Dialektsterben in Thüringen? Sprecher gesucht!

historischer Wenkerbogen aus Erfurt, Ende 19.Jhd.
Seit mehreren Jahrhunderten sagen dialektologische Forscher ein Aussterben der Dialekte im deutschen Raum voraus. Spätestens in der übernächsten Generation, so wurde und wird stets befürchtet, sei von den Dialekten nichts mehr übrig. Betrachten wir nun zum heutigen Zeitpunkt die sprachliche Situation in Deutschland, so fällt auf, dass es nach wie vor eine große Vielfalt an regionalen Sprechweisen gibt, sogar innerhalb der einzelnen Bundesländer. Im Eichsfeld beispielsweise begegnen wir anderen Ausdrücken als im Hennebegischen rund um Meiningen, und in Sonneberg wird deutlich anders gesprochen als in Erfurt.

Bewegen wir uns tatsächlich darauf zu, dass alle Deutschen bald nur noch eine einheitliche Standardsprache sprechen, die sich anhört wie in Funk und Fernsehen? Mit diesen und anderen Fragestellungen beschäftigt sich das bundesweit derzeit größte, geisteswissenschaftliche Forschungsprojekt „Regionalsprache.de“, das am Deutschen Sprachatlas in Marburg, dem weltweit ältesten Forschungsinstitut für deutsche Sprache, angesiedelt ist. Für die wichtige Erforschung des Thüringischen Sprachraums werden in diesem Zusammenhang dringend Sprecher aus Erfurt gesucht (weitere Informationen dazu finden Sie am Ende dieses Artikels).

Dialekte, so alt wie die deutsche Sprache selbst, sind lange Zeit die einzige Sprache überhaupt gewesen, mit der sich die Leute im Alltag verständigt haben. Eine überregionale Sprechweise war aufgrund der geringen Mobilität gar nicht nötig. Den entscheidenden Einschnitt gab erst die Einführung und Verbreitung der einheitlichen neuhochdeutschen Schriftsprache im gesamten deutschen Raum durch den Buchdruck. In Kirchen wurde nach dieser Einheitsschriftsprache gepredigt und in Schulen wurde sie durch chorisches Vorlesen ebenfalls als gesprochene Sprache vermittelt. Dieses Aussprechen der Schrift führte aber keinesfalls dazu, dass nun plötzlich in allen Regionen Deutschlands gleich gesprochen wurde. Die Sprecher der einzelnen Regionen brachten ihren muttersprachlichen Dialekt bei der Aussprache der Schriftzeichen mit ein. Wenn es also z.B. im Dialekt von Erfurt kein „t“ gab, so wurde beim Aussprechen dieses schriftlichen Zeichens der nächstmögliche Laut, das „d“, dafür verwendet.

Erst in den 30er Jahren des 20.Jahrhunderts wird mit dem Rundfunk eine Standardsprache verbreitet, die überall in Deutschland (fast) gleich klang. Im Vergleich erschien den Menschen ihre gesprochene Schriftsprache plötzlich als Dialekt. Im wissenschaftlichen Kontext wird dieses ehemals ausgesprochene Schriftdeutsch als Regiolekt bezeichnet. Diese Regiolekte sind bis heute im Alltag vielerorts präsent, so dass wir eine regionalsprachliche „Färbung“ der Sprache häufig beobachten können. Als Resümee können wir also sagen, dass eine Veränderung der alten Basisdialekte hin zu dem Gebrauch von Regiolekten tatsächlich stattgefunden hat, jedoch eine gänzliche Verdrängung der Regionalsprachen durch die überregionale Standardsprache bis heute nicht erfolgt ist. Einzelne Merkmale wie die Aussprache des „ch“ als „sch“, wie in „mansche“ für schriftsprachlich „manche“ oder „k“ für „g“ in bestimmter lautlicher Umgebung (Beispiel „krün“ für „grün“) finden wir vielerorts in jüngeren Generationen sogar häufiger als bei älteren Sprechern.

Wie dieser bisher noch weitestgehend unerforschte Regiolektgebrauch in den einzelnen Regionen Deutschlands genau aussieht, das erforscht das bereits erwähnte Projekt „Regionalsprache.de“, welches in Kooperation mit dem Bundeskriminalamt und der Akademie der Wissenschaften steht. Für die Stadt Erfurt suchen wir deshalb auf diesem Wege dringend Sprecher. Um der Einheitlichkeit innerhalb der Studie willen müssen die Sprecher männlich sein, sie müssen ebenso wie ihre Eltern in Erfurt geboren und aufgewachsen sein und die Stadt noch nie länger als ein Jahr verlassen haben. Mundartliches Expertentum ist für die Teilnahme nicht nötig, man muss auch nicht Dialekt sprechen können. Sie sollten lediglich der Altersklasse 18 – 21, 45-55 Jahre oder 65+ angehören. Die Teilnehmer der jüngsten Gruppe sollten zudem Abitur haben oder anstreben. Die Sprachaufnahmen werden in Erfurt durchgeführt und mit einer Aufwandsentschädigung von 30€ vergütet. Bei Interesse melden Sie sich bitte bei Josephine Rocholl (rocholl@staff.uni-marburg.de oder telefonisch unter 06421/2824986). Weitere Informationen finden Sie unter: www.regionalsprache.de. Um neben den anderen 150 Orten deutschlandweit auch Erfurt mit in unsere Forschung einbeziehen zu können, sind wir auf Ihre Hilfe angewiesen!
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5 Kommentare
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Thomas Twarog aus Erfurt | 07.03.2011 | 15:18  
3.050
Antje Hellmann aus Jena | 07.03.2011 | 16:08  
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Josephine Rocholl aus Erfurt | 07.03.2011 | 17:02  
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Gerald Kohl aus Erfurt | 07.03.2011 | 20:33  
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Gerald Kohl aus Erfurt | 08.03.2011 | 08:50  
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