Der Fahrzeug-Chirurg aus Blankenhain

In seinem Element: Horst Semsch auf seiner Jawa 350. Eigenhändig hat er das 1957er-Modell restauriert. Bei Ausflügen staunen Betrachter regelmäßig.
 
Horst Semsch mit französischen Fahrrad-Motor, welcher über dem Vorderrad angebracht ist.
Blankenhain: Schloss | Horst Semsch aus Blankenhain hat in 20 Jahren rund 120 Motorräder, Mopeds und Autos restauriert


Was für ein Klang? Was für ein Abgas-Geruch? Typisch Jawa 350. Jugendträume werden wahr.

Bei Horst Semsch (73) aus Blankenhain sieht das Starten des tschechischen Zweitakt-Oldtimers von 1957 wie Liebkosen aus. Wenn er fährt, wird er eins mit den Zweizylindern, die 14 PS erarbeiten und das 135 kg schwere Motorrad samt Fahrer auf 115 km / h Spitzengeschwindigkeit bringen. Vor zwei Jahren hat Horst Semsch die Jawa restauriert. Obwohl der Patient eigentlich klinisch tot war. "Es gibt nichts Schöneres, als wenn ich den Motor nach einem Jahrzehnte währenden ‚Dornröschenschlaf‘ wieder rund laufen höre", sagt Semsch.

Seine Liebe zu diesem Gefährt kommt nicht von ungefähr. In den 1950er-Jahren montierte er diese Motorräder als Kfz-Verkäufer in Rudolstadt. Die Jawas kamen zerlegt in Holzkisten aus Tschechien. Doch chirurgisch genau setzte Horst Semsch die Bausätze zusammen. Nach seiner Armeezeit nannte er 1961 eine nigelnagelneue Jawa 350 sein Eigen - für 3600 Mark. Sie wurde gehegt und gepflegt.

Viele Jahre schlummerte dann als Gymnasiallehrer das Bastel-Operations-Fieber in Horst Semsch. Erweckt wurde es durch seine Kinder, die ihm zum 50. Geburtstag 1990 einen symbolischen Motorrad- Heilungs-Gutschein schenkten. Und es wurde natürlich eine Jawa 350. Alsbald erstrahlte der Oldtimer wie neu. Damit war der stolze Besitzer gänzlich infiziert mit dem Oldtimer-Virus.

Horst Semsch beschränkte sich nicht allein auf die Wiederbelebung von Jawa- Modellen. So wurden Trabis in pinkfarbene Cabrios umoperiert. So hauchte er acht Velorex - tschechische Dreiräder als Versehrten- Zweisitzer mit Jawa-Motor - neues Leben ein. Zig MZ, Simson-Mopeds und ein Simson-Lastendreirad wurden originalgetreu wiederbelebt. Zwei bis drei Monate doktert "Oldi"-Semsch an einem Fahrzeug-Patienten - vom Auseinandernehmen, über Sandstrahlen, Lackierung bis zur Reha, sprich Probefahrt. Nur sein "verrücktestes" Projekt - die Krankengeschichte der BMW Isetta aus den 1960er-Jahren - beschäftigte ihn zwei Jahre. "Das war Neuland für mich. Da musste ich viel recherchieren", sagt er.

In den vergangenen 20 Jahren gingen rund 120 Fahrzeuge durch die Oldtimer- Chirurgie in Blankenhain. "Ich brauche immer etwas zu tun", sagt Horst Semsch. Jetzt will der Fahrzeug-Doktor nur noch kleine "Oldis" heilen. Seine Vorliebe gilt der "Schnapsglasklasse" (bis 50 ccm). So hat Horst Semsch Fahrräder mit Anbaumotoren wieder fahrbereit operiert. Der jetzige französische Patient Velosolex hat den Motor an der Vordergabel. Die Diagnose ist gestellt und erste Ersatzteile - per Internet bestellt - sind längst für das 0,8-PS-Mofa eingetroffen - die OP kann beginnen.

"Es ist einfach nur schön - das Kribbeln vor dem Start. Ein erster Patscher als Lebenszeichen. Dann läuft der Motor. Das ist wie Babygeschrei nach der Geburt", schwärmt Semsch. Bleibt zu hoffen, dass er mit seinen zwei Jawa-Freunden oder mit anderen Gefährten bei Ausflügen weiterhin für Staunen und Aufmerksamkeit sorgt.


Hintergrund

• Jawa ist ein tschechischer Motorrad- und Autohersteller.
• Bis Ende 1988 wurden über „Motokov“ zirka 2 373 000 Jawa-Motorräder
in 120 Länder exportiert.
• Der Betrieb entstand 1929 aus einer Munititionsund Waffenfabrik, als der
Besitzer František Janeček die Lizenz zur Produktion eines Motorrades mit 500
ccm von der deutschen Manderer-Werke-AG erwarb.
• Aus Janeček und Wanderer wurde Jawa.
• Heute produziert Jawa noch in Týnec nad Sázavou.
• Das Jawa-Museum befindet sich in Benešov.
• Die Velorex hat vier Vorwärts- und vier Rückwärtsgänge. Die Ingenieure
ließen – durch Umschalten im ausgeschalteten Zustand – den Motor einfach


• Horst Semsch sorgten mit seinen Fahrzeugen für Aufsehen bei zig Oldtimerfahrten. Zwei Mal errang er den ersten Platz bei der Hessen-Thüringen-Rudnfahrt in der Klasse 7 bis 250 ccm. Der Oldtimer-Chirurg hat über 30 Pokale zu Hause stehen.
rückwärts laufen.
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4 Kommentare
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Dieter Pemsel aus Weimar | 26.11.2013 | 16:48  
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Ronald Koch aus Ilmenau | 27.11.2013 | 11:16  
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Dieter Pemsel aus Weimar | 27.11.2013 | 16:40  
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Dieter Pemsel aus Weimar | 29.11.2013 | 08:23  
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