Buchtipp: Mo Hayders Abgründe der Seele

Mo Hayder: Bedrückende Grausamkeit.
Ich habe es mir immer wieder vorgenommen. Nach jedem Buch. Ich möchte nie wieder Mo Hayder lesen. Ich möchte nicht noch einmal in ihren Kopf blicken.

Sie macht mir Angst. Angst ist eigentlich unbestimmt. Kinder haben Angst. Gesunde Erwachsene fürchten sich. Dennoch: Das, was die englische Erfolgsautorin in ihren Büchern den Lesern präsentiert, eine so traurig-schonungslos erzählte, bedrückend-reale Grausamkeit, ist selbst für Furchterprobte einfach nur beängstigend. Aber fesselnd. Das ist das Problem. Denn Hayder brilliert auch mit virtuosem Erzählstil und beklemmender atmosphärischer Dichte. Mit der Gabe, das Kleine, scheinbar Unbedeutende, die oft unsichtbare Tragödie des menschlichen Lebens ins große Ganze einzufügen. Ihre Charaktere sind sensibel gezeichnet, tiefgründig und furchtbar verstörend. Sie nähern sich den Perversionen der menschlichen Seele erschreckend nah und reflektieren in fast allen Romanen über Sinn und Bedeutung von Vergangenheitsbewältigung.

Hayder, Jahrgang 1962, studierte Kreatives Schreiben und verlangt mit ihrem teils eigenwilligen Erzählstil dem Leser viel ab. Immer aber stehen Sprache und Aufbau im Kontext zum Inhalt. Während "Tokio" die japanischen Kriegsverbrechen in China zugunsten der Tiefgründigkeit absolut flüssig erzählt, bilden im okkulten "Ritualmord" die verwundeten Charaktere eine Symbiose mit dem zerrissenen Erzählstil und den schnellen Handlungszügen. In jedem Buch aber nimmt die Geschichte zum Ende hin unerträglich viel Fahrt auf - bis hin zum schockierenden Plot, den Hayder allerdings auch leise zu erzählen weiß.

Typisch und umstritten sind aber ihre unglaublich offenherzigen Darstellungen von Tod, Sex und Gewalt, in denen sich Hayder überaus brutal, fast ekelerregend obszön ergeht. Insbesondere "Die Behandlung" ist das mit Abstand boshafteste Buch, das ich je gelesen habe. Allerdings: Gerade diese detailtreue Grausamkeit macht Hayder so glaubwürdig. Es ist dieser vermeintliche Voyeurismus, der uns in Wirklichkeit nicht an den Perversionen laben lässt, sondern immer wieder auf uns selbst zurückwirft. Und auf zentrale Fragen des Lebens: "Ist Unwissenheit das Gleiche wie Verderbtheit?" (Tokio).
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