Dollhouse - eine Ausstellungseröffnung von besonderer Art

Erfurt: Galerie Rothamel | Gestern Abend, pünktlich um 21.00Uhr, öffnete die Erfurter Galerie Rothamel für eine illustre Schar Neugieriger ihre Pforten zu einer Ausstellungseröffnung unter dem phantasiereichem Titel „Dollhouse“. Wer sich darunter nichts vorstellen konnte, hätte im Internet erfahren können, dass die Ausstellung Bezug zu einer Fernsehserie nehmen wollte, die 2009 beim US-amerikanischen Fernsehsender Fox ausgestrahlt wurde.

Die Erfinder der Serie, Joss Whedon und Eliza Dushku, verarbeiteten in den Plots zur Dollhouse-Staffel eine Menge bemerkenswerter Fragen. Eine jedoch schien in der gut einstündigen Kernzeit der Eröffnungszeremonie in Erfurt besonders anzukommen.

Wer sind wir, wenn wir uns außerhalb unseres gewohnten sozialen Umfeldes bewegen?

Diese „fish out of water“-Situation gehört für den amerikanischen Drehbuchautor Joss Whedon zu der spannendsten Bewährungssituation für seine Figuren. Als Meister der Struktur einer filmischen Storry nutzt er schon immer bevorzugt diese Konstellation, um seinen Figuren und ihren Zuschauern den Kern ihres Charakter transparent werden zu lassen.

Der findige Galerist Rothamel ließ sich offensichtlich von ihm inspirieren, als er seine Gäste in der Ausstellungsankündigung aufforderte, mit einer Maske zur Eröffnung zu erscheinen. Nicht wenige fühlten sich dabei zunächst wie „Fische auf dem Trockenen“, wenngleich sie fast alle dem geäußerten Wunsch nachkamen und sich um eine mehr oder weniger fantasiereiche Maske bemühten.

Was sich außerhalb der Faschingszeit und an diesem angenehm luftigen Sommerabend doch eher wie eine unpassende Verkleidung anfühlte, entwickelte sich im Ambiente der Ausstellung zumindest für einige Minuten tatsächlich zu einem magischen Moment shakespearehafter Sommernachtsstimmung. Dann nämlich, als die jungen Männer der Electronic-Band „Klinke auf Cinch“ aus Jena die Galerie mit verträumt groovigen Klängen verwandelten. Für einen kleinen, sphärischen Moment von wenigen Minuten wurden Besucher und Bilder miteinander verschmelzende Kulisse für die immerhin denkbare Möglichkeit, etwas anderes, als ein gehorsamer Teilnehmer an den Kulturangeboten der Landeshauptstadt zu sein.


Getragen von der leichten und sanften Stimmung der Klänge wandelten die Besucher der Galerie Rothammel zwischen Sommerbowlenstand und optischem Reiz der dargebotenen Bilder.

Die Künstler und das "Echo" ihrer Profile


Am stärksten lockte die Besucher der „Stirnseitenreißer“, ein gut vier Meter langes Gemälde des vietnamesischen Malers Nguyen Xuan Huy. Auf dem fotorealistisch einwandfrei gemalten Wandbild lockten mit schweren Waffen ausgestattete weibliche Xentauren mit erotischen Brüsten und schönen asiatischen Gesichtern und bedienten offensichtlich gängige Fantasien. Kein Wunder also, dass hier schon mal poussiert und ein Foto als Erinnerungsstütze an den kleinen Abend geschossen wurde.

Den meisten Besuchern waren zudem die beiden Gemälde der Japanerin Teiji Hayama einen langen Blick wert. Es war vielleicht weniger das von ihr beabsichtigte Spannungsfeld zwischen Zerbrechlichkeit und Stärke der in ihrer Weiblichkeit gerade aufkeimenden Mädchenfrauen, die den Thüringern was sagte. Das geschulte Auge erblickte eine merkwürdige Übereinstimmung der sich skurril herausschraubenden Leiber mit der Darstellungsweise eines Heinz Zander. Das sah dann irgendwie vertraut aus, denn Zander kennt hierzulande wohl jeder.

Die kleine Reliefarbeit der Dresdner Meisterschülerin Michiko Nakatani fiel vermutlich nur Liebhabern komprimierter Bildfindung als besonders ergreifende Arbeit auf. Sie zeigte eine kleine, bleiche Frauengestalt, die von einer schwarzen, vielzüngigen Woge jeden Augenblick verschlungen zu werden drohte.

Ganz anders erging es da den beiden farbintensiven und ebenfalls fotorealistisch gemalten Bildern des jungen Litauers Rodion Petrov. Es spielte keine Rolle, dass man solcherart Bilder längst aus der Geo kannte, sie wirkten trotzdem - so in Ölfarbe übersetzt.

Einmal mehr stellte sich die bange Frage, ob es in der ohnehin schon exotisch gewordenen Zunft der „echten Maler“ nicht langsam zur Machart verkommt, dass sie sich als Sammler guter, aber bevorzugt fremder Fotos betätigen, um diese dann akkurat abzumalen.

Genügt es wirklich schon, das Fotografierbare (Katrin Lambda „Der Schwimmer“) oder ebenso durch Fotomontage Gestaltbare (Eckart Hahn) in die Malerei zu übersetzen? Braucht es nicht doch noch eine andere, dem kreativen Künstlerwesen immanente Fähigkeit des schmerzhaft intensiven Tieftauchens nach dem Fühlbaren, emotional im Prozess des Malens geladenen Bild, wie es einem Gerd Mackensen bekannt, aber offensichtlich nicht mehr benötigt genug vorkommt?
Selbst die ausgemacht winzigen beiden Randfigurbilder des Süddeutschen Jochen Görlach sind bei aller Altmeisterlichkeit eben nicht nah am inneren Bild, sondern ganz der Renaissance-Idee vom handwerklich Erfassbaren geschuldet.

Eine Künsterseele ist zart und verletzlich und das jahrelange, beharrliche Aushalten in einem einsamen künstlerischen Schaffen, der Durchbruch ins Rampenlicht einer eher gleichgültigen Öffentlichkeit und deren Sehnsucht nach voyeuristischer Teilhabe an etwas Makaberem, sonst Verbotenem, lastet zweifellos schwer.

Galerist Rothamel zeigte deutliches Bemühen, das Dollhouse der erdachten Identitäten und Profile, mit denen sich die durch ihn präsentierten Künstler zu profilieren suchen, zu einem Ort werden zu lassen, an dem sie sich erinnern und erkennen können im Echo der von ihm konzipierten Präsentationsidee und der Besucher-Reaktion.

Das gespannte Gesicht der Künstlerin Ulrike Theusner, einst Meisterschülerin und Diplomandin an der Weimaer Bauhaus-Uni, beim Anblick der abendlichen Besucher ist mir unvergesslich geblieben.
Sie war mit einem nostalgisch impressiv anmutenden Triptychon in der Ausstellung vertreten, das Rothamel, wie mir schien, bewusst der fotorealistischen Sado-Maso-Provokation des auf dem Kunstmarkt längst erfolgreichen Nguen Xuan Huy gegenüber stellte. Ihre in Nizza erworbene Profilierung sitzt ihr offensichtlich noch, wenn auch angenehm locker, in den Künstlerhänden. Aber was wird sie uns in den nächsten Jahren noch von sich zeigen? Wird sie aus den impressionistischen Erscheinungen heraustreten oder noch weiter hinter ihnen zurück?

Fast scheint die Frage überflüssig, wenn man in der Ausstellung einen Schritt weiter geht und vor einem Bild von Moritz Götze stehen bleibt. Seine dekorative Motiv-Pop-Art faszinierte bekanntlich auch ohne sonderliche emotionale Tiefe und behauptet sich in ihrer dem Punker-Geist verhafteten Provokation.

Selbst ein Maler, dessen Figuren eigentlich nur umrissen sind und keine wirklich individuellen Wesenszüge bekommen , (Nabil El Makhloufi) passt völlig stimmig in das Profil der „Dollhouse“ genannten Ausstellung. Schließlich war diese Film-Serie doch der Idee von der Figur als Hülle, der man Wesenszüge und Charakter bedarfsgerecht ins Hirn programmiert, nachgegangen.

Ist es da wirklich noch bemerkenswert für das Ausstellungskonzept, dass gerade Makhloufis Arbeit in Rothamels Bildhängung den Schlusspunkt setzt?
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2 Kommentare
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Antje Hellmann aus Jena | 24.06.2013 | 11:00  
1.712
Susanne Hahn aus Erfurt | 27.06.2013 | 11:47  
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