Direkt ins Blut

  Er wirkt von Weitem krank, alt, ja sogar etwas unfreundlich. Das traditionelle Weihnachtskonzert in Erfurt am 21. Dezember des letzten Jahres war für einige enttäuschend. „Er hat zu wenig mit dem Publikum kommuniziert, das war früher anders…“ oder „Der Sound war schlecht.“

Für mich war es das erste Wolf Maahn Konzert meines Lebens. Auf CD Covern ist ein Mittvierziger mit Lachfalten und Dreitagebart zu sehen. Er sieht auf seine Art glücklich aus, aber erfahren. In jedem Falle sympathisch. Seine Musik ist nicht leicht, nicht draufgängerisch, nicht normal. Eher verpackt in eine raue Stimme, mit wunderbar viel Gefühl und Ehrlichkeit im Ton. Man kauft es ihm ab, was er erzählt. Man kann nicht sagen, er ist unverwechselbar, das sagen alle und sind alle. Und das würde er nicht wollen.

Seine Texte sind Geschichten, kaum Reime aber klangvoll und ehrlich. Wenn er singt, ist es ganz gleich in welcher Gefühlslage man sich gerade befindet, er zieht einen mit, egal wohin.

Ich habe viel erwartet, von dem Mann, den ich bisher nur von CD-Covern kenne, nie im Fernsehen gesehen habe, oder Bilder angeschaut habe. Nun stand ich da, im Gewerkschaftshaus Erfurt, perfekt, für wahre Künstler, die die große Show meiden, weil sie es ganz einfach nicht brauchen. Wolf Maahn kam auf die Bühne, sagte kurz „Hallo Erfurt!!“, gab uns ein Peace-Zeichen und begann zu singen. Ich war erstaunt, dass er so klein war. Er wirkte zerbrechlich und furchtbar krank. Ich war quasi entsetzt über so einen kleinen Mann, der maximal 60 Kilo wog. Dennoch war er auf seltsame Weise cool, aber nicht so wie ich Ihn mir gewünscht hatte.
Er ist heute 57, auf den Covern war er 46. Von meiner Enttäuschung mit Vorurteilen behaftet, tastete ich mich zu Ihm vor. Seine Augen waren klein und etwas eingefallen. Ich versuchte mir einzureden, dass dies das Alter mit Ihm gemacht hatte.
Was mich aber überraschte war seine Stimme. Diese klang nämlich genau so wie auf meinen CDs. Auf den Videos bei YouTube und im Radio. Nichts von Zerbrechlichkeit, Schwäche oder Alter. Zu hören war Wolf Maahn, genauso wie vor 20 Jahren. Ich stand direkt vor Ihm und wurde mitgerissen. Mitgerissen von Texten, die es nicht für nötig hielten, dass man stundenlang über Sie nachdenken musste geschweige denn wollte. "Direkt ins Blut", wie es seine Albumtitel schon verraten. Es waren klare Geschichten von Frauen, Freiheit und Lebensgefühl. Das war das Besondere und das wahnsinnig Schöne. Hörte man auf Ihn anzuschauen, konnte man Ihn genießen und tatsächlich wahrnehmen, so wie er war und wie er immer bleiben wird. Und er kommunizierte. Er kommunizierte auf eine Art und Weise, die ich selten wahrgenommen habe. Ganz gleich wie alt oder zerbrechlich er aussah, er vermittelte in jedem Falle den Eindruck, dass er gern bei uns war. Manchmal hatte ich das Gefühl, es überwältigte Ihn, es war keine Show. Zwei Jungs neben mir, Anfang 30 schauten zu Ihm auf. Man hatte das Gefühl, dass Sie nichts anderes mehr wahrnahmen als dieses Gefühl was er vermittelte. Oft schlossen Sie die Augen, um genau diese Stimme wahrzunehmen, die unverwechselbar gleich geblieben ist.


Kommuniziert hat er dahingehend, dass er jeden einzelnen mit seinen Texten getragen hat. Dafür ist er nämlich stark genug.
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1 Kommentar
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Mariett Demirelli aus Erfurt | 05.03.2012 | 21:59  
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