidet er darunter, dass seine Familie nicht bei ihm ist, sondern noch in Derby wohnt. Es wird viel getrunken in diesem Buch, von allen. Es sind die siebziger Jahre, es ist England. So what? Jedoch: Brian Clough trinkt nicht, Brian Clough säuft. Das wird ihm – viele Jahre später – eine neue Leber eintragen. Zunächst verschafft es Entlastung. Wir erleben einen Menschen, auf den fast alle Symptome, die heute unter der Bezeichnung Burnout zusammengefasst werden, zutreffen. Aber es sind nicht die äußeren Umstände, nicht die bedrohliche Kulisse von dreißigtausend Yorkshire-Männern zu den Heimspielen an der Elland Road, nicht der zunächst mäkelnde, später drohende Vorstand und schon gar nicht die Medien, die diese Symptome hervorrufen. Es sind die inneren Dämonen des Brian Howard Clough. Jede erlittene oder vermeintliche Zurücksetzung in seinem Leben: die erfolglos kurze Länderspielkarriere, eine nicht gereichte Hand Don Revies, die Nichtberufung zum Trainer der englischen Auswahl, verstärkt den Wunsch, es allen zu zeigen. Alle zu übertreffen. Es immer besser und besser zu machen. Siege, ja sogar Meisterschaften sind für ihn nur Etappen. Einem kurzen Augenblick des Triumphs folgen lange Phasen der Zweifel und der Angst es nicht zu bringen; dem eigenen Lebensbefehl, der Größte zu sein, nicht zu genügen. So wird man zum Mythos. So wird man krank. Brian Clough hätte als Trainer jederzeit aufhören können. Gelegenheiten dazu gab es viele, alle Fernsehsender waren daran interessiert ihn als Mitarbeiter zu gewinnen. Er tat es nicht, weil etwas tief im Inneren ihn davon abhielt. So lagen, nach den seltsamen 44 Tagen bei Leeds United, seine größten Triumphe als Trainer und seine größten Abstürze als Mensch noch vor ihm.

"Damned United" von David Peace, 511 Seiten, Wilhelm Heyne Verlag, Deutsch: Thomas Lötz; 9,99 EUR

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