"Deppen!" Der Schweizer Comedian Alain Frei über Rassismus in Deutschland

Wann? 01.11.2015 19:00 Uhr

Wo? DasDie Live, Marstallstraße 12, 99084 Erfurt DE
Der Schweizer Comedy-Senkrechtstarter Alain Frei kommt nach Thüringen. „Neutral war gestern“ heißt sein aktuelles Programm. (Foto: Timm Ortmueller Photography)
Erfurt: DasDie Live |

Der Schweizer Alain Frei gilt als Senkrechtstarter der Comedy. Vor seinem Auftritt in Erfurt am 1. November sprach er darüber, wie er mit Klischees gegenüber den Eidgenossen umgeht und wie er die Komik im oftmals ernsten Alltag findet.


Du lebst als Schweizer in Deutschland und willst in deinem Programm zeigen, dass viele Vorurteile gegenüber Schweizern nicht stimmen. Machen wir doch den Klischee-Test mit dir. Einverstanden? Ich habe doch nicht zu schnell gesprochen, oder?

Das war perfekt. Ich habe alles verstanden. Ich bin noch gut dabei.

Gut. Das Klischee von langsamen Schweizern stimmt nicht. Nun, wir waren um 12 Uhr zum Interview verabredet. Du hast ein paar Minütchen später angerufen. Hast du die Zeit etwa nicht auf deiner Schweizer Uhr abgelesen?
Stimmt, da hast du mich erwischt. Ich bin, was das anbelangt, ein bisschen chaotisch. Und auch da widerspreche ich dem Klischee. Ich bin gar nicht so pünktlich, wie Schweizer sein sollen. Ich war einfach zu spät - vielleicht, weil ich als Schweizer doch ein bisschen langsam bin.

Wie ist denn dein Verhältnis zu Käse und Schokolade?
Es gibt schlimmere Verhältnisse als zu Schokolade und Käse. Ich bin jetzt nicht so ein Käse-Esser. Aber eine gute Schokolade geht immer. Ob man Schweizer ist oder nicht - gute Schokolade ist doch immer lecker.

Musst du überhaupt noch als Comedian auftreten? Oder bist du von Hause aus so wohlhabend, dass du gar nicht mehr arbeiten müsstest?
Das wäre wunderschön. Ich bin nicht wohlhabend. Uns geht es schon o.k. in meiner Familie, aber ich bin ein bisschen das schwarze Schaf. Ich bin der Künstler. Ich bin der Einzige, der ein bisschen unten durch muss. Ich muss sehr wohl noch lange als Comedian arbeiten. Bis ich alt und grau bin.

Aber ganz bestimmt vermisst du in Deutschland die Volksabstimmungen.
Ich dürfte hier ja ohnehin nicht mit abstimmen. Ich finde Volksabstimmungen zwar schon gut, aber nicht immer. Das ist schon o.k., wie ihr Deutschen das macht.

Und typisch schweizerisch neutral bist du auch nicht. Zumindest heißt dein aktuelles Comedy-Programm: „Neutral war gestern.“ Zum welchem Thema hast du denn eine Meinung?

Ich habe beispielsweise zum aktuellen Flüchtlingsthema eine Meinung. Ich rede auch über Rassismus. Ich glaube, dass Neutralität zwar nett ist, aber gerade als Comedian und eigentlich auch sonst sollte man nicht zu neutral sein, seine Meinung äußern und Stellung beziehen.

"Mit Humor kann man auch bei ernsten Themen
eine lustige Seite finden."


Du bist in erster Linie Komiker. Hat denn jedes Thema eine komische Seite?
Wenn du ein schwieriges Thema hast, über das du aber gerne reden möchtest, ist es hilfreich, wenn du die komische Seite findest. Du kannst Leute viel besser überzeugen oder ihnen eine Meinung mitgeben, wenn du das mit Humor tust. Ich glaube, wir Comedians sind eigentlich die modernen Narren, die den König bespaßen, die aber auch versteckt immer versuchen, ihm eine Botschaft mitzugeben. Mit Humor kann man auch bei ernsten Themen eine lustige Seite finden.

Rassismus ist eines deiner Themen. Macht es denn noch Spaß, vielleicht gerade als Ausländer, derzeit in Deutschland zu leben?
Ach ja, doch. Das hört nicht auf, nur weil ein paar Deppen die Flüchtlingsheime anzünden. Man muss aber aufpassen, dass man nicht zu viele Ängste schürt, was die Medien vielleicht auch machen. Es ist ein schwieriges Thema, bei dem man vieles abwägen muss. Aber ich habe die Deutschen, seit ich hier lebe, immer sehr warmherzig erlebt. Mir macht es hier weiterhin Spaß und es lässt sich hier auch als Ausländer gut leben.

Du hast in Deutschland Schauspielerei studiert. War deine Familie damals schockiert, dass du nicht Banker werden wolltest?
Es war natürlich schon ein Schock für meine Familie, dass der Sohn jetzt weggeht und einfach Schauspieler wird im Ausland. Und sind wir mal ehrlich: Es ist nicht gerade der sicherste Beruf der Welt. Ich bin ganz froh, dass ich meinen Platz als Comedian gefunden habe und auch ein bisschen davon leben kann.

"Die Deutschen haben einen sehr tollen Humor."


Viele sagen: Die Komödie zählt zu den schwersten Formen der Schauspielerei. Für dich war es nie ein Problem, andere zum Lachen zu bringen?
Ich glaube schon, dass ich da immer ein gewisses Talent dafür hatte, und deswegen bin ich auch bei der Comedy gelandet. Ich vermisse die Schauspielerei nicht so sehr, denn die Comedy beinhaltet viele ihrer Aspekte. Das Schöne als Comedian ist, dass du selbst entscheidest, was du auf der Bühne machst und was du von dir gibst. Deswegen fühle ich mich sehr gut aufgehoben als Comedian. Ich glaube, ich bleibe da auch noch ein Weilchen.

Der Großteil deiner Tour führt durch Deutschland. In der Schweiz trittst du deutlich seltener auf. Du sagst auch, die Comedy wäre hier in Deutschland jünger. Was meinst du damit?
Die Deutschen sind, was Stand-Up-Comedy anbelangt, anderen weit voraus. Das hat mit der Geschichte zu tun, weil Deutschland auch mit Stand-Up angefangen hat. Die Amerikaner haben Stand-Up natürlich schon ewig. Die ersten deutschen Comedians haben vor 30 Jahren angefangen. Die Schweizer haben hingegen keinen richtigen Stand-Up-Comedian, wie ich es verstehe. Jemand, der mit dem Mikro auf die Bühne geht. Ich rede jetzt nicht von Emil, was zu dieser Zeit natürlich klasse war. Aber pure Stand-Up, ein Typ erzählt Alltagsgeschichten, ist in der Schweiz noch unglaublich jung. Das kommt erst jetzt so ein bisschen. Die Deutschen sind weiter voraus und man kann sich auf der Bühne mehr trauen. Die Leute sind bereiter dafür. Deswegen ist es für mich einfacher, in Deutschland zu spielen. Ich bin hier mehr Zuhause. Das ist für mich eher ein Heimspiel als in der Schweiz.

Eigentlich denkt doch das ganze Ausland über die Deutschen, dass sie total unlustig sind und zum Lachen in den Keller gehen. Nicht so in der Schweiz?
Den Ruf habt ihr sowieso. Das wird so bleiben. Aber das sind wieder die Klischees, die man einfach nicht wegbekommt. Ich glaube auch, dass dies Quatsch ist. Die Deutschen haben einen sehr tollen Humor. Und viele junge Comedians wie Maxi Gstettenbauer oder Chris Tall und alle bei „RebellComedy“, der Truppe, bei der ich jetzt bin. Das ist so toller Humor. Die Deutschen haben zwar den Ruf und der wird auch so bleiben. Aber wie so oft bei Vorurteilen ist es Quatsch.


"Ich bin mittlerweile eingedeutscht."


Wenn du in der Schweiz auftrittst - stellst du dein Programm dann um und stellst die Klischees über Deutsche in den Vordergrund?
Ein bisschen. Ich schneide das Thema in Deutschland auch nur an. Wenn ich in der Schweiz spiele, erzähle ich Storys, wie es denn ist in Deutschland. Ich drehe die Klischees ein wenig um, aber im Großen und Ganzen geht es mir immer darum, dass ich versuche, dem Klischee auf den Grund zu gehen und es ein bisschen zu brechen.

Ich habe ein Interview im Schweizer Fernsehen mit dir gesehen - komplett auf Schweizerdeutsch. Ist es für dich schwer, wenn du in Deutschland tourst, über Stunden hinweg hochdeutsch zu reden?
Das Witzige an der Geschichte ist: Es fällt mir schwerer, wenn ich auf Schweizerdeutsch spielen muss. Ich spiele hier jeden Tag und bin es gewohnt, hochdeutsch zu reden. Wenn ich in die Schweiz komme und ich muss meine Storys auf Schweizerisch sprechen, das ist schwer. Deutsch ist für mich Gewohnheit. Ich bin hier mittlerweile eingedeutscht. Für mich ist es seltsam, wenn ich wieder in die Heimat komme nach langer Zeit und überall Schweizerdeutsch auf mich zukommt.

Aber dass du Schweizerdeutsch sprichst, erwartet dein Publikum in der Heimat dann schon von dir?
Ja natürlich. Das erwartet man. Dieses Klischee stimmt, dass wir Schweizer das dann schon wollen. Aber ich möchte es auch selbst. Stand-Up ist eine sehr persönliche Kunstform. Ich würde es seltsam finden, wenn ich in meinem Heimatland vor Schweizern auf einmal hochdeutschen sprechen würde. Ich kann Schweizerdeutsch, es ist ja meine Muttersprache. Deswegen gehört es dazu und wird auch erwartet.

"Wenn man Stand-Up-Comedy richtig macht, ist man sehr frei."


Musst du dich dann erst einmal „einschweizern“?
Total. Ich bin immer froh, wenn ich ein paar Tage vor einem Auftritt bei meiner Familie bin, weil der Kontrast für mich zu hart ist. Du kommst von der Bühne in Deutschland auf die Bühne in der Schweiz, das ist für mich sehr unangenehm. Eingrooven muss ich mich echt, ein bisschen akklimatisieren in der Schweiz. Dann geht es auch mit der Mundart.

Ehe man auf Solotour geht, hat man erst einmal sehr viele Ein-Paar-Minuten-Auftritte. Wusstest du immer, mit welcher Nummer du in der kurzen Zeit punkten konntest?
Ich bin ein sehr spontaner Comedian. Ich gehe auf die Bühne und gucke die Leute an. Es muss alles sehr schnell gehen. Ich fange mit etwas Leichtem an und kann die Leute dann einschätzen. Humor ist immer eine heikle Sache und gewisse Themen gehen bei gewissem Publikum. Ich schaue, wer sitzt da und worüber könnten die lachen. Und dann entscheide ich mich ganz schnell. Ich schaue vor Ort, was ich gerne mit den Leuten bequatschen möchte.

Du improvisierst also viel. Angst vor Texthängern hast du also nie?
Nein, Texthänger gibt es mittlerweile gar nicht mehr. Wenn man Stand-Up-Comedy richtig macht, ist man sehr frei. Bei mir sind Geschichten auch nie immer ganz gleich. Die Geschichten sind ja da, die sind in meinem Kopf. Ich bin kein Schauspieler, der 1:1 einen Text vorträgt. Ich erzähle, was ich gestern erlebt habe und das ist gespeichert. Ob ich es immer gleich erzähle, ist gar nicht wichtig. Deswegen gibt es so etwas wie Texte gar nicht mehr. Denn du vergisst die Story nicht, die du lustig fandst in deinem Leben. Die erzähle ich, wie sie gerade kommt. Natürlich sind gewisse Gags vorprogrammiert.

"Privat war ich nie der Lustigste von allen."


Und Sorge, dass eine Geschichte ein Rohrkrepierer sein könnte?
Wenn du neue Sachen probierst und das kommt nicht so gut - das gehört dazu. Du musst dich anpassen an die Geschichte. Wenn wirklich eine Stunde lang keiner lachen würde, dann weißt du: O.k., es lag nicht nur an dir. Du weißt ja, dass du nicht soooo unlustig bist. Das bleibt eben ein kleines Risiko im Comedianleben.

Die härtesten Kritiker hast du ja in der eigenen Familie.
Ja, meine Oma lacht über mich gar nicht. Sie guckt sich das an und schüttelt den Kopf. Sie entstammt einer ganz anderen Generation. Meine Familie findet mich o.k.-lustig. Sie sieht mich nicht als Comedian. Sie sieht mich als ihren Sohn und es fällt ihr schwer, das dann lustig zu finden. Die kennen mich halt auch ganz anders.

Ist es nervig, wenn die Leute denken, man wäre immer gut drauf und wäre immer witzig?
Es ist lustig, wenn Leute nach dem Auftritt zu mir kommen und mir einen Witz erzählen, weil sie hoffen, dass ich ihn dann auch erzähle auf der Bühne, was sehr selten vorkommt. Ich bin privat ein netter Typ, aber keiner, der einen Witz nach dem anderen reißt. Gar nicht. Ich kann nicht mal welche erzählen, bin sehr schlecht darin. Nervig ist das falsche Wort. Aber ich trenne das schon ein bisschen. Das eine ist die Bühne, wo man ein ganzes Programm macht. Aber privat war ich nie der Lustigste von allen.

"Eigentlich sind wir Comedians sehr langweilige Menschen."


Wie kamst du dann dazu, dich zu überwinden und die Leute auf einer Bühne zum Lachen zu bringen?
Ich habe diesen Drang schon. Wenn ich sage, dass ich abseits der Bühne nicht so lustig bin, dann stimmt das zwar. Aber ich habe dennoch diesen Drang, auf der Bühne lustig zu sein. Das muss man auch einfach trennen. Ein Tennisprofi schlägt auch privat nicht andauernd Bälle. Gerade wenn man das Vollzeit macht, fährt man privat ein bisschen runter. Aber ich hatte diesen Drang immer, diese Erkenntnis: „Hey, ich kann Leute zum Lachen bringen und habe darauf Lust.“ Dieser Drang muss immer da sein und war auch immer da.

Wenn du Geschichten aus dem Alltag erzählst, bist du ein guter Beobachter.
Ja. Wie die meisten Comedians, war ich auch schon immer. Und man wird es umso mehr, wenn man diesen Job macht. Deswegen bin ich vielleicht auch mal nicht so lustig. Ich beobachte immer erst einmal. Ich bin keiner, der gleich spricht. Ich gucke erst einmal, ich analysiere. Eigentlich sind wir Comedians sehr langweilige Menschen, glaube ich.

Warst du schon einmal in Erfurt? Wahrscheinlich bekommst du bei der ganzen Reiserei nur wenig mit von der Stadt.
Ja, das stimmt leider ein bisschen. Ich erinnere mich oft an Bahnhöfe. Ich bekomme sehr wenig mit. Manchmal habe ich Glück, dass ich eine Woche in Berlin spiele und habe Zeit. Gerade etwas größere Städte wie Hamburg, München oder Berlin finde ich gut. Ich kenne mich sehr gut aus mit Bahnhöfen, aber den Rest kenne ich leider wenig.

Termin

Alain Frei, „Neutral war gestern“, 1. November, 19 Uhr, Dasdie Live Erfurt, Tickets: 0361/551166, www.dasdie.de

Zur Person

Der Schweizer Alain Frei steht seit 2011 auf der Bühne, ist Mitglieder der Comedygruppe RebellComedy, hat zahlreiche Wettbewerbe gewonnen und war schon mehrfach im TV zu Gast.

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