Die Himmel der Unfassbarkeit

dieses Gefühl entsteht im Angesicht der Weite unserer Welt. Aber jetzt, im Krankenhaus, nehme ich nur einen kleinen Zipfel davon wahr. Die Mitpatienten wechseln. Es ist wie in einem Karussell. Im gemischten Zimmer auf der Wachstation war da der charmante ältere Herr mit dem schönen Namen Ernst-Georg-Werner, der mich fröhlich unterhalten hat. Wir hatten so viel Spaß, dass ich beinahe vergessen habe, dass mein Herz gerade erst repariert wurde. Frau Anneliese begrüßte mich auf der Normalstation „Grün 1.“ Sie ist Jahrgang 1914. Die 97 Jahre waren kaum zu spüren. Sie wohnt in einem kleinen Dorf in der Nähe von Eschwege. Zwischen den Festtagen war sie bei der Tochter in Gebesee zu Besuch. Die neue Umgebung, die Aufregung, da machte ihr Kreislauf nicht mehr mit. Trotzdem wollte sie so bald als möglich wieder nach Hause; denn sie ist eine liebevolle Katzenmutti. Wir konnten Erfahrungen austauschen, weil ich die Katze Trixi zu Hause habe. Allerdings ist Trixi eine verwöhnte Katzendame und Anneliese sorgt für die Katzen ihres 150-Seelen-Dorfes. Sie ist der Jahrgang meiner Eltern, die leider schon verstorben sind. Das war die Generation, die die Nachkriegsgesellschaft aufbauten und oft Verzicht im Lebensalltag üben musste. Wer denkt heute schon darüber nach?
Nun kommt Eveline. Mit Mitte 50 ist sie hier auf der Station ein junger Hüpfer. Noch keine 5 Minuten da, legt sie sich mit der Schwester an, die die Essenswünsche erfassen will: „Alles schlechte Lebensmittel, ich will keine Nudeln, kein Fleisch, keine Wurst; sonst gehen meine Diabeteswerte in die Höhe.“ Mit viel Geduld und Freundlichkeit lässt sich die Essens-Dame nicht aus der Ruhe bringen. Auf meine Frage: „Welcher Arzt so was angeordnet hat“, wird sie sofort pampig. Endlos eröffnet Eveline ihre suizidaten Gedanken: „Keiner liebt mich und braucht mich.“ Ich lenke ihren Blickwinkel auf andere Situationen und Möglichkeiten. Schuld an allem sind immer die anderen, die Männer, die Kolleginnen, die eigenen Kinder, die Betreuer usw. Sie hat ihr Leben schon vor vielen Jahren komplett an die Wand gefahren. Ihre Stütze ist eine psychoatrische Station, die sie langfristig aufgebaut hat; „aufpäppeln“, wie Evi selbst sagt. Stolz ist sie darauf, dass sie drei Bilder für die Ausstellung dieser Station beigesteuert hat. Es sind drei Frauen zum Thema „Kampf“, „Macht“ und „Weiblichkeit“, was immer das bedeuten soll. Es ist eine geschlossene Abteilung; deshalb sind die Bilder nicht öffentlich zu sehen.
Sonntag, 6.1.13, Tag der Erscheinung des Herrn, Abschluss der Weihnachtszeit.
In der katholischen Kirche ist die Taufe Jesu zugleich seine Menschwerdung im geistigen Sinne. Es ist auch der Dreikönigstag. Heute ziehen die Sternsinger nach dem Gottesdienst im Erfurter Dom in die weite Welt hinaus und sammeln Gelder für Hilfsprojekte. Das ist eine gute, karitative Sache, finde ich. Unser Schicksal bietet immer unerwartete Möglichkeiten. Am 24.12. konnte ich leider keinen Gottesdienst besuchen und nun bin ich hier unerwartet im St. Nepumuk-Krankenhaus bei einem dieser festlichen Andachten. Glanz und Gloria und Abendmahl für Herz und Seele. Da erinnere ich mich an meinen Neffen Ralf. Er erzählte voller Stolz die Weihnachtsgeschichte und schloss mit den Worten: „Das Kind kriegte Gold, Weihrauch und Möhrchen geschenkt.“ Aha, nicht nur der Geist, sondern auch der Magen sollte was abbekommen!
Schwester Helene von den Vinzentinerinnen lacht über die Möhrchen. Freundlicherweise hat sie mich heute, zum Sonntag herumgefahren und über das KKH informiert. Die Schwestern Annett und Rosaria weilten unterdessen auf Grün 1. Im Zimmer ist jetzt die 88-jährige Martha Krämer aus Elgersburg, die inzwischen im Steigerwaldheim lebt. Sie bekam einen Herzschrittmacher. Das Krankenzimmer sah anders aus als das Heimzimmer; das gewohnte Katzenbild fehlte, die Fenster waren auf der anderen Seite. Martha war irritiert, aber jetzt ist sie wieder gut drauf.
Ein Krankenhaus ist immer ein geschlossener Kosmos für sich; Freud und Leid, Tränen und Lachen gehören dazu. Und es ist für mich noch nicht zu Ende. Auch im KKH gibt es Neues.
Nächsten Sonntag wird mit einem öffentlichen Gottesdienst das Ambulanzzentrum eingeweiht, das Ende Januar in Dienst geht.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige