Das Erfurter Liedermacher-Duo "Kalter Kaffee" geht gerne in den Knast

Björn Sauer am Flügel und Tilo Schäfer an der Gitarre sind das Liedermacher-Duo „Kalter Kaffee“.
 
Workshops im Knast, Videos im Netz, Festivals für die Szene: Das Liedermacher-Duo will sich nicht festlegen.
Erfurt: Kalter Kaffee |

Workshops im Gefängnis, Videos im Netz, Festivals für die Szene: Das Liedermacher-Duo „Kalter Kaffee“ singt zum Spaß, fürs Herz und gegen Rassismus.

Der gewaltige Flügel steht völlig unerwartet im Wohnzimmer von Björn Sauer. Kaum vorstellbar, wie das Instrument durchs schmale Treppenhaus die Wendeltreppe hoch in die Wohnung gekommen ist. Hier ist also der Ort, an dem so intensiv geprobt wird, dass in der Küche nebenan ganz vergessen der Kaffee kalt wird. So jedenfalls lautet die Legende, die dem Erfurter Liedermacher-Duo seinen Namen beschert. Tilo Schäfer bestätigt: „Das ist uns tatsächlich in einer Woche viermal passiert.“

„Kalter Kaffee“ geht gerade ins zwölfte Jahr. Kennengelernt haben sich Sauer und Schäfer beim Studium. Schnell bemerkten die Kinder der 90er ihr gemeinsames Ziel. „Bei 90er-Jahre-Musik ist alles o.k., so lange man nicht auf den Text hört“, urteilt der 33-jährige Schäfer. Gute deutsche Lyrik, die unterhält und zum Nachdenken anregt – die müsste doch zu schreiben sein, waren sich beide einig. Sie behielten Recht.

In der Liedermacherszene eine feste Größe


Dem ersten Konzert im Erfurter Unikum folgten weitere auf diversen Studentenfeiern, dann Auftritte im ganzen Land. In der Thüringer Liedermacherszene sind die Musikkabarettisten seit Jahren eine feste Größe. Auf ihrem Youtube-Kanal wurden die 35 Videos zehntausendfach angeklickt. Mittlerweile haben die beiden Musiker so viele Songs geschrieben, dass es überfällig ist, ihre vierte CD aufzunehmen.

„Die Themen für die Lieder fliegen uns ständig zu. Wir müssen nur permanent einen Stift und einen Zettel haben, um sie zu notieren und später weiterzuverarbeiten“, erklärt Tilo Schäfer, der im Kabarett drei Sparten erkennt: Politisches, Zwischenmenschliches und das Spiel mit der Sprache. „Wir versuchen, alle zu bedienen.“ Auf der Bühne improvisieren sie außerdem viel, lassen sich Städtenamen zurufen, zu denen sie dann dichten und musizieren. Björn Sauer, der auch im Erfurter Kabarett „Die Arche“ Klavier spielt, bestätigt: „Wir mischen ganz gut. Wir haben bissige politische Lieder, aber auch viele alltagstaugliche Themen. Aber jeder kann sich gerne ein Thema bei uns wünschen, zu dem es ein Lied geben sollte.“

Franz Schubert am Sendemast


Musikalisch beschränken sich die Thüringer ebenfalls auf keinen Stil. Mit Reggae-Klängen klagen sie über Marder-Schäden am Auto, mit Country-Musik bekennen sie sich zu Kartoffelfeld-Fans. Fast schon an Franz Schubert erinnert ihre Wander-Ode „Am Sendemast“, romantisch wird es in Balladen über das Glück oder die Liebe. „Wir wollen uns nicht festlegen, nutzen die Musik, um die Intention des Textes zu unterstreichen. Wenn man sich auf eine gewisse Sparte festlegt, beraubt man sich an Handlungsfähigkeit“, sagt Schäfer.

Seit acht Jahren bieten sie Liedermacher-Workshops für Schüler, Jugendliche, Migranten, Rentnern oder Firmen an. Mit dem Friedrich-Bödecker-Kreis haben sie viele Projekte realisiert und sogar schon im Jugendknast mit Inhaftierten musiziert. „Wer einsitzt, beschäftigt sich sehr mit seinem Leben. Das war immer sehr ergreifend – auch für uns“, so Björn Sauer.

In sozialen Brennpunkten haben sie ihre Workshops gegen Rassismus veranstaltet. „Wir waren in den Städten, die jetzt alle in den Nachrichten auftauchen“, sagt Sauer, der gebürtig aus Gumpelstadt im Wartburgkreis kommt. Sie baten die Kinder, ihre Themen für einen Liedtext in den Hut zu werfen. „Unter den zehn Zetteln tauchte fünfmal Deutschland und viermal der Ortsname auf.“

Karnevalssong für TV-Auftritt


Beim Erfurter Liedermacher-Festival gehören sie mittlerweile zur Gruppe der Gastgeber. „Es ist eine reichhaltige Szene, aber sie alle sind nicht so mega-bekannt“, sagt Björn Sauer. In Bayern und anderen Ländern, könnten Liedermacher auch mal im Fernsehen auftreten, beobachten sie ein wenig neidisch. Um dies für Thüringen zu realisieren, mussten sie schon ein Faschingslied schreiben, um zumindest in einer Karnevalssendung aufzutreten.

Um für die und von der Musik leben zu können, unterrichtet Björn Sauer an drei Tagen die Woche als Grundschullehrer in Erfurt und Tilo Schäfer ist wieder aufs Land bei Hildburghausen gezogen. Auf Erfolg sind sie gar nicht aus. Am liebsten soll alles schön klein, sympathisch und familiär bleiben. Sauer grient. „Unsere Songs sind nicht einmal bei der GEMA angemeldet.“




Hintergrund

• Brecht heißt der Pinguin, der als „Wappentier“ die Internetseite des Liedermacherduos schmückt: www.kalter-kaffee.net. Weitere Infos auf der Facebook-Seite des Duos.

• Termine:
7. April, Ilmenau, ­Autofrühling
22. April, Tabarz, KuKuNa, 19.30 Uhr
1. Mai, Kahla, „1. Mai Open Air“, 15 Uhr
8. Mai, Hildburghausen, Marktfest
18. Juni, Erfurt, Gemeindefest Thomas­gemeinde, Pfarrhof bei der ­Thomas­kirche, 19 Uhr
24. Juni, Großvargula, mit Ulf Annel
25. Juni, Erfurt-Linderbach, Bürgerfest des ­Bürgervereins
7. August, Suhl, Tierparkfest
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