Eine Familie geht zur Schule...

In der TA vom Dienstag, den 24.05.2011, las ich, dass die Eisenacher Oststadtschule geschlossen werden soll. Nur die Grünen sagen dazu "Nein".
Es ist eine Schule mit langer Tradition. Sie wurde 1897 als Neubau eröffnet und erhielt den Namen des Sachsen-Eisenacher Herzogs "Wilhelm Ernst". Diese moderne Volksschule besaß schon damals Fachräume für Physik, Chemie, Biologie und einen großen Schulgarten.
Meine Großmutter Magdalena Schenk, geboren 1891, wurde hier mit dem ersten Jahrgang 1897 eingeschult. Sie erzählte mir, zu Kaisers und Herzogs Zeiten habe es immer "Schulwecken" mit Milch gegeben.
Meine Mutter, Jahrgang 1914, besuchte von 1921 bis 1929 diese Schule. Das waren damals Jahre der Inflation und Wirtschaftskrise. Die jüngeren Geschwister meiner Mutter gingen während der Nazizeit in diese Schule, die damals von einem Direktor Seeber geleitet wurde. Die Erziehung war im Sinne des Nationalsozialismus ausgerichtet. Daher wurden die Kinder ehemaliger "Sozis" und sonstiger linker Gesinnungsträger benachteiligt. Auch mein Großvater Alfred Keyser geriet in Bedrängnis, als er den Nazigruß der Hitlerjugend nicht erwidern wollte.
Ein Lehrer namens Linde gab den Arbeiterkindern Nachhilfe für einen guten Start ins Leben.
Die Familie Seeber lebte auch noch nach dem Krieg im gleichen Häuschen auf dem Petersberg. Das ging aber nicht ohne Ärger ab.
1951 wurde ich eingeschult; nun in die "Erich-Mäder-Schule". Eine neue Zeit brachte neue Namen.
An die Einschulungsfeier erinnere ich mich gern. Meine Mutter war Schneidermeisterin geworden und fünf anhängliche Kundinnen standen mit Zuckertüten an der Schultür. Da sagte unsere Klassenlehrerin, Frau Bernewitz, zu ihnen "Stop!" und die Damen mussten draußen warten, weil einige Kinder von Evakuierten gar keine Tüten hatten. Hier sprang die Stadt mit Süßigkeiten ein.
Auf der Schulbühne stand ein großer Zuckertütenbaum. Mein Cousin Bernd trat als Zwerg verkleidet auf und durfte verkünden: "Ich bin Puck, ich gieß´ ihn an, damit er besser wachsen kann." Die Zuschauer waren ganz begeistert.

Die tägliche Strecke vom Petersberg zur Altstadtstraße betrug ca. 25 Minuten. Diesen Weg gingen damals alle Kinder an jeden Schultag gemeinsam. Heute müssen meine Enkelkinder in die Schule gebracht und wieder abgeholt werden.
Meine ganze Kindheit habe ich in der Oststadt zugebracht. Gemeinsam mit Christine Seeber haben wir bei "Nazi-Seeber" Äpfel geklaut und damit - wie wir meinten - die historische Gerechtigkeit wieder hergestellt.
Die "Erich-Mäder-Schule" war in der DDR eine Polytechnische Oberschule mit der Möglichkeit, einen 8-Klassen-Schulabschluss oder die Mittlere Reife zu erwerben.
Es war klar, dass die neue Zeit nach der Wende auch wieder Neuerungen mit sich brachte. Eigentlich war es aber das alte, dreigliedrige Schulsystem, mit dem die Schule 1897 gestartet war.
Ehrlich gesagt hätte ich mir statt der Bezeichnung "Oststadtschule" lieber einen unverwechselbaren Namen gewünscht, z. B. "Peters-Schule" ( Peter = Petrus = Öffner der Himmelspforte).
Der Einzugsbereich der Schule umfasste damals die Hofferbertaue den Petersberg und alle Straßen oberhalb der Straßenbahnhaltestelle Ost. Da waren zum Teil mehrere Kilometer zu bewältigen.
Wohin sollen die Kinder jetzt zur Schule gehen? Der Charakter einer Schule ist für die Schüler prägend, ein Stück ihrer Identität. Ich erinnere mich so gern an die schönen, aber auch dramatischen Stunden der Schulzeit, an die Biologielehrerin "Leberblümchen", das Fräulein Krankenhagen, den Russischlehrer Heppe und all die anderen. Manchmal blättere ich mein altes Poesiealbum durch und eine längst vergangene Welt wird wieder lebendig.
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