Der einsame Künstler: Ulrich Seidel spielt das Carillon im Erfurter Bartholomäusturm

Ulrich Seidel an der Tastatur des Carillons, dem "Stokkenklavier". Die Glocken werden auf rein mechanischem Weg angeschlagen.
 
Der Bartholomäusturm am Erfurter Anger.
Erfurt: Bartholomäusturm | Der Erfurter Autor Ulrich Seidel ist vielseitig: Er schreibt nicht nur Bücher, sondern spielt zum Beispiel das Carillon - ein Glockenspiel - in luftiger Höhe im Erfurter Bartholomäusturm.


Es fühlt sich merkwürdig an. Ulrich Seidel nimmt vor der Tastatur Platz. Sie ist der eines Klaviers nachempfunden, nur rustikaler, mit großen hölzernen Tasten. Um sie zu spielen, braucht es Kraft. Doch das ist nicht das Merkwürdige daran: Beginnt er, den Glocken die Melodie zu entlocken, weiß er nicht, ob ihm jemand zuhört. „Eine durchaus einsamt Tätigkeit.“ Das ist das Los der Carilloneure, also jener, die ein solches Glockenspiel - das Carillon - betätigen. Denn meist befindet es sich in einem Turm.


In Ulrich Seidels Fall sind das 28 Meter Höhe, die ihn von seinem von dicken Mauern unsichtbar gemachten Publikum trennen. Der Erfurter Autor und Musiker spielt das Carillon im Bartholomäusturm, kümmert sich im Auftrag des Stadtmuseums auch um die Organisation von Konzerten und den Erhalt des Glockenspiels. Seit 1979 beherbergt der Turm am westlichen Anger die 60 Bronzeglocken, sie bringen ein Gesamtgewicht von 13 Tonnen auf die Waage. Die größte mit einem Durchmesser von etwa anderthalb Metern wiegt 2393 Kilogramm, die kleinste zehn.

Eines der klangschönsten Carillons


„Das Erfurter Carillon gilt als eines der klangschönsten, vielleicht auch, weil recht tiefe Glocken verbaut wurden“, sagt Ulrich Seidel, der vor mehr als fünf Jahren das ungewöhnliche Instrument in sein Herz geschlossen hat. „Ich komme nicht mehr von ihm los!“ Nicht nur jede einzelne klinge gut, die Stimmung der Glocken untereinander sei ebenfalls sehr harmonisch, erweist er noch heute dem Können des Apoldaer Glockengießers Peter Schilling Ehrerbietung. Er ist glücklich, dass das Carillon täglich erklingt. Um 10, um 12 und um 18 Uhr ist - mechanisch gesteuert - eine Melodie zu hören, mal ist es Mozart, mal ein Frühlingslied, dann wieder Weihnachtliches oder eine Volksweise. 74 Stücke stehen zur Auswahl, es sollen bald mehr werden.

Glocke trifft Schlagzeug


Am schönsten aber ist es, wenn Ulrich Seidel oder einer der Gast-Carilloneure, die bisher aus Belgien, Frankreich, Dänemark, Japan, den Niederlanden und den USA kamen, ein Konzert geben. Das geschieht übers Jahr verteilt. Der Erfurter selbst liebt es dabei, zu improvisieren. Oder auch mit anderen zu spielen. Carillon und Schlagzeug, Carillon und Dudelsack etwa. Die eher nostalgisch klingenden Glocken und moderne Musik vertragen sich gut, hat er schon mehrfach erfahren. Aber auch die Klassiker sitzen längst in seinen Fingern. Seit er sich im Jahr 2009 entschied, die Nachfolge des langjährigen Carilloneurs anzutreten, hat er nicht nur unzählige Übungsstunden an der Orgel absolviert, sondern auch in Belgien an der Königlichen Glockenspielschule Unterricht genommen.


In jeder Woche zieht es ihn zu „seinem“ geliebten Carillon. 133 Stufen nach oben. Er sieht nach dem Rechten, kümmert sich um die Glocken, übt neue Variationen. Das erfordert viel Zeit, die Ulrich Seidel gern investiert. „Ich halte es für sehr wichtig, die besondere musikalische Klangfarbe für Erfurt zu erhalten.“, sagt er und freut sich auf die neue Konzertsaison. Auch, wenn er von da oben nicht sehen kann, wie viele Leute stehenbleiben, um dem Carillon zu lauschen. „Na gut“, gibt er lächelnd zu, dass manchmal der Applaus doch bis in an seinen Spieltisch in luftiger Höhe dringt.




Wissenswertes:



- Ein Carillon (sprich „Karijong“) ist ein großes Glockenspiel, das sich meist in einem Turm oder einem eigens errichteten Bauwerk befindet. Es besteht aus chromatisch oder diatonisch gestimmten Glocken, die mittels einer Klaviatur durch einen Spieler oder mechanisch gespielt werden können.


- Der Name Carillon ist von „quatrillionem“ abgeleitet, dem rhythmischen Anschlag von vier Glocken, wie er bereits im 14. Jahrhundert von Turmwächtern angewandt wurde.


- Seinen Ursprung hat das Carillon in Belgien, den Niederlanden und Nordfrankreich. Das erste gestimmte Carillon wurde 1652 von Pieter und Francois Hemony gegossen und in Zutphen aufgebaut.


- Die Klöppel der Glocken oder außerhalb der Glocke angeordnete, federnd gelagerte Hämmer sind mittels Zugdrähten und Kipphebel mit den Tasten des Spieltisches verbunden und werden mechanisch von dem Carilloneur gespielt.


- Die Niederlande haben den größten Bestand an Glockenspielen weltweit: insgesamt 806. In Deutschland sind es 43 Carillons. In Thüringen gibt es auch in Mühlhausen, Gera, Saalfeld und Altenburg ein Carillon.


- 1977 beschloss die Stadt Erfurt die Errichtung eines Carillons im Bartholomäusturm am Anger, es war seinerzeit das größte in der DDR, ist heute das fünftgrößte deutschlandweit. Konzipiert und geschaffen wurde es von Peter und Margarete Schilling, den Guss der Bronzeglocken übernahm der VEB Glockengießerei Apolda. Die Einweihung war am 7. Oktober 1979.


- Täglich erklingt um 10, 12 und 18 Uhr das Carillon im Bartholomäusturm, mechanisch wird eine der 74 verschiedenen Melodien gespielt.


- Führungen zum Erfurter Carillon sind auf Anfrage möglich. Weitere Infos: www.stadtmuseum-erfurt.de, www.glockenspieler.de, Kontakt zu Ulrich Seidel: www.ansichtssache-erfurt.de.

Und so klingt das Erfurter Carillon:


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