Das schräge Interview: Tanzabend ohne Tucholsky

Stimmungskanone: Der Mann der Tasten und des Witzes – Peter Nolze in seinem Garten in der Zweiburgenstadt Kranichfeld. Foto: Th. Gräser
 
Stimmungskanone: Der Mann der Tasten und des Witzes – Peter Nolze in seinem Garten in der Zweiburgenstadt Kranichfeld. Foto: Th. Gräser
  Kranichfeld: Oberschloss |

Alleinunterhalter Peter Nolze spielt seit 50 Jahren auf und beweist nachhaltig Thüringer Humor






Musiker spielen auf, geben den Ton an, greifen oder hauen in die Tasten. Der AA-Redakteur Thomas Gräser wollte wissen was Alleinunterhalter Peter Nolze aus Kranichfeld - der sein 50. Bühnenjubiläum feiert - mit den Wörtern greifen und hauen in Redensarten verbindet.


Haben Sie schon einmal…


…nachgedacht wie oft Sie in den 50 Jahren in die Tasten greifen mussten?
In den Anfangsjahren hatte ich 300 Veranstaltungen im Jahr. So wären es 15 000 Mal, jedenfalls auf der Bühne.

…sich im Ton vergriffen?
Schon massig. Hauptsache es merkt keiner. Musiker dürfen aber nicht besoffener sein, als das Publikum.

…tief in die Tasche greifen müssen?
Über 6000 Euro für eine Orgel. Und die kann ich nicht mal transportieren.

…in die "Sch…" gegriffen?
Im Ohrdrufer Schloss wurde ich mal von Lehrern gefragt: Wann beginnt denn der Tucholsky-Abend? Ich: Was? Ich mache Tanzmusik mit Witz. Da fahr‘ ich eben wieder ab. Aber es wurde doch noch ein vergnüglicher Tanzabend - ohne Tucholsky.

…in ein Wespennest greifen müssen?
Bei Robotron in Sömmerda. Die Zillestube war voll mit Parteisekretären. Darauf ich: Ihr habt 70 Parteisekretäre?! Kein Wunder, dass die DDR pleitegeht. Und einer von der SED-Bezirksleitung hat mich mal angeschwärzt, als ich ein Gedicht über den Intershop vorgetragen habe. Da musste ich beim Rat des Bezirkes, Abteilung Kultur antreten.

…in die Vollen gegriffen?
Schon immer mal - musikalisch, zwischenmenschlich und beim Essen und Trinken.

…zur Feder gegriffen?
Ich wandele Texte bekannter Melodien um - bisher rund 200.

…zu kurz gegriffen?
Das ist oft vorgekommen.

…jemanden etwas vor den Latz gehauen?
Auch heute noch bin ich sehr offen und direkt.

…in die Trickkiste gegriffen?
Zu DDR-Zeiten wurde oft getrickst. So bei der 60-zu-40-Regelung, der AWA gegenüber.

…erlebt, dass etwas zum Greifen nah war?
Ich habe alles gekriegt. Nur einmal war ein Bad während eines Auftrittes nah. Ich spielte 1980 in der Wellpappe Arnstadt. Eine Feier im Keller, in der Sauna mit Schwimmbecken. Das wusste ich vorher nicht. So hatte ich keine Badehose mit. Das Wasser war zum Greifen nah und spritze auf meine Instrumente.

…ins Leere gegriffen?
Da warte ich jetzt noch auf mein Honorar. Wir spielten in den 70er-Jahren am Stausee Hohenfelden. Angeblich hatten sie die Kasse geklaut. Das war doch ein Bluff!

…nach dem rettenden Strohhalm greifen müssen?
In Ulla hatten ins Klavier die Mäuse geheckt. Die Tasten klemmten. Der Chef der Kapelle sagte: Du tust so, als ob du spielst. Das war Instrumenten- Playback.

…nach den Sternen gegriffen?
Eigentlich nicht. Mein Berufsausweis von 1971 hat mir bis heute geholfen.

…um sich gegriffen?

Nein. Während eines Auftritts gab es einen Familienstreit. Da wurde sich richtig gekloppt. Da sind die Noten geflogen. Ich bin geflüchtet, ohne Gage. Die bekam ich am Folgetag.

…jemanden in die Tasche gegriffen?
Ich habe mir von verschiedenen Menschen was abgeguckt und in meine Art abgewandelt.

…jemanden unter die Arme gegriffen?
Ich helfe gerne, auch Vereinen. …etwas in Klumpen gehauen? Habe ich nicht. Ich bin friedlich.

…in den Sack gehauen?
Beim FDGB in Rastenberg. Als wir ankamen, hatte bereits eine Kapelle aufgebaut. Wir spielten nicht, blieben aber da und kassierten 50 Prozent der Gage. Unser Schlagzeuger darauf: Das machen wir jetzt immer so.

…jemanden vom Hocker gehauen?
Ich bin schon einmal vom Hocker gefallen und im Abort eingeschlafen.

…jemanden in die Pfanne gehauen?

Nein, das ist nicht mein naturell, obwohl viele Musikanten sehr missgönnerisch sind.

…auf die Pauke gehauen?
Mit dem Sextett "Kania" ab 1964 öfter mal.

…einen Menschen übers Ohr gehauen?
Die Abteilung Kultur wurde früher stets übers Ohr gehauen. Von dem Honorar konnte doch keiner leben.

…mit der Faust auf den Tisch gehauen?
Ich habe immer die Wahrheit gesagt.

…Geld auf den Kopf gehauen?
Verschwenderisch bin ich nicht, ebenso wenig geizig.

…auf die Kacke, auf den Putz gehauen?
Das mache ich heute mit 68 Jahren noch.

…jemanden aus dem Frack gehauen?
Ironisch mit Worten schon. Die Wahrheit habe ich immer gesagt. Aber früher waren zu viele feige.

…über den Zapfen gehauen?
Im Erfurter Hof ist das zu DDR-Zeiten nicht passiert, da haben die Kellner schnell den Strom abgeschaltet. Auf Dorfsälen ging es stets über den Zapfenstreich hinaus.

…jemanden etwas um die Ohren gehauen?
Nur Witze.

…jemanden vor den Kopf gehauen?
DDR-Funktionären schon. Ich hatte keine Angst. Vielleicht hat mich mein Witz vor Schlimmeren gerettet.

…die ganze Nacht um die Ohren gehauen?
In den 60er- und 70er-Jahren sind wir nach Veranstaltungen oft nicht nach Hause gekommen. Da musste auch schon mal ein Sessel als Bett herhalten.

…sich so richtig in die Koje gehauen?
Frauentag wurde ja früher drei Monate lang gefeiert. Da hatte ich drei Auftritte am Tag. Da war ich fix und fertig.



HINTERGRUND

• Peter Nolze (68) wurde als Kind von seiner Musiklehrerin geprägt und besuchte von 1966 bis 69 die Tanzmusik-Klasse der Musikschule Weimar.
• Peter Nolze spielte in verschiedenen Bands, ab 1964 im "Kania"-Sextett.
• Seit Ende der 60er-Jahre ist er als Alleinunterhalter unterwegs.
• Seit 1971 macht er hauptberuflich Musik.
• Er spielte vom Stausee Hohenfelden bis Berlin und Bulgarien.
• Ende der 80er-Jahre zog das "Peter-Nolte-Quartett" durch die Lande.
• Jetzt spielen zum Spaß - nach 40 Jahren - öfter wieder mal die "Kanias" zusammen.



ZITATE

° Sie fragen mich immer: ‚Haben Sie schon einmal…‘ Da muss ich immer an den Schlager „Haben Sie schon mal im Dunkeln geküßt“ (1942) von Evelyn Künneke denken. Haben Sie?
PETER NOLZE

° Klar, oft
THOMAS GRÄSER



° Kein Wunder das die DDR pleitegeht. PETER NOLZE


° Früher waren zu viele feige. PETER NOLZE
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2 Kommentare
5.081
Joachim Kerst aus Erfurt | 01.10.2014 | 18:45  
12.763
Renate Jung aus Erfurt | 02.10.2014 | 18:00  
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