Der Schalk wird mit modelliert

Seine Figuren haben den Schalk im Nacken. Wie er selbst...
  Ein Klumpen Ton. Rainer Linse sieht bereits mehr darin, für ihn ist er ein Kopf. Als erstes fordern seine Finger dem geschmeidig gemachten Material eine Nase ab. Knubbelig ist sie, ragt frech hervor. Die gleich darauf geformten Lippen passen perfekt dazu. Spätestens, wenn die Kulleraugen ihren Dienst aufnehmen, ringt das neue Gesicht dem Betrachter ein Lächeln ab. Selbst, wenn sie versuchen, düster dreinzublicken.

„Für meine Figuren habe ich keine realen Vorbilder.“, sagt Keramikkünstler Rainer Linse, nach Ähnlichkeiten mit lebenden Personen befragt. Im Gegenteil zu den Liebhabern seiner Werke. Die sehen in dem einen oder anderen Gesicht immer einen, den sie kennen. Den Nachbarn, den Freund, den Großvater. Rainer Linse nickt und lacht, fast ein wenig spitzbübisch.

 Genau wie seine Figuren, vor allem die Witzbolde. Jedem von ihnen scheint er den Schalk in den Nacken gleich mit zu modellieren. Da stehen Pfarrer mit unterschiedlichen Ansichten zusammen und versuchen, bedeutsam auszusehen, daneben dralle Krankenschwestern und verdutzte Patienten, verschmitzt grinsende Ganoven, verdattert dreinschauende Polizisten und fröhlich fidelnde Musiker. Dazu tanzen leichtfüßig Elefanten, Katzen tun jaulend ihre Meinung kund, und die Giraffe beginnt vor lauter Vergnügen zu schielen...
 „Wenn ich anfange zu modellieren, habe ich die Figur nicht genau im Kopf“, erzählt der Künstler. Unter seinen Händen erst entwickelt sie sich, nimmt Form und Charakter an. Ein wenig hängt das Ergebnis auch davon ab, in welcher Stimmung der Macher gerade ist.

 Doch nicht nur Witzbolde entschlüpfen Rainer Linses Händen. Auch Tiere wie Dinosaurier für eine Ausstellung, Büffel, Affen oder Elefanten – nicht ganz in Lebens­größe – lässt er ent­stehen. „An solchen arbeite ich besonders gern“, gibt er zu. Sie zu schaffen, macht zwar viel Arbeit, aber vor allem eine Menge Spaß.

 Eine andere Facette zeigt der Witzbold-Former mit seinen Frauenfiguren.
Irgendwann einmal, wenn er noch mehr davon geschaffen hat, würde er sie gern ausstellen. „Davon träumt doch jeder Künstler“, denkt er laut und wirft einen liebevollen Blick auf die Stücke. Sie sind ganz anders als die Witzbolde, nackte Schönheiten ohne Gesicht, sich ihrer lockenden Weiblichkeit durchaus bewusst. Irgendwann, so weiß Rainer Linse, wird sein Traum in Erfüllung gehen. Schließlich hat er schon erlebt, wie Wünsche Wirklichkeit werden: Der Künstler schlummerte immer schon in ihm. Trotzdem wurde er Maurer und Gebäudereinigungsmeister, Kunst ließ man ihn nicht studieren. Ab und zu hat sich der junge Rainer im Modellieren versucht, Übertöpfe, das war damals gefragt und kam gut an. Doch den großen Schritt wagte er erst viel später, Jahre nach der Wende. In der Möbisburger Töpfermühle durfte er seine Fähigkeiten vervollkommnen und begann Figuren zu modellieren. „Töpfern kann ich aber nicht“, stellt er gleich klar. Und lacht dazu. Das tut er besonders gern. Und gibt seinen Figuren von diesem Lachen ab.

Heute hat er sich längst als Keramikkünstler einen Namen gemacht, ist beim Erfurter Weihnachtsmarkt dabei, wäre es auch gern einmal beim Töpfermarkt. Es wäre auch schade, hätten sich die Witzbolde nie hinter Rainer Linses gemauerten Wänden hervorgetraut.

INFOS: www.rainer-linse.de
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