Die Liebeste

Noch ist es Sommer. Es ist diese wunderschöne Zeit, in der auch die Enkelkinder öfter zu Besuch kommen.
Ich mag unsere kleine Freya. Fünf Jahre ist ein süßes Alter. Nun war sie wieder zu einem Kurzbesuch bei Oma und Opa. Noch nicht richtig durch die Tür, rief sie schon: "Opi, hol´ die Puppenstube runter!"
Genau genommen ist es eine Kombieinrichtung; unten die Waldkaufhalle "Eichhörnchen" und im Dachgeschoss eine Puppenstube. Das war mal unser "Traumhaus".
Als unsere Tochter im Alter von Freya war, studierte der Papi noch und insgesamt hatten wir wenig Geld, obwohl es rückblickend eine schöne Zeit war. Offiziell gab es ja damals kein "Glück" - ich bleibe trotzdem bei meiner Meinung!
Die Bäume und Pilze im Eingangsbereich der Kaufhalle wackeln schon und müssen nachgeklebt werden. Dafür sehen die Plexiglas-Schwingtüren mit den schicken Metallgriffen noch top aus. Das Schaufenster ist leer, denn Freya dekoriert nun gerade um.
Die Kaufhalle hat ein komplettes Sortiment an Back-, Fleisch-, Fisch- und Käsewaren sowie Obst und Gemüse. Letzteres habe ich früher aus härtbarer Knetmasse geformt: Blumenkohl, Gurken, Möhren, Erdbeeren, Kirschen usw.
Die Kaufhalle ist schon als Selbstbedienungsladen gestaltet. Die Regale sind offen und in der Halle gibt es einen Rundgang mit Körbchen durch die angebotenen Waren in Verkaufsschalen und Getränkekästen. Verpackungsständer, Tüten, Wagen und Gewichte vervollständigen den Laden. Die Kasse ist ein Liebhaberstück; sie klingelt beim Eindrücken des Betrages und das Geldfach öffnet sich.
Dieses große Holzhaus war einst ein Bauernhof und stand kaputt beim Müll. Eine Dachseite war defekt und nach dem Entfernen wurde ein schöner Raum frei - eben die heutige Puppenstube. Rechts befindet sich eine Spielecke, in der Mitte ein Esstisch und links ist das Schlafzimmer. Es gibt Stühlchen und Stubenwagen für die Babys. Ferner ein Schaukelpferd und ein Kasperle-Theater mit beweglichen Figuren. Die Lampen sind elektrifiziert.
Ein Jahr lang haben wir damals gewerkelt und sind durch die halbe Republik gereist. Zum Weihnachtsfest 1978 bekam unsere Haike dieses Puppenhaus. Seitdem entzückten all diese liebevollen Details mehrere Kindergenerationen. Schaut man auf die Verpackungen, so kann man lesen: "Spee, IMI, ATA, SiL" oder "Freitaler Kloßmehl", "Kinder-Hafermehl fein", "Reismehl", "Kina". Daran und am Spielgeld kann man erkennen: Es sind DDR-Waren. Doch das stört kein Kind beim Spielen.

Ich habe mir die Brötchen im Sortiment angesehen und dabei fiel mir der alberne Disput in der TA ein. Bäcker-Innungsmeister schreiben in der Zeitung, dass heutzutage Mehl und Hefe anders sind, deshalb gäbe es keine DDR-Brötchen mehr. Andere Verbraucher sagen: "Weg mit den DDR-Brötchen; damit soll doch bloß die Vergangenheit verklärt werden!"
Wieder andere meinen, diese Brötchen hätte es schon gegeben, als die DDR noch gar nicht existierte. Vielleicht stammen sie aus dem Deutschen Reich oder es sind Nazi-Brötchen?
In der Tat: Als meine Großmutter 1897 eingeschult wurde, regierte noch ein Kaiser in Deutschland. Zu Kaisers Geburtstag gab es für die Schulkinder Kaisersemmeln mit Milch zum Eintunken. Omi Lene sprach auch später noch ganz begeistert davon. Zu DDR-Zeiten war man in dieser Hinsicht tolerant; niemand wollte ihr das ausreden.
Was mich persönlich betrifft, so waren die aufgeblasenen Westbrötchen, die es ab 1990 gab, nicht mein Ding. Biss´ man rein, klatschte alles zusammen. Unser Bäckerwagen verkauft die geliebten, den Ossis bekannten Brötchen, und niemand politisiert das. Mal ehrlich, wir haben heute doch auch ganz andere Sorgen!

Auch das schönste Spiel wird irgendwann langweilig. Freya erzählte aus ihrem Kinderalltag.
"Omi, ich bin zur Liebesten in der Bienen-Gruppe gewählt worden. Yasino ist der Stärkste. Der hat sogar schon mal Bruno verhauen!" Ja, das sind Qualitäten.
Inzwischen hat Freya all meine "Geheimschränke" durchwühlt und das, was sie basteln möchte, herausgeholt. Pferdchen werden angemalt, weil sie Yasino diese zum Geburtstag schenken möchte. Die Babuschka soll ein Geschenk zu Weihnachten für Mutti werden. Aber da muss Freya uns noch mal besuchen, weil wir nicht mit dem Bemalen fertig geworden sind.

Gemeinsam sahen wir uns dann das "Dornröschen" an. Es ist so romantisch, wie der Prinz Dornröschen wach küsst! Freya war hin und weg.
"Omi, ist das Röschen auch eine Liebeste?" fragte sie.
Es blieb noch Zeit und wir hatten auch noch den Film "Das doppelte Lottchen" anzubieten. Freya überlegte eine Weile. Sie konnte dem Gedanken, doppelt zu sein, nicht viel abgewinnen. Denn dann müsste sie ihren Platz als Liebeste im Kindergarten ja teilen.
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