Die Herrin der Gewänder

Gewandmeisterin Susanne Ahrens beim Zuschneiden der Stoffe. Am liebsten fertigt sie Fantasie- oder historische Kostüme. „Ein schwarzer Anzug ist natürlich auch okay.“
 
Mal wird gebügelt, ein anderes Mal alles extra zerknittert.
Erfurt: Theater | „Einen Sykora erkenne ich sofort“, gesteht Susanne Ahrens. Sie meint damit nicht etwa den Herrn Bühnen- und Kostümbildner höchst­persönlich, sondern seine ­„Figurinen“. So heißen die meist gezeichneten Kostümbilder, die als Vorlage für die Kostümfertigung dienen. Und die von Peter Sykora sind immer schon kleine Kunstwerke an sich, bis ins kleinste Detail liebevoll aufs Papier gebracht. Eine Steilvorlage für die Gewandmeisterin.

„Im Laufe der Jahre weiß man mit jedem dieser ­Modellbilder umzugehen, ich kenne die Personen dahinter und ahne, was sie wollen“, spricht Susanne Ahrens von ihrer langjährigen Erfahrung. Und bei jedem einzelnen Kostüm packe sie der Ehrgeiz, es genau so umzusetzen, wie es gewünscht ist. Die Gewandmeisterin und die vielen anderen Experten in der Ko-stümschneiderei des Erfurter Theaters geben ihr Bestes. Sie suchen die Stoffe aus, besprechen den Schnitt, fangen an zu nähen. Doch nicht immer schlüpft der beim Zeichnen erträumte Darsteller später in das Kostüm. Dann muss es verändert, angepasst werden. Auch nach ersten Anprobe kommen Nadel und Faden meist noch einmal zum Einsatz. Selbst danach ist ein Kostüm nicht ganz fertig.

„Bei der Hauptprobe für ein neues Stück bin ich immer dabei, auch sonst bei vielen Proben“, erzählt Susanne Ahrens, die dabei genau hinsieht. Dem im Atelier traumhaft wirkenden märchenhaften Mantel steht plötzlich das Bühnenlicht nicht gut zu ­Gesicht, eine andere Farbe muss her. Oder eine Schauspielerin muss derart viel auf der Bühne umherrennen, dass sie das schöne, lange Kleid daran nur hindert. Manche der Gewänder entwickeln sich auch erst im Laufe der Probenzeit. Und andere sind nach der Fertigstellung viel zu schön, zu neu. Für das Stück „Warten auf Godot“ zum Beispiel mussten etliche der Kostüme richtig mitgenommen aussehen, schön knittrig und arg schmutzig. Da wird das Ganze nachbearbeitet – mit Schminke und Farbe, zur Not auch mit der Drahtbürste. Selbst, wenn dabei das Herz einer Gewandmeisterin ein wenig blutet...

In diesen Wochen beschäftigt vor allem „Der Trank der Unsterblichkeit“ die ­Damen und Herren hinter den Kulissen. Für die Uraufführung Ende April müssen für die männlichen Darsteller mindestens 100 Kostüme gefertigt werden, für die Damen sind es, so schätzt die Gewandmeisterin, zwischen 60 und 80. Zu tun ist immer. „Und das ist auch gut so. Hier wird es niemals langweilig, die Arbeit ist immer wieder neu und interessant“, schwärmt Susanne Ahrens. Den Job hat sie vor gut 20 Jahren von der Pike auf gelernt. Nachdem sie Schneiderin geworden war, ließ sie sich in Hamburg zur Gewandmeisterin ausbilden. „Ich wollte immer schon etwas Handwerkliches machen. Dass ich dabei auch noch zum Theater gekommen bin, ist für mich ein echtes Glück“, sagt die 43-Jährige.



Hintergrund

• Rund 20 000 Kostüme beherbergt der Fundus des Erfurter Theaters, außerdem 3000 Kopfbedeckungen.

• Zwischen vier und vierzig Stunden dauern die Arbeiten an einem einzigen Kostüm, je nach Beschaffenheit und Ausstattung.

• Für einen Kostümsatz für den Chor (40 Personen) bei den DomStufen-Festspielen benötigt die Gewandmeisterin mindestens 300 Meter Stoff.
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