Eine Nachricht klagt an!

  Das waren noch Zeiten, als ich in der Zeitungswelt hoch gehandelt wurde. Jeder wollte mich haben, ich war begehrt. Jeder erwartete mich. Ich wurde noch geachtet als eigenständiges, journalistisches Genre - ich, die Nachricht.

Ich bestand neben Bericht, Reportage, Glosse, Kommentar und Feuilleton. Ja, ich, als aktuelle Tatsacheninformation, rahme diese Genres ein, gebe ihnen ein Zeitungsbett, in das sich der Leser kuscheln kann. Und jetzt soll ich verschmäht werden? Was ist denn heutzutage bloß los?

Ich fühle mich verkannt, verstoßen, gemobbt! Und obendrein wurde mir vielerorts die Identität – die Ortsmarke – geraubt. Doch ich bin kämpferisch!
Freiheit für Nachrichten!

Ich bin das Salz im Journalismus. Ich bin schlicht, bringe es auf dem Punkt! Der Leser braucht wenige Sekunden und weiß Bescheid: Was, wann, wo? Er muss nicht Wikipedia bemühen, um sich ein Bild davon zu machen: Was will mir der Schreiberling mitteilen?

Mich trugen Kuriere um die Welt, Ausrufer verkündeten mich auf Plätzen. Und so mancher Überbringer ging für mich in den Tod. Ich bin der Ursprung des Journalismus – der Journalistisch Urknall sozusagen.

- Wer posaunte den Sieg Gaius Julius Caesar über seinen ehemaligen Verbündeten Pompeius in die Römische Republik? Eine Nachricht!

- Wer verkündete den Niedergang von Napoleon in der Leipziger Völkerschlacht 1813? Eine Nachricht!

- Wer hat bekanntgegeben, dass Amundsen den Südpol erreichte? Eine Nachricht!

- Wer hat verbreitet, dass die Titanic im Eismeer versinkt? Eine Nachricht!

- Wer ging um die Erde mit der Botschaft vom Tod JFK‘? Eine Nachricht!

- Wer hat über den Erstflug von Juri Gagarin ins All, der die Amerikaner erstarren ließ, berichtet? Eine Nachricht!

- Ohne mich würde wahrscheinlich: Monica Samille Lewinsky heute noch im Weißen Haus tätig sein, würden am Grenzübergang in der Bornholmer Straße die Schranken noch geschlossen sein und die Russen könnten noch Manöver in der Uckermark inszenieren.

Man will mich, egal ob ich: Gutes verheiße, Traurigkeit, Entsetzen, Hass, Liebe, Freude, Leid, Besinnung, Bestärkung, Entmachtung, Verachtung, Krieg, Frieden, Neid, Verzweiflung, Rettung, Ehrung, Bedrohung, Bestätigung... auslöse.

Die Sucht nach Nachrichten bedarf keinem Arzt oder Entzug. Die Nachrichtendroge ist legal und legitim. Sie kann nicht groß genug sein, denn Wissen ist Macht. Und nicht die Großen fressen die Kleinen, sondern die Schnellen die Langsamen! Und ich bin schnell, sehr schnell!

Und dabei bin ich nicht einmal eitel! Ich bin ganz bescheiden, wortkarg, sparsam (auch mit Ressourcen) und sehr genügsam. Ich plustere mich nicht auf, mit Autorenzeile, Neuwortschöpfungen, Adjektiv-Lawinen und schwalligen Zitaten. Ich brauche keinen Hintergrundkasten und kein Extra-Genre, um mich pfauenhaft mit fotografischem Beiwerk zu schmücken.

Und ich bin gesellig! Ich trachte nicht nach Anerkennung, auf Preise und Archive. Divenhaftes Getue ist mir fremd. Und ich muss nicht erst überredet werden. Ich bin fast recherchefrei. Ich bin einfach da, rattere im Minutentakt über die Ticker – topaktuell.

Und Spartanismus ist mein Markenzeichen. Ich, die Nachricht, bin bedingungslos schlank, schlicht. Leicht verständlich – Diätjournalismus ohne Mangelerscheinungen! Ich bin lebendig, spritzig und manchmal auch witzig – aber klatschfrei!

Zig Nachrichtenagenturen weltweit verdanken mir ihre Existenz und gebären mich minütlich. Wie das doch klingt: Die Nachrichten, Top News, Nachrichten-Pool, Nachrichtendienst, Nachrichtenbüro, Nachrichtensatellit, Nachrichtensperre, Nachrichtensprecher, Nachrichtentechnik...

Und allein die Aussage: „Only bad news is good news“ unterstreicht die Macht einer Nachricht. Denn eine schlechte Reportage oder Glosse will niemand lesen.
Aber ich, die Nachricht, bin nicht einfach: Nicht jeder Schreiberling ist in mich vernarrt, weil er mich verkennt, belächelt, nicht so wichtig nimmt. Er kann nicht mit mir, weil er meine Kraft unterschätzt. Ich bin ihm, für so wenig zu viel Arbeit. Ich bin eben ein schweres Genre. Doch wer mich in Form bringt, bleibt in Form und erntet Leserdank.
Und wenn die Namensschilder meiner Schwestern eingerahmt auf der Familientafel den gleichen Anfangsbuchstaben tragen, ist das Kunst an der Nachricht. Da bin ich angekommen, errege Aufmerksamkeit. Da bin ich im geborgenen Zenit. Die Nachrichten-Ladies sind IN:
- inhaltlich unterschiedlich
- stylisch auf gleicher Stufe
- gekleidet wie Sechslinge
- uniformiert wie treue Soldaten und dennoch pazifistisch.

Welche Ausstrahlung!!!

Mich wird es noch geben, wenn längst keiner mehr Geschichten liest oder lesen kann.

Und schließlich werde ich es sein, die es eines Tages verkündet: Pulitzer-Preis für die Nachricht vergeben!

Ich versiege nicht! Ich melde mich wieder!
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
4 Kommentare
3.050
Antje Hellmann aus Jena | 17.10.2013 | 14:28  
12.760
Renate Jung aus Erfurt | 17.10.2013 | 19:27  
Simone Schulter aus Weimar | 18.10.2013 | 11:04  
12.760
Renate Jung aus Erfurt | 19.10.2013 | 20:11  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige