Der Antiheld macht Musik: Songcontest „Gitarren statt Knarren“ - Die Thüringer Band Kimkoi singt in Winnenden gegen Waffen und Gewalt

Wann? 17.12.2014 19:00 Uhr

Wo? Hermann-Schwab-Halle, Albertviller Straße 11, 71364 Winnenden DE
Kimkoi-Gitarrist Lars Buchenau (links mit Sänger Michael Schock): Jenseits der Fassade. (Foto: Kimkoi)
 
Lars Buchenau: "Ich bin sehr kritisch und penibel, um Kitsch auszuschließen." (Foto: Kimkoi)
 
„Viel zu Jung“ beschreibt das Leben und das Heranwachsen eines jungen Menschen jenseits der Fassade der glücklichen Familie. Das Verborgene, was niemand sehen will und was doch viel zu oft passiert. (Foto: Kimkoi)
Winnenden: Hermann-Schwab-Halle |

Die Thüringer Band Kimkoi startet mit ihrem Debüt-Album gerade durch. Fünf Jahre nach dem Amoklauf spielt die Gruppe jetzt in Winnenden gegen Waffen und Gewalt. Ich sprach mit Gitarrist Lars Buchenau über das besondere Musikfestival, das aktuelle Album und über die Grenzen zum Kitsch.

Der Amoklauf von Erfurt liegt jetzt über zwölf Jahre zurück. Habt ihr Erinnerungen an diesen Tag?
Natürlich, bis zu diesem Tag waren ja Amokläufe an Schulen kaum greifbare Erzählungen von der anderen Seite des Ozeans und in diesem Land und diesem Ausmaß nicht vorstellbar. Ich glaube, mit dieser Tat hat sich viel verändert und ich kann mich gut an dieses Gefühl der Fassungslosigkeit erinnern. Irgendwie hat man den Atem angehalten und sich nur gefragt, wie es zu so etwas kommen konnte.

Was bedeutet es für euch gerade als Thüringer Band am Wettbewerb „Gitarren statt Knarren“ teilzunehmen?
Wir sind sehr stolz, an dieser Veranstaltung teilnehmen zu dürfen. Da Winnenden 2009 ja leider ein ähnlich dramatisches Ereignis durchleben musste und somit auch wie Erfurt als „Stadt des Amoklaufs“ gebrandmarkt wurde, verbindet uns doch irgendwie recht viel mit dieser Kleinstadt in Baden-Württemberg. Wir freuen uns sehr und halten es für sehr wichtig, diese Aktion zu unterstützen.

Ihr tretet mit euerm Song „Viel zu jung“ an. Worum geht es?
„Viel zu Jung“ beschreibt das Leben und das Heranwachsen eines jungen Menschen jenseits der Fassade der glücklichen Familie. Das Verborgene, was niemand sehen will und was doch viel zu oft passiert.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen?
Es ist meiner Meinung nach einfach sehr wichtig, solche Themen zu behandeln. Letztlich findet Missbrauch und Vernachlässigung von Menschen nicht nur in den Medien statt, sondern vielleicht schon in der Nebenwohnung oder im Nachbarhaus. Und immer noch denken die meisten wohl, es ginge sie nichts an.

Der Wettbewerb in Winnenden will der Gewalt etwas Hörbares entgegensetzen. Ist Musik dazu in der Lage?
Ich glaube, Musik kann sehr viel bewegen. Und sicherlich wird „Gitarren statt Knarren“ ein deutliches Statement setzen. Aber viele Aggressionen haben eher tiefe gesellschaftlich bedingte Ursachen und ob da Musik als Ventil ausreicht, muss sich erweisen.

Studioproduktionen, Auftritte, Geld - einige attraktive Preise gibt es zu gewinnen. Mit welchen Erwartungen tretet ihr an?
Ehrlich gesagt, erwarten wir nichts. Wir freuen uns, ein Teil dieser Veranstaltung zu sein und alles andere wird sich zeigen.

Ihr singt deutsche Texte, was sich viele Bands nicht trauen. Habt ihr keine Sorge, manchmal die Grenzen zum Kitsch zu übertreten?
Oh ja, diese Gefahr ist im Deutschen wirklich groß. Ich bin da aber sehr kritisch und penibel, um Kitsch auszuschließen. Ob das immer gelingt, liegt im Auge des Betrachters. Wir stehen auf jeden Fall hinter unseren Texten und sind sehr stolz, welche Inhalte wir auf unserer ersten Platte haben.

Eure Musik beschreibt ihr als wohltemperierten Minimalismus mit lebendig-hölzernem Charme. Was bedeutet das in der praktischen Umsetzung?
Dass der musikalische Teil die textlichen Inhalte rahmt, mal zart umspielt, um dann auch kontrovers gegen den Inhalt auszubrechen. Wir versuchen, bewusst Dinge anders zu tun, uns nicht an die üblichen Songstrukturen zu halten, ohne die Kompositionen zu überladen. Und dies bevorzugt mit der Nutzung akustischer Instrumente.

Im vergangenen Jahr wurdet ihr mit dem Thüringen-Grammy für den besten Live-Act ausgezeichnet. War dies der Startschuss, das Zeichen, dass alles gut zusammenpasst?

Dass alles gut passt und wir für uns etwas ganz Besonderes hatten, war schon recht früh klar. Dieses Projekt hat uns bisher so viel Freude gemacht, uns persönlich so viel weiter gebracht, dass wir jetzt schon sagen können, dass es all die Mühe und den Aufwand mehr als wert war.

Gerade erst ist euer erstes Studio-Album erschienen. Worum geht es in euern Songs?
Es geht oftmals um all die Dinge, die man in erfolgreichen Pop-Produktionen vermeiden sollte. Die Dinge, die weh tun und die ungern angesprochen werden. Vielleicht nicht die Themen, die man beim Feiern hören möchte, aber die, die existieren und jeder Mensch kennt. Ich möchte die Hörer gern dort treffen, wo es sie auch bewegt und nicht den x-ten Humpe-Aufguss veröffentlichen.

Das Album durchzieht eine melancholische Grundstimmung. Täuscht der Eindruck?
Natürlich gibt es diese Grundstimmung. Aber genau diese verleiht dem Album auch so viel Tiefe und wer sich darauf einlassen kann, wird unglaublich viel darin finden können.

Was bedeutet der Bandname Kimkoi?
Kimkoi bedeutet für uns, dass wir trotz all der Jahre, die wir schon Musik machen und texten, immer noch da sind und weitermachen. Neue Wege probieren und Spaß daran haben. Ganz egal, ob erfolgreich oder nicht. Kimkoi ist unser Antiheld, der uns diese Art von Musik ermöglicht.

Wo können euch die Thüringer in den nächsten Wochen erleben? Welche Termine stehen an?
Derzeit sind wir noch vorrangig in der Vorbereitungsphase. Wir spielen nur vereinzelt kleinere Konzerte und planen, im kommenden Jahr ausgiebig unsere Songs live zu präsentieren.


Hintergrund

- Fünf Jahre nach dem Amoklauf von Winnenden möchte ein Songcontest am 17. Dezember gegen Waffen und Gewalt „unhörbare, musikalische Zeichen“ setzen. Junge Bands und Songwriter waren aufgerufen, zum Motto „Gitarren statt Knarren“ eigene Lieder beim Wettbewerb einzureichen. Infos: www.gitarren-statt-knarren.de
- Beworben hat sich auch die Erfurter Band Kimkoi. Sänger Michael Schock und Gitarrist Lars Buchenau bilden gemeinsam mit Matthias Schneider (Bass), Timo Fritzen (Drums), Boris Tautorat (Gitarre), Frank Harke (Keys) und Johanna Wehr (Gesang und Geige) das Grundgerüst der Band. Infos: www.kimkoi.de
- Während der Aufnahmen zu ihrem Debütalbum wurden die Thüringer von vielen Künstlern unterstützt, darunter Richard Pappik (Element of Crime), B. Deutung, Sven Regener, Anne Hoffmann und Jorita Solf, Michael Murauer und „Der Reimteufel“.

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2 Kommentare
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Hannelore Grünler aus Artern | 21.11.2014 | 18:03  
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Renate Jung aus Erfurt | 22.11.2014 | 18:49  
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