Das Bernsteinherz der Wiskiauten

Bei Opi Herbert
   
Bernstein
Fünfzehn Jahre lang, von 1974 bis 1989, verbrachten wir stets die Sommerfrische bei meinem Onkel in Ostseebad Rerik.
Einst hieß der kleine Ort Meschendorf, doch seit in den 30-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Archäologen die dort entdeckten Hünengräber und Bodenfunde historisch neu bewerteten und einen Wikinger-Handelsplatz ausmachten, wurde der Ort in Rerik umbenannt.
Wir fühlten uns im Urlaub an der Ostsee immer sehr wohl.

Onkel Herberts Heimat war Ostpreußen, genauer Heiligenbeil in der Königsberger Region (heute Kaliningrader Oblast). Nach der Flucht im Jahr 1945 suchte mein Onkel lange, um eine Landschaft und eine kleine Stadt zu finden, die seiner Heimat ähnelte. Vor allem das Reriker Salzhaff hatte es ihm angetan und er fand ein Häuschen direkt an den Dünen.
Rerik liegt in der Lübecker Bucht und vor dem II. Weltkrieg gab es hier einen Landesteg der Schiffslinie, die Lübeck mit Königsberg verband.

In der DDR war das Segeln auf der Ostsee nicht erlaubt. „Opi Herbi“ war aber ein guter Segler und er suchte sich „sein Gewässer“. Mit seinem Segelboot „Himmelfahrt“ sind wir oft nahe der Halbinsel Poel an Land gegangen. Bei Flaute war sofort die Wasserschutzpolizei da und holte mich und meine Tochter Haike aus dem Boot, um einer „Republikflucht“ vorzu-beugen.
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Die zweite Leidenschaft Herbis war die damals noch junge Foto-Kunst. Schon als ganz junger Mann lief er stundenlang an der Kurischen Nehrung herum, um wild bewegte Wolken zu fotografieren. Vor mir liegt der „Photofreund“, eine Fachzeitschrift von 1924 aus seinem Bestand. Damals war mein Onkel erst 17 Jahre alt.
Er war auch ein begabter Erzähler. Immer wieder beschrieb er uns bildhaft, wie einst die Handelsplätze der Wikinger aussahen, die in Haithabu/Schleswig begannen und folgende weiteren Stationen umfassten: Ralswiek auf Rügen, die Vineta-Insel Wolin, Truso bei Elbing/Elblag am Frischen Haff und Wiskiauten an der Kurischen Nehrung, 3 km entfernt vom einstigen Ostseebad Cranz/Selenogradsk. Wiskauten befindet sich auf einem flachen eiszeitlichen Hügel mit dem Namen Kaup.
Unser guter Onkel interessierte sich auch für die Geschichte der Prussen und der Wikinger, die einst in seiner Heimat siedelten.

Wiskiauten heißt heute Mochowoje, auch Mohove geschrieben. Mein Onkel hatte von Grabungen gehört, die bereits 1865 begannen. Die Fundstücke wurden im Prussia-Museum in Königsberg ausgestellt. Es lagen Grabungsfunde aus, wie z.B. Keramiksegmente, Glasperlen, ein Schwertknauf, Gürtelbeschläge und vergoldete Fibeln aus Silber mit den klassischen Wikinger-Motiven, z.B. dem Schlingenkreuz. Außerdem fand man wunderschönen Bersteinschmuck, geformt zu Herzen, Tieren, Thorhammer und später auch zum christlichen Kreuz. Einfache kleine Bernsteinfundstücke wurden zu langen Ketten aufgefädelt.
Vor mir liegt die Kopie eines Wikinger-Goldschmuckes aus dem Jahr 950. Er zeigt die hohe Goldschmiedekunst der Wikinger. Hierbei wurde die Technik der Goldgranulation angewendet. Das Schmuckstück soll einst dem dänischen Wikingerkönig Harald Blauzahn gehört haben.

In der großen Sturmflut von 1872 und 1874 wurde der Schmuck an den Strand von Hiddensee gespült. Er ist heute noch im Stralsunder Museum zu sehen. Aber auch in der Neuzeit befand er sich auf abenteuerlichen Wegen. Früher lag er in einem Tresor im Stettiner Museum. Er wurde im Krieg zerbombt und der Schmuck lag offen herum. Ein gütiges Schicksal brachte ihn dann komplett nach Stralsund.
In Haithabu fand man die Patrizen, auf denen das zarte Goldblech des Schmucks in Form gebracht wurde. Patrizen sind erhabene Gegendruckformen aus Bronze. Mit ihrer Hilfe sind Rohformen von Gold- und Silberschmuck serienmäßig herstellbar. So entstand auch der Wikingerschmuck der Wiskiauten.
Heute ist dieser aus 16 Teilen bestehende Schmuck 150 Mio Euro wert. Er erzählt auch vom religiösen Alltag der pfiffigen Besitzer. In der Übergangszeit zum Christentum wollte man damals auf Nummer sicher gehen. Im Schmuck wurde der Thorhammer Mjölnir mit dem christlichen Kreuz verbunden, in dem Glauben, dass einer der Götter sicher helfen werde. Auch der Bernsteinschmuck aus jener Zeit trägt diese Symbole.

Die Erzählungen meines Onkels waren immer derart spannend und frisch, dass meine Tochter Haike regelmäßig um „noch mehr“ bettelte. Und „Opi Herbi“ legte nach.
Um dieser interessanten europäischen Region nahe zu sein, fuhren wir später ins Baltikum, in die Gebiete um Vilnius, Riga und Reval (dem heutigen Tallinn). Ein Naturbernstein, den man großzügig als „Herz“ deuten kann, wurde mein Lieblingsschmuck. Wenn ich ihn ans Ohr halte, wispert und rauscht es wie aus ferner Zeit.

Seit 1989 war mein Leben sehr bewegt. Neues Forum, Friedensbewegung, Familienzuwächse; die Wiskiauten versanken wieder tief im Wasser der Vergangenheit.
Die TLZ und der Sender „Phoenix“ berichteten jetzt über „erste Spuren der Wiskiauten“. Im Internet wurde ich noch ausführlicher fündig. Die Grabungen auf dem in der Eiszeit entstanden Hügel „Kaup“ gingen ab 2005 weiter und wurden bis heute fortgesetzt. Die gesamte Untersuchungsfläche umfasst 63,5 ha. Hier gab es fünf verschiedene Siedlungen. Die ältesten stammen aus dem 5. bis 10 Jh. Ihnen zuzurechnen ist ein großer Brunnen aus dem 10./11. Jh. Einige Funde stammen aus dem 13. Jh.
Hier siedelten zunächst die einheimischen Prussen. Später kamen die Wikinger hinzu. Sie waren nicht die Gründer des Handelsplatzes, der einen Zugang zur Ostsee bei Cranz hatte, doch sie bauten diesen Platz aus und gestalteten ihn nach ihren Bedürfnissen. All diese alten Strukturen und sogar die Wege sind mit moderner Technik, dem Scannen des Geländes durch geomagnetische Messungen, auf dem gesamten Gelände noch vor Grabungsbeginn auszumachen.
Auch die Ausgrabungsergebnisse und Fachpublikationen aus deutscher Zeit werden heute zu Rate gezogen und sind Gegenstand einer aktuellen Dissertation.

Für mich war aber entscheidend und weckte besonders mein Interesse, dass eine friedliche und gleichberechtigte Grabungsarbeit von deutschen und russischen Archäologen stattfand. Schließlich lebte auch zu Zeiten der Wiskiauten die damalige Mischbevölkerung harmonisch zusammen. So brachten sie es zu relativem Wohlstand.
Da meine Familie über ganz Europa verbreitet ist, könnten wir vielleicht auch Ahnen aus Wiskiauten gehabt haben. Schließlich konnten wir z.B. Bengta Niklasdottir (Jahrgang 1855) in Kastadt in Schweden als Urgroßmama meines Mannes finden.

Der Hügel „Kaup“ war für 200 Jahre Siedlungsgebiet der Skandinavier im 9. bis 11. Jh. Das beweisen die gefundenen Bestattungsplätze.
Wiskiauten war ein günstiger Handelsplatz in einer Handelskette der Wikinger. Die Wikinger fuhren mit ihren Schiffen küstennah und auch auf Flüssen. So wurde z.B. auch die Memel für den Handel genutzt, der quer durch Europa bis in die arabischen Emirate führte. Neben Bernstein, Gold- und Silberschmuck war auch der Handel mit Sklaven sehr lukrativ. Hierbei gingen die Wikinger küstennah auf Beutezug. Der Orient hatte großen Bedarf an Sklaven und ihr Kauf wurde gut mit Münzen und Waren bezahlt.

Insgesamt wurde der Siedlungsraum an der Ostsee sechs bis acht Jahrhunderte, also auch nach dem Abzug der skandinavischen Wikinger weiter genutzt. Nun hatte die Prussen-Kultur ihre Blütezeit. Der Ort war kein großer Handelsplatz mehr, gehörte aber weiterhin zum Handelsnetz der Wikinger und ihrer Nachfolger.

Die Ausgrabungen werden von der Deutschen Fördergemeinschaft (DFG) unterstützt. Große deutsche Museen aus Frankfurt am Main, Schleswig, Berlin-Preußischer Kulturbesitz und die Christian-Albrecht-Uni Kiel sind an den Grabungen finanziell und materiell beteiligt. Das Geschichtsmuseum Kaliningrad und das Baltische Archäologische Institut arbeiten ebenfalls an den Grabungen mit. Die gemeinschaftlichen Erforschungen des Samlandes haben für die Gegenwart und sicher auch für die Zukunft Bedeutung.

Inzwischen siedeln schon wieder Deutsche in der Region. Sie haben Land gekauft, bauen Häuser und Kirchen und bearbeiten den seit fast 70 Jahren brach liegenden Boden. Elche in der Rominter Heide und der Aufbau des Gestüts Drakehnen zeigen diese Veränderungen.
Die Norddeutsche Evangelische Kirche baute Gemeinden in Kaliningrad auf. Evangelische Pfarrer und Gemeindepädagogen schufen Sozialstationen, Schulen und Heime, die mittellosen und verwahrlosten Kindern, Jugendlichen, Senioren und Familien zur Verfügung stehen und der Bevölkerung Stütze und Struktur geben. Gottesdienste auch in Deutsch sind inzwischen Normalität. Studenten der Kant-Universität führen in Spielen auf, wie die Prussen und die Wiskiauten einst lebten. Für ihre Auftritte haben sie sich historische Kleidung geschneidert.
Heute ist die Historie der Region Kaliningrad kein Tabu mehr. Dieses Land ist auf dem Weg in eine freie Europa-Republik. Ein schönes Zeichen in unseren Kriegszeiten, dass es auch friedlich geht.
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